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DER VERDACHT

   Auch der ursprünglich ebenfalls für den "Schweizerischen Beobachter" geschriebene und ebenfalls zunächst als "Brotarbeit" unternommene Kriminalroman "Der Verdacht" enthält mehr direkte Beziehung zu der realen Welt Dürrenmatts als die anderen Werke. Wieder ist der Berner Kommissär die Hauptfigur, wieder ist Bern sehr gegenwärtig, diesmal in Form eines Spitals, welchen Ort ja Dürrenmatt leider gut kennengelernt hat. Auch einzelne Personen des Werks würde der genaue Kenner von Dürrenmatts Leben wohl unschwer mit einem bürgerlich beglaubigten Namen versehen können - ich vermute es bei dem Arzt Hugentobler und bei dem Schriftsteller Fortschig. Hier bei diesem armen Menschen, der nicht nur das Unglück hat, in der Schweiz, sondern auch von der Schweiz zu leben, hat ja Dürrenmatt auch ganz direkt und mit schöner Gerechtigkeit von der bitteren Lage des schweizerischen Intellektuellen gesprochen, vielleicht von seinem eigenen bitteren Kampf um die nackte Existenz - einer Phase, die man heute allzu leicht vergißt angesichts der großen materiellen Erfolge Dürrenmatts. Auch Zürich erscheint dann in dem Roman, und zwar verbinden sich in der gedrängten Vision der Stadt, wie sie der kranke Bärlach auf der Fahrt in die Klinik des teuflischen Emmenberger erlebt, in grobgedrehten Strähnen die Elemente des Romans selbst: der behagliche Kritiker eigener Volksart: "Die Stadt Zürich war ihm sonst nicht recht sympathisch, vierhunderttausend Schweizer auf einem Fleck fand er etwas übertrieben... ", die Gabe kosmischer Schau: "Krepieren, ... dies ist das Wort: krepieren - und die Erde wird sich immer noch um die Sonne drehen, in der immer gleichen, unmerklich schwankenden Bahn, stur und unerbittlich, in rasendem und doch so stillem Lauf, immerzu, immerzu. Was liegt daran, ob diese Stadt hier lebt oder ob die graue, wäßrige, leblose Fläche alles zudeckt, die Häuser, die Türme, die Lichter, die Menschen, - waren es die bleiernen Wogen des Toten Meeres, die ich durch die Dunkelheit von Regen und Schnee schwimmen sah, als wir über die Brücke fuhren? - Ihm wurde kalt. Die Kälte des Weltalls, diese nur von ferne erahnte, große, steinerne Kälte senkte sich auf ihn; die flüchtige Spur eine Sekunde lang, eine Ewigkeit lang. - Er öffnete die Augen und starrte aufs neue hinaus. Das Schauspielhaus tauchte auf, verschwand..." Das Schauspielhaus - warum gerade es? Sicher liegt es am Weg Bärlachs. Aber, so sehr dieser auch Moliere zugetan ist, ein topographischer Punkt seiner Welt ist dieser Ort denn doch nicht - in Drirrenmatts Welt ist er es wenigstens einmal gewesen. So steht denn dieser flüchtige Hinweis als eine jener seltenen Verhaftungen mit dem äußeren Leben des Dichters, der von sich sagt, er habe keine Biographie. Und - was sehr bezeichnend ist - sie steht zwischen zwei Aussagen, die dieses Biographische so weit und hoch überfliegen wie nur je: zwischen jener kosmischen Anschauung der Welt, die aus dem Zürichsee das Tote Meer macht und den "rasenden und doch so stillen Lauf" der Erde erlebbar macht, und einem anderen Satz, den man als Inbegriff von Dürrenmatts eigenem Wesen über sein Schaffen schreiben möchte, obwohl dieser Satz von dem todkranken Bärlach gesagt wird: "Vom Anhauch des Nichts gestreift, wurde er wieder wach und tapfer." Und wenn der Kommissär sich nun wieder "treiben läßt", so geschieht es "hell, tapfer, unerschütterlich".

    In diesem seltsamen Kriminalroman und seinem Helden Bärlach ist ja überhaupt für näheres Zusehen die Figur des dichterischen Menschen abgebildet. "Dieser mit zäher Energie ausgebaute und doch wieder nur zufällig in den müden Wellen der Krankheit zusammengeträumte Verdacht" zeigt auf seine Weise eine sehr wesenhafte Form des künstlerischen Schaffens. Kein Widerspruch ist es, wenn solches gerade an einem Werk abgelesen werden kann, das sicher nicht zu den gelungensten Dürrenmatts zählt. Was täte die Literaturwissenschaft schon, wenn die Dichter nur vollendete Auskristallisierungen ihres Auftrags in die Welt hinausgegcben hätten? Am nicht ganz Gelungenen hat sich die kritische Betrachtung noch immer am fruchtbarsten befestigen können, an den Sprüngen und Fugen der Werke hat sie immer noch am leichtesten Eintritt gefunden. Der Verdacht ist ein eilig hingeschriebenes und deshalb weniger scharf von der Selbstkontrolle gezähmtes Werk als andere Dürrenmatts. Er hat sich darin den eingeborenen Neigungen oft allzu schnell ergeben. Aber diese sind dafür auch um so klarer erkennbar.

    Grundmuster seiner Kunst treten hier deutlich heraus: die Figur des Don Quichote, das Zwerg-und-Riese-Muster Gullivers. Denn was für den Dramatiker Dürrenmatt Aristophanes ist, das sind für den Epiker Cervantes und Swift. Nun möchte man aber behaupten, unter den großen Romanfiguren seien diese zwei: Don Quichote (und natürlich seine Ergänzung Sancho Pansa) und die Riese-Zwerg-Welt Swifts, der Ausdrucksform des Dramas am nächsten. Sie haben schon jene Erhöhung, jene "Übertreibung", die auch das Wesen des Dramas ist. An der Flinkheit, rnit der Dürrenmatt gerade im Veräacht der Neigung erliegt, die typisch romanhafte Ausdrucksform zu verlassen, zeigt sich seine doch wohl ursprünglichste Anlage, die dramatische. Sie zeigt sich übrigens auch schon in der Wahl, einen Kriminalroman zu schreiben. Denn nicht nur kann man wähnen, man entfliehe mit ihm der Literatur, sondern das notwendig Abgekartete des Kriminalromans hat seine unverkennbaren Beziehungen zu der dramatischen Technik, die als einzige Zufälligkeit den Theatercoup erträgt, welcher seinerseits ein Ding genauester Berechnung ist. Die Geschwindigkeit des dramatischen Geschehens erlaubt eben keineswegs die List des epischen Ausdrucks, das, was ebenfalls genau berechnet sein muß in seinen Grundlinien, mit der Lässigkeit des scheinbar Zufälligen zu verhüllen. Riese und Zwerg also: ein Riese, der die technisch raffiniertesten Gitter und Fensterläden öffnen kann, der zudem ein Fassadenkletterer aus Passion ist und damit Dürrenmatts literarisch so gern getätigten Sport, durchs Fenster in ein Zimmer zu treten, mühelos ausüben kann - ein Zwerg, der ein Gleiches vermag bei beschränktenAusmessungen: Handlungswerkzeuge also, die der "richtige" Kriminalroman schon deswegen verschmähen wird, als ja Zwerg und Riese vermöge ihrer Auffälligkeit schlecht geeignet sind, einer noch so kurzsichtigen Polizei zu entgehen. Aber die findige List spielt in diesem Roman überhaupt keine Rolle mehr. Was Bärlach tut, ist der reine Wahnsinn. Seine Polizistenrolle ist schon sehr früh ausgespielt, nämlich im Augenblick, wo er den teuflischen Widersacher entlarvt hat. Dieser jedoch hat ihn zur gleichen frühen Zeit ebenfalls entlarvt, und was dann geschieht, ist etwas, was mit dem Kriminalroman nichts mehr zu tun hat: "Es amüsiert mich, mich wie eine Fliege in Ihrem Netz zappeln zu sehen, um so mehr, als Sie gleichzeitig in meinem Netz hängen", sagt der entlarvte Mörder zu Bärlach. Die Partie steht nur deswegen nicht 1:1, weil Bärlach todkrank ist. Die Entscheidung wird von außen her und auf eine durchaus nicht erklärte Weise gebracht, eben durch Riese und Zwerg, durch Figuren des Märchens oder des surrealen Dramas. Eine solche Entscheidung ist aber deswegen erlaubt, weil wir hier sehr weit jenseits des Kriminalromans sind. Eine eigentliche Herzkammer des Werks ist jenes Gespräch, wo der teuflische Arzt Bärlach bedrängt, er solle ihm seinen Glauben bekennen : "Ich bin bereit, alles auf ein Los zu werfen, wie auf eine Münze. Ich werde mich geschlagen geben, wenn Sie, Kommissär, mir beweisen, daß Sie einen gleich großen, gleich bedingungslosen Glauben wie ich besitzen. "Das Schweigen Bärlachs treibt ihn zu immer stärkerem Andringen, er wird sich auch mit dem Glauben an die Gerechtigkeit zufriedengeben oder mit dem Glauben an den Glauben, seine Befreiung binde er an einen lumpigen Witz, an eine kinderleichte Bedingung - eben an dieses Bekenntnis : "Der Glaube an das Gute wird doch wenigstens im Menschen gleich stark sein wie der Glaube an das Schlechte." Aber Bärlach schweigt und hört nur das Ticken der Uhr, das ihn der Stunde entgegenführt, wo ihn Emmenberger zu Tode operieren wird. Emmenberger gegenüber, der den Punkt des Archimedes erreicht hat, sich zu vernichten oder sich zu bewahren in völliger Freiheit, der das Höchste, was der Mensch erringen kann, errungen hat, den einzigen Sinn im Unsinn dieser Welt - diesem Freien gegenüber hat Bärlach nur Schweigen, das freilich auch noch die eigene Angst verschweigen kann: "ein trauriger Ritter ohne Furcht und Tadel". Gerettet wird er von dem Riesen, diesem eigentlichen deus ex machina, und der Riese wird auch die Antwort geben auf Emmenbergers Glaubensbekenntnis zur Materie, allerdings die Antwort geben, nachdem er Emmenberger schon auf nicht erklärtem Wege umgebracht hat. Es ist die Antwort, die Dürrenmatts Werk immer wieder erteilt, in wörtlich genauer Wiederholung erteilt, als spreche der Katechismus selbst: "Wir können als einzelne die Welt nicht retten ... sie ist nicht in unsere Hand gelegt, auch nicht in die Hand eines Mächtigen oder eines Volkes oder in die des Teufels, der doch am mächtigsten ist, sondern in Gottes Hand, der seine Entscheide allein fällt. Wir können nur im einzelnen helfen, nicht im gesamten ... So wollen wir die Welt nicht zu retten suchen, sondern zu bestehen, das einzige wahrhafte Abenteuer, das uns in dieser späten Zeit noch bleibt."

    Nicht die einzige Grundformel von Dürrenmatts Weltschau ist aber in dem Buch dieses Bekenntnis zur Tapferkeit ebenso zentral ist auch die Besessenheit von der Idee der Gerechtigkeit. Auch hier gibt es Richter - falsche und wahre -, auch hier Henker, auch hier, wie im Mississippi, taucht das Gesetz Mosis auf und wird sogar noch geübt, denn Gulliver ist ein Riese und Mississippi nur ein aus der Gosse gekrochener Staatsanwalt. Henker ist hier Schwester Kläri aus Biglen, ein "gemütlicher Henker" mit "einem roten, fleischigen Kopf", "ein Ungeheuer an Biederkeit... die Hände über dem Bauch gefaltet, strahlend und überzeugt", wenn sie das von ihr verfaßte Traktätchen "Der Tod, das Ziel und der Zweck unseres Lebenswandels. Ein praktischer Leitfaden" zückt. Ein echter Richter ist Gulliver, der geschändete Jude, "ein Richter aus eigenen Gesetzen ..., der nach eigener Willkür richtete, freisprach und verdammte, unabhängig von den Zivilgesetzbüchern und dem Strafvollzug der glorreichen Vaterländer dieser Erde", ein falscher Richter Emmenberger, der völlig Freie, der aber in dieser Freiheit auch das absolute Prinzip der Ungerechtigkeit entdeckt hat: "Es ist Unsinn, an die Materie zu glauben und zugleich an einen Humanismus, man kann nur an die Materie glauben und an das Ich. Es gibt keine Gerechtigkeit - wie könnte die Materie gerecht sein -, es gibt nur die Freiheit, die nicht verdient werden kann - da müßte es eine Gerechtigkeit geben, die nicht gegeben werden kann - wer könnte sie geben -, sondern die man sich nehmen muß. Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist." Daß Freiheit ihre Schranke an der Freiheit des Nächsten findet und daß es also wirkliche, unbeschränkte Freiheit nur durch Verletzung der Freiheit des Nächsten geben kann, das denkt und lebt dieser "Höllenfürst" bis zum Ende.

    Zu schnell, zu geradlinig, zu - allegorisch, möchte man sagen. Es ist vieles allzu schematisch in diesem Roman, ungeduldig und durch die Ungeduld manche Gelegenheit verscherzend. Wenn Dürrenmatt das kriminalistische Suchspiel schon allzu früh an sein Ende kommen läßt, so ist das ein solcher Preis der Ungeduld - und der Erkenntnis, im Kriminalroman nicht am richtigen Ort zu sein. Wenn er andererseits seine Gestalten auf die äußerste Spannung ihrer Möglichkeiten treibt, Ungeheuer aus ihnen macht - außer aus dem Arzt Hugentobler und dem Kommissär Bärlach -, so ist das die gleiche Ungeduld, die nicht im Abstufbaren und Abgestuften ausharren mag. Behutsamkeit noch im Äußersten, diese echt epische und dem Epischen nie ganz entbehrliche Tugend, sie ist Dürrenmatt hier noch nicht erreichbar. Es fehlte ihm an der Zeit, seinen vordergründigsten Neigungen zu widerstehen. Aber wenn der "Verdacht", einzeln besehen, ein Randwerk ist, so ist er, eingeordnet in das Gesamtschaffen Dürrenmatts, von großer Aufschlußkraft. So wie man Verbrecher durch Ermüdung zu Bekenntnissen treibt, so mag man Dichter an ihrer Erschöpfung auf ihrem Wesen ertappen. Das geheime Pathos Dürrenmatts, das er sonst zu verstecken weiß, tritt heraus, etwa in der Beschreibung des Riesen oder des Zwergs geschändeter Kreatur: "Der Kopf war kahl und mächtig, die Hände edel, aber alles mit fürchterlichen Narben bedeckt, die von unmenschlichen Mißhandlungen zeugten, doch nichts hatte vermocht, die Majestät dieses Gesichts und dieses Menschen zu zerstören." Oder: "Was wollen wir nun mit diesem kleinen Tierchen machen, das doch ein Mensch ist, mit diesem Menschlein, das man doch vollends zu einem Tier entwürdigte, mit diesem Mörderchen, das allein von allen unschuldig ist, aus dessen traurigen braunen Augen uns der Jammer aller Kreatur entgegensieht?" Das Gefühl tritt hier offen heraus und überschreitet die Schranke der dichterischen Person, wird persönliche Aussage. Dürrenmatt wird noch sehr gut lernen, solches zu verhüllen. Aber es ist doch schön, es einmal unmittelbar neben den groß, ja übergroß geschwungenen Gebärden erscheinen zu sehen, jenen Gebärden, die im Roman überdimensioniert sind und ins Reißerische abgleiten, die aber im Grunde der Maßstäblichkeit des Theaters entnommen sind, wo sie, klug abgestimmt, ihre durch nichts zu ersetzende Richtigkeit haben können. Ein letztes Zitat mag die Nähe zum Theater erkennen lassen, und zwar zu jener Szene, die auch auf dem Theater Dürrenmatt nur schwer abgenommen zu werden pflegt, der Dachszene aus "Es steht geschrieben" mit ihrer gewalttätig verschobenen Maßstäblichkeit. Da heißt es also am Ende des "Verdachts": "Noch einmal winkte der Jude dem Alten zu, dann griff er mit beiden Händen hinein ins Gitter, bog die Eisenstäbe auseinander und schwang sich zum Fenster hinaus. - "Leb wohl, Kommissar", lachte er noch einmal mit seiner seltsam singenden Stimme, und nur seine Schultern und der mächtige nackte Schädel waren zu sehen, und an seiner linken Wange das greisenhafte Antlitz des Zwerges, während der fast gerundete Mond auf der andern Seite des gewaltigen Kopfs erschien, so daß es war, als trüge jetzt der Jude die ganze Welt auf den Schultern, die Erde und die Menschheit. "Leb wohl, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, mein Bärlach", sagte er, "Gulliver zieht weiter zu den Riesen und zu den Zwergen, in andere Länder, in andere Welten, immerfort, immerzu. Leb wohl, Kommissar, leb wohl", und mit dem letzten "Leb wohl" war er verschwunden." Vielleicht muß man wissen, daß eine von Dürrenmatts Lieblingsbeschäftigungen die Astronomie ist. Er besitzt ein gutes Fernrohr und lebt, zum Unterschied von immer noch dem Großteil der Menschheit, im Wissen um die astronomischen Räume, lebt sie, beschränkt sich nicht darauf, sie zu wissen. Da kann denn wohl der Mond neben einen kahlen Menschenschädel treten, da kann jemand sagen, wir "rasten auf unserem Planeten durch das Weltall wie Hexen auf einem Besen". Dürrenmatt zieht aus der Spannung zwischen Irdischem und Außerirdischem sowohl Nahrung für seinen Humor wie für seine Apokalyptik. Auch im "Verdacht" ist das sichtbar.