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Ein junger Staatsanwalt geht zur Beerdigung seines Vorgängers, eines alten
Staatsanwalts, und lernt bei dieser Gelegenheit
einen Richter näher kennen, welcher der Freund des verstorbenen
Staatsanwalts gewesen ist. Während die beiden
im Leichenzug dahinschreiten, erzählt
der Richter, er habe jeden Monat einmal
mit dem Verstorbenen Schach gespielt.
Der Staatsanwalt meint (sie nähern sich
schon dem Krematorium), auch er sei ein
Liebhaber des Schachspiels. Die beiden
nehmen an der Trauerfeier teil, dann
schreiten sie nicht weit hinter dem Sarg
dem ausgehobenen Grab entgegen. Der
alte Richter fragt den jungen Staatsanwalt,
ob er ihn nicht auch zu einer Schachpartie einladen könne, der Staatsanwalt
nimmt die Einladung an, sie verabreden
sich auf den nächsten Sonnabend, des
Staatsanwalts junge Frau ist ebenfalls eingeladen;
zwar ist der alte Richter Witwer,
doch führt dessen Tochter den Haushalt.
Am nächsten Sonnabend trifft gegen sieben Uhr der junge Staatsanwalt mit seiner
Frau beim alten Richter ein, der in einer
stillen Villa wohnt, umgeben von einem
großen Park mit riesigen Tannen, alles in
einer Vorstadt gelegen, wo nur die Reichen wohnen,
im sogenannten "englischen Viertel". Von den Tannen und Bäumen her noch Vogelgezwitscher, ferner
letzte Sonnenstrahlen. Das Mahl ist ausgezeichnet, die Weine auserlesen.
Nach dem Essen führt die Tochter des
Richters die Frau des Staatsanwalts in den
Salon; die Herren ziehen sich in das Arbeitszimmer zurück. Das Schachspiel
steht schon bereit. Der alte Richter serviert Kognak,
die beiden sitzen sich gegenüber, doch bevor das Spiel beginnt, äußert
der alte Richter, er habe dem Staatsanwalt ein Geständnis zu machen. Es sei
zwanzig Jahre her, daß er den eben verstorbenen Staatsanwalt kennengelernt
habe, und zwar anläßlich der Beerdigung
des Richters, dessen Nachfolger er geworden ist. Während dieser Beerdigung sei er
mit dem eben verstorbenen Staatsanwalt
aufs Schachspiel zu sprechen gekommen,
denn auch der eben verstorbene Staatsanwalt
habe mit dem vor zwanzig Jahren verstorbenen
Richter monatlich ein Schachspiel durchgeführt,
und zwar ein ganz besonderes Schachspiel: Die Schachfiguren
nämlich bedeuteten bestimmte Personen,
die ein Spieler für sein Spiel selber bestimmen konnte, die Dame hatte die Person
zu sein, die dem Spieler am nächsten
stand; für den Staatsanwalt war es dessen
Schwester, die ihm nach dem Tode seiner
Frau den Haushalt führte, für den Richter
seine Frau. Von beiden Spielern wurden
die Läufer mit befreundeten Pastoren
oder Lehrern, die Springer mit Rechtsanwälten
oder Offizieren, die Türme mit Industriellen oder Politikern gleichgesetzt;
die Bauern stellten einfache Bürger dar,
auch das eigene Dienstmädchen oder den
Milchmann.
Die Regel des Schachspiels bestand
nun darin, daß jeder Spieler, verlor er eine
Figur, den Menschen, der durch diese Figur dargestellt wurde, töten mußte. Das
Spiel konnte erst wiederaufgenommen
werden, wenn der Mord ausgeführt worden war. Wer jedoch schachmatt gesetzt
wurde, mußte sich das Leben nehmen,
was dazu führte, daß ein Spiel Jahrzehnte
dauerte, jeder Zug wurde oft monatelang
überdacht: So hatte der alte Staatsanwalt
mit dem Vorgänger des alten Richters
fünfzehn Jahre lang gespielt, bis er diesen
mattsetzen konnte, hatte allerdings vorher - wie auch sein Gegner
- seine Frau ermorden müssen. Wer das Spiel erfunden,
war nicht auszumachen - auch der Vorgänger des Richters
habe es mit dem Vorgänger des eben verstorbenen Staatsanwalts
gespielt, der es ebenfalls vom Vorgänger
des Vorgängers des alten Richters übernommen hätte,
immer hätten wohl in dieser Stadt der Richter und
der Staatsanwalt dieses geheime Spiel geführt.
Das sei die Erklärung des alten Staatsanwalts gewesen, die dieser ihm, dem
Richter, abgegeben habe, und dieser Erklärung sei eine Beichte
der Morde erfolgt, die der alte Staatsanwalt mit dem
verstorbenen Richter begangen hätte. Seine erste Reaktion, fährt der alte Richter
fort, sei gewesen, den Vorgänger des jetzigen Staatsanwalts sofort zu verhaften,
doch dann habe er der Versuchung nicht
widerstehen können, mit dem Staatsanwalt ein neues Spiel zu beginnen: Der
Staatsanwalt hätte als Dame seine älteste
Tochter, die ihm den Haushalt führte - da
seine Frau aus Schachspielgründen hatte
das Zeitliche segnen müssen -, und er seine junge Frau eingesetzt. Das Leben hätte
von nun an für ihn einen anderen Sinn bekommen: Durch das Schachspiel hätten
sie über bestimmte Personen die Macht
von Göttern bekommen, wie Arimahn
und Ormuzd seien er und der alte Staatsanwalt einander gegenübergesessen.
Zwanzig Jahre hätten sie so miteinander
gespielt, er hätte um jede Figur gerungen,
es sei entsetzlich, aber gleichzeitig gewaltig
gewesen, wenn man eine Figur hätte opfern müssen, und nie vergesse er den Tag,
wo er - um sich vor dem Schachmatt zu retten - seine eigene Gattin hätte hergeben
müssen - bis sich endlich vor einer Woche
der alte Staatsanwalt hätte das Leben nehmen
müssen, weil er selber schachmatt gesetzt worden sei.
Es sei vielleicht erstaunlich, daß die Morde,
die sie im Verlauf dieser zwanzig Jahre hätten begehen müssen,
nie entdeckt worden wären, doch - abgesehen davon,
daß sie sehr sorgfältig ausgeführt worden seien,
was der Richter mit einigen Beispielen belegt - habe der Grund
auch darin gelegen, daß niemand hinter
den Morden ein so ausgefallenes Motiv
wie ein Schachspiel hätte vermuten können. Der junge Staatsanwalt hört sich die
Beichte des alten Richters mit Entsetzen
an. Der Richter lehnt sich zurück, aus
dem Nebenzimmer ist das muntere Gespräch der beiden Frauen zu hören. "So,
Sie können mich verhaften", sagt der Richter. Der junge Staatsanwalt denkt nach,
greift dann nachdenklich zu den Figuren,
die neben dem Spielbrett stehen, und
stellt die Dame auf ihren Platz. "Ich setze
meine Frau", sagt er. Der alte Richter entgegnet: "Ich setze meine Tochter" und
stellt seine Dame aufs Spielbrett.
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