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  •             ...den Alltag

    Wir müssen den Mut haben, zu unserer Zeit zu stehen. Nur getrost, auch sie hat ihre Helden und Raubritter, und in der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im Teutoburger Walde. Nicht Herzöge und Feldherren, sondern Geschäftsleute, kleine Krämer, Industrielle, Bankiers, Schriftsteller sind die Rollenträger unserer Zeit - noch genauer: wir alle sind es, und die Handlung, die wir durchmachen, durchstehen müssen, ist die unseres Alltags.

    "Die Panne"
      ...die Aufklärung

    Wir neigen dazu, die Aufklärung zu unterschätzen. Vielleicht weil wir von ihr ernüchtert sind oder enttäuscht oder weil wir uns in die Zeit des unangefochtenen Glaubens zurücksehnen, zurück in die Nestwärme des Nichtangezweifelten. Wir frösteln, wenn wir an die Aufklärung denken. Sie setzte, wie wir annehmen, an Stelle des Glaubens die Vernunft, und die Vernunft ist etwas Kaltes.  Sie brachte, wie wir zwar wissen, das neue wissenschaftliche Denken hervor, aber wir weigern uns, dieses neue Denken als ein philosophisches Denken anzuerkennen, obgleich es wie nie ein anderes Denken die Welt veränderte und in Gebiete vorstieß, die vorher Sache der philosophischen Spekulation wäre.

    Zusammenhänge/Nachgedanken
     
     
    ...die Aussteiger

    Der moderne Mensch ist der Barbarei seiner Zivilisation verfallen. Er nistet sich in dieser Wildnis ein wie der Urbauer, der sein Stück Land beackert. Er sitzt in seinem Büro oder arbeitet in einer Fabrik. Er verdient sein Brot mit dem, was ihm die Zivilisationswildnis an Erwerbsmöglichkeiten bietet, ohne sie als Ganzes zu verstehen, ja oft ohne seine Tätigkeit in ihrer ganzen Auswirkung zu begreifen. Ihm gegenüber kommt ein Menschenschlag auf, der die zivilisierte Wildnis wie ein Nomade benutzt, der, statt ein Pferd zu reiten, Motorrad fährt. Er lebt nicht in der Zivilisation, sondern durchzieht sie, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von einem abbruchreifen Haus zum andern. Die heutigen Rockers sind die ersten Menschen, die sich von der modernen Zivilisation auf ihre Art wieder befreit haben, die nicht mehr nach ihrem Sinn fragen, denen sie nicht mehr wie ein Gefängnis vorkommt, sondern als Natur. Sie protestieren gegen jene, die zwar glauben, in einem Gefängnis zu leben, ohne sich jedoch dagegen aufzulehnen. Die Rockers schockieren die Spießer, die sich in ihr Schicksal ergeben und es als unveränderbar angenommen haben.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
     
    ...das Bild

    Das abstrakte Denken des Menschen, die jetzige Bildlosigkeit der Welt, die von Abstraktheiten regiert wird, ist nicht mehr zu umgehen. Die Welt wird ein ungeheurer technischer Raum werden oder untergehen. Alles Kollektive wird wachsen, aber seine geistige Bedeutung einschrumpfen. Die Chance liegt allein noch beim Einzelnen. Der Einzelne hat die Welt zu bestehen. Von ihm aus ist alles wieder zu gewinnen. Nur von ihm, das ist seine grausame Einschränkung. Der Schriftsteller gebe es auf, die Welt retten zu wollen. Er wage es wieder, die Welt zu formen, aus ihrer Bildlosigkeit ein Bild zu machen.

    Literatur und Kunst
     
     
    ...die Computer

    Ein Computer ist eine Prothese des menschlichen Hirns. Er ist eine Maschine. Was das Tier durch Evolution vollbringt, die Millionen von Jahren dauert, indem sich etwa der Saurier durch Veränderung seiner Knochen im Verlaufe der Zeit zu einem Land-, Flug- und Fischsaurier entwickelt, das vollbringt der Mensch dank seinen Maschinen vollkommener als das Reptil. Wir rasen in Autos, fliegen mit Flugzeugen und Raketen, schwimmen mit Schiffen. Ohne Technik ist der Mensch nicht mehr lebensfähig. Die Maschinen vermögen, je perfekter wir sie bauen, alle unsere Arbeiten auszuführen, auch unser Regieren über Menschen. Der Mensch kann nur durch Maschinen objektiv regiert werden, scheint es, es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich ihnen anzuvertrauen. Nur durch eine vollkommene Automation kann er sich vom Kampf ums Dasein befreien, nur durch Maschinen wird er frei. Der Mensch wird der totale Konsument, der Konsument, der für sein Konsumieren nicht zu arbeiten braucht. Was wird für diesen Menschen wichtig? Kunstwerke? Wird sich eine ungeheure Sonntagsmalerei ausbreiten? Wird es noch eine Politik geben, oder wird die Politik eine Farce sein? Eine Zeremonie? Feierliche Protestmärsche ohne Wirkung gegen unumstößliche Computerbeschlüsse, deren Sinn nur noch den Computern einleuchtet? Werden Sekten entstehen, neue Religionen, weil sich der materiell gesicherte Mensch nur noch für Metaphysisches interessiert? Fegen blutige Glaubenskämpfe über die von Computern verwaltete Erde? Werden die Rasierten von den Bärtigen oder die Bärtigen von den Rasierten ausgerottet? Wird Fußball so lebensentscheidend, daß sich die Anhänger verschiedener Mannschaften gegenseitig zerfetzen? Bildet sich eine neue Priesterschaft, die izber den Menschen herrscht, reißt eine Handvoll Techniker, welche die Computer bedienen, die Herrschaft über die Erde an sich? Wird die von Computern beherrschte Menschheit eine Revolution gegen die Maschinen entfesseln, wird der Mensch wieder ein Pfahlbauer?

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
     
    ...die Demokratie

    Die Demokratie ist eine der großen politischen Ideen des Menschen. Dazu finden sich in der Schweiz Ansätze. Die Demokratie ist ein Versuch, innerhalb eines Machtsystems möglichst viele an der Macht zu beteiligen: die Mehrheit herrscht über die Minderheit. Doch je komplizierter ein Staat wird, desto komplizierter wird die Durchführung der Demokratie; die Schweiz, in der noch Möglichkeiten einer direkten Demokratie bestehen, macht davon keine Ausnahme. Ein Land muß nicht nur regiert, es muß auch verwaltet werden. Es sind nicht nur Beschlüsse zu fassen, sie sind auch zu verwirklichen. Die Politik setzt sich aus Politikern zusammen, die die Politik beschließen, und aus Beamten, die die Politik durchführen. Je komplizierter nun der gesamtpolitische Apparat eines Landes wird, desto mehr werden Politiker Beamte und Beamte Politiker.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
     
    ...Das Parlament

    Das Parlament repräsentiert in Wirklichkeit nur sich selbst und nur ideologisch das Volk. Die Struktur der modernen Gesellschaft, in der ein jeder irgendwie ein Angestellter ist, arbeitet der Demokratie entgegen. Ein jeder ist gewohnt, sich verwalten zu lassen. Die Demokratie setzt jedoch Kritik voraus und die Angewohnheit, der Regierung auf die Finger zu sehen. Ein Parlament dagegen, das nur aus Beamten und Funktionären besteht, kommt in Versuchung, dem Volke vorzuschreiben, wie es zu sein hat. Wir haben gehorsame Demokraten zu sein.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
      ...Sozialdemokratie und Volksdemokratie

    Das Dilemma der Sozialdemokratie: Sie bietet den Sozialstaat an, aber der Sozialstaat bedeutet mehr Staat, was der bürgerliche Staat auch anbietet, auch er muß ein Mehr an Staat hinnehmen, das Gesetz der großen Zahl zwingt allen den Sozialstaat auf. Die Koalition der Sozialdemokraten mit den bürgerlichen Parteien ist logisch: beide wollen nicht das gleiche, aber müssen das gleiche tun. Das trifft auch zu, wo einer dcr beiden, bald der eine, bald der andere, in Opposition tritt, jeder, einmal an der Macht, muß dem Staat ein "Mehr" zufügen. Die Furcht beider ist freilich verschieden, wenn auch mit viel Demagogie verbunden. Die "Bürgerlichen"  fürchten die Volksdemokratie, die Sozialdemokraten die Diktatur.

    "Überlegungen zum Gesetz der großen Zahl"
      ...den Staat

    Nur so hat die Demokratie noch einen Sinn: im Kampf gegen den Staat für den Staat, in der Auseinandersetzung mit der Institution für die Institution, als Versuch, den Staat zu vermenschlichen. Mehr, als den Staat zu humanisieren, vermag keine Politik, sonst wird sie zum Abenteuer.

    Stoffe I-III
     
     
    ...das Denken

    Die Menschheit ist, um einen Ausdruck der Physik anzuwenden, aus dem Bereich der kleinen Zahlen in jenen der großen Zahlen getreten. So wie in den Strukturen, die unermeßlich viele Atome umschließen, andere Naturgesetze herrschen als im Innern eines Atoms, so ändert sich die Verhaltensweise der Menschen, wenn sie aus den relativ übersichtlichen und, was die Zahl ihrer Bevölkerung betrifft, kleineren Verbänden der alten Welt in die immensen Großreiche unserer Epoche geraten. Wir sehen uns heute Staatsorganisationen gegenüber, von denen die Behauptung, sie seien Vaterländer, nur noch mit Vorsicht aufzunehmen ist. Ebenso bemüht sich die heutige Politik oft, Ideen aufrechtzuerhalten, die der staatlichen Wirklichkeit nicht mehr entsprechen: Daher das allgemeine Gefühl, einem boshaften, unpersönlichen, abstrakten Staatsungeheuer gegenüberzustehen. Politik im alten Sinne ist kaum mehr möglich. Wir brauchen eine technische Bewältigung von technischen Räumen, vor allem eine neue, genaue Unterscheidung von dem, was des Kaisers, von dem, was Gottes ist, von jenen Bezirken, in denen Freiheit möglich, und jenen, in denen sie unmöglich ist. Die Welt, in der wir leben, ist nicht so sehr in eine Krise der Erkenntnis gekommen, sondern in eine Krise der Verwirklichung ihrer Erkenntnisse. Sie ist ohne Gegenwart, entweder zu sehr der Vergangenheit verhaftet oder einer utopischen Zukunft verfallen. Der Mensch lebt heute in einer Welt, die er weniger kennt, als wir das annehmen. Er hat das Bild verloren und ist den Bildern verfallen. Daß man heute unser Zeitalter eines der Bilder nennt, hat seinen Grund darin, daß es in Wahrheit eines der Abstraktion geworden ist. Der Mensch versteht nicht, was gespielt wird, er kommt sich als ein Spielball der Mächte vor, das Weltgeschehen erscheint ihm zu gewaltig, als daß er noch mitbestimmen könnte; was gesagt wird, ist ihm fremd, die Welt ist ihm fremd. Er spürt, daß ein Weltbild errichtet wurde, das nur noch dem Wissenschaftler verständlich ist, und er fällt den Massenartikeln von gängigen Weltanschauungen und Weltbildern zum Opfer, die auf den Markt geworfen werden und an jeder Straßenecke zu haben sind.

    Literatur und Kunst
     
     
    ...die Erde

    Vergleichen wir den Planeten, auf dem wir leben - und es bleibt uns trotz Raumfahrt kein anderer zur Verfügung -, vergleichen wir die Erde mit einem Schiff, so bin ich durchaus in der Lage, von den Ordnungen, die in den verschiedenen Kabinenklassen herrschen, eine Beschreibung zu geben und aufverschiedene Regeln des Zusammenlebens hinzuweisen, etwa auf die gesellschaftliche Notwendigkeit, beim Dinner in der ersten Klasse Smoking zu tragen. Diese Beschreibung wird jedoch in Frage gestellt, wenn die Anzahl der Passagiere sich ändert. Die Ordnung und damit die Beschreibung dieser Ordnung ist nur gesichert, wenn die Anzahl der Passagiere im wesentlichen gleich bleibt; verringert sich die Anzahl der Passagiere oder nimmt sie zu, wird die Ordnung in den verschiedenen Klassen und die Beschreibung dieser Ordnung fragwürdig. Besteht die erste Klasse aus Einzelkabinen, die zweite aus Zweier- und die dritte aus Zehnerkabinen, wird diese Ordnung sinnlos, wenn jede Klasse nur mit zwei Passagieren belegt ist. Jeder Passagier besitzt dann eine Kabine, jene der dritten Klasse die größten, auch findet aus lauter Langeweile ein Zusammenschluß der Passagiere statt, das Tragen eines Gesellschaftsanzugs wird aus Mangel an einer Gesellschaft lästig, warum sollen sich zwei in einen Gesellschaftsanzug zwängen, wenn die vier anderen mit offenem Hemd herumlaufen; wird das Schiff mit Passagieren überfüllt, fällt das Klassensystem ebenfalls zusammen. Bei einem normal belegten Schiff herrscht in der ersten Klasse das Prinzip der Freiheit vor. Jeder Passagier besitzt seine eigene Kabine und soll mög- lichst frei und ungestört sein. Die zweite und gar die dritte Klasse werden mehr vorn Prinzip der Ge- rechtigkeit geregelt. Wächstjedoch die Anzahl der Passagiere an, können mit der Zeit keine Einzel- kabinen mehr gewährt werden, notgedrungen werden strengere Bestimmungen über das Zu- sammenleben der Passagiere eingeführt. Sowohl die Einzelkabine als auch der Smoking wird ein Privileg, das desto ärgerlicher wirkt, je mehr die Anzahl der Passagiere anschwillt. Die Notwendigkeit, gerecht zu sein, hängt daher von der Anzahl der Passagiere ab, je größer diese Anzahl, desto geringer die Freiheit des Einzelnen, bis ihm, in allen Klassen zusammengepfercht, nur noch die Freiheit des Geistes übrigbleibt. Bezogen auf unseren Planeten: Je größer seine Bevölkerung, desto entscheidender wird die Ge rechtigkeit, desto größer wird ihr Primat.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
    Am 2o. Juli I969 begann nicht ein neues Zeitalter, sondern der Versuch, sich aus dem unbewältigten . 2o. Jahrhundert in den Himmel wegzustehlen. Nicht die menschliche Vernunft wurde bestätigt, sondern deren Ohnmacht. Es ist leichter, auf den Mond zu fliegen, als mit anderen Rassen friedlich zusammenzuleben, leichter, als eine wirkliche Demokratie und einen wirklichen Sozialismus durchzuführen, leichter, als den Hunger und die Unwissenheit zu besiegen, leichter, als den Vietnamkrieg zu vermeiden oder zu beenden, leichter, als den wirklichen Mörder eines Präsidenten zu finden, leichter, als zwischen den Arabern und den Juden und zwischen den Russen und den Chinesen Frieden zu stiften, leichter, als die Sahara zu bewässern, leichter, als den von einer kleinen weißen Volksgruppe besiedelten Kontinent Australien auch für andere Rassen zu öffnen, ja leichter, als das Zweistromland des Tigris und des Euphrat wieder zujener fruchtbaren Ebene zu machen, die es einst war. Nicht der Mondflug ist das Schlimmste, er ist nichts als eines jener technischen Abenteuer, die durch die Anwendung von Wissenschaften immer wieder möglich werden: Schlimm ist die Illusion, die er erweckt. Ein neuer Kolumbus ist unmög- lich, denn er entdeckte einen neuen Kontinent, der zu bevölkern war, Apollo II jedoch erreichte nichts, was der Erde entsprach, sie erreichte bloß die Wüste der Wüsten, den Mond. Wie weit wir auch unser Sonnensystem durchmessen, immer werden die Bedingungen auf den anderen Planeten so schlecht, so jämmerlich, so unmenschlich sein, daß diese Welten von der Erde aus nie besiedelt werden können. Mag es auch auf dem Mond oder auf dem Mars ein astronomisches Institut geben, mit einer künstlichen Atmosphäre (ich hoffe es), es zählt nichts, gegenüber dem, was sich auf der Erde ereignen wird.
    "Die vier Verführungen des Menschen durch den Himmel"
     
     
    ...das Erkenntnis

    Ist der Forderung "Erkenne dich selbst" schwer und nur unzulänglich nachzukommen, da sich ein jeder über sich selbst am leichtesten täuscht, so stellt uns gar der Versuch, den andern zu erkennen, vor unüberwindliche Schranken. Mögen wir dem andern noch so nahe stehen, mögen wir ihn lieben, achten, oder mögen wir seine Gegner sein, wir kennen ihn nie, wie er ist, wir kennen nur Zeichen, die von ihm kommen, Wirkungen, die von ihm ausgehen, Fakten, die sich feststellen, zusammenstellen lassen. Wir erleben den andern, oft eindringlich, manchmal erschütternd, doch unser Wissen über ihn ist grausam begrenzt, grausam begrenzt aber auch die Möglichkeit, ihm zu helfen. Der wirkliche Raum zwischen den Menschen ist unermeßlicher, als wir das wahrhaben wollen, als die Liebe, die Freundschaft, ja die Feindschaft es wahrhaben will. Seinen Weg hat einjeder selber zu gehen, er wird auf eine Bahn geschleudert, die ihn unweigerlich immer weiter von den andern treibt, in den Tod.

    "Theater"
     
     
    ...den Faschismus

    Nicht zufällig ist jeder Faschismus mit einer Blut-und-Boden-Literatur verbunden. Was emotional ist, muß auch kultisch sein. Wie wir in der heutigen Zeit eine heiße Kunst, die mehr an das Gefühl appelliert, von einer kalten Kunst unterscheiden, die mehr den Verstand anspricht, so können wir auch von einer heißen und einer kalten Politik reden. Der Faschismus verführt, wie jedes Emotionale, zu einer heißen Politik. Das Individuum wird durch ihn zur Identifikation mit einer emotionalen Realität verlockt, überhaupt werden in ihm alle Emotionen frei, die positiven und die negativen, Liebe, Glaube, Treue, Haß, Aggression usw.; Gefühle, die in Verbindung mit einer rein emotionalen, heißen Politik zerstörerisch, ja selbstmörderisch werden.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
     
    ...die Freiheit

    Da man für unsere Gesellschaftsordnung die Freiheit in Anspruch nimmt, hat man sich auch angewöhnt, von der Freiheit des Schriftstellers zu reden, allgemein wird erleichtert festgestellt, der westliche Schriftsteller sei frei, der östliche dagegen ein Sklave, der zwar gut bezahlt werde, doch nicht schreiben dürfe, was er wolle. Die Freiheit des Geistes ist das Hauptargument gegen den Kommunismus geworden, ein nicht unbedenkliches: Wer nur ein geringes die Entwicklung der Dinge verfolgt, sieht leicht, daß die Russen mehr für den Geist tun als wir, und sei es nur, daß sie sich vorerst mehr um die Volksbildung und um die Wissenschaft bemühen, daß sie hungriger sind als wir: Sie mästen geradezu einen Geist in Ketten, wobei sich die Frage stellt, wie lange die Ketten halten.

    Literatur und Kunst
     
     
    ...den Frieden

    Dem Kampf einen Sinn zu geben ist leicht, weil wir uns vorlügen, der Sinn dieses Kämpfens liege im Frieden; mit dieser Lüge legen wir den Sinn in ein Ziel außer uns, wir legen es in unseren Gegner und damit ins Unerreichbare, denn auch wenn wir den Gegner erlegen, steht gegen uns ein neuer Gegner auf, den erlegten zu rächen, den wir, um nicht seiner Rache zu erliegen, wieder erlegen müssen: so schieben wir den Frieden vor uns her, statt ihn zu erreichen.

    Zusammenhänge/Nachgedanken
     
     
    * * * * *

     Ein Bettler, der in Not gerät ist ein Dilettant.

     Wer einen Diktator einen Dämon nennt, verehrt ihn heimlich.

     In Gefängnissen bekommt man nur positive Literatur zu lesen.

     Bewahrt das gute, vergeßt das Mittelmäßige und lernt vom Schlechten.

     Die Kultur ist keine Ausrede.

     Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.

     Alle Dilettanten schreiben gern. Darum schreiben einige von ihnen so gut.

     Es gibt so wenig christlichen Staat, wie es christliche Parteien gibt.

     Es hat viele entmutigt, daß ein Trottel wie Hitler an die Macht kommen konnte, aber auch einige ermutigt.

     Die Welt ist als ein Problem beinahe und als Konflikt überhaupt nicht zu lösen.

     Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.

     Mit ungeborenen Enkeln pflegt man oft alles zu entschuldigen.

     Daß man sich auch durch den Tod aus dem Staube machen kann, ist manchmal ungerecht.

     ...weil ich, in mein Metier verstrickt, allzuoft an der Gültigkeit der Grammatik zweifele, allzuoft zeigt sie mir ihre Ohnmacht, allzuoft ihre Tyrannei: Sie will mir aufzwingen, was sie denkt, statt mich schreiben zu lassen, was ich denke.

     Für die meisten Politiker ist Denken naiv.

     Freiheiten beruhen auf Spielregeln, welche die Macht innehat, um nicht als solche zu scheinen.
     
      ...Geld und Geist

    Schätzt sich der Schriftsteller als ein erhabenes Wesen ein, wertet er sich zum Dichter auf, so muß er die Frage nach seinem Geschäft als frivol bezeichnen, nicht einen Beruf ausüben, sondern als Berufener auftreten. Das tun denn auch viele und oft hemmungsloser, als man das für möglich hielte. Sie sind in relativer Sicherheit. Geistliche und Dichter fragt man nicht nach ihren Geschäften, die wickelt der Himmel ab. Reiht sich jedoch der Schriftsteller ein, zählt er sich zu den Geschäftsleuten, so kann er immer noch danach trachten, der Prostitution zu entgehen, für Geist Geld zu nehmen: indem er sich nämlich entschlossen weigert, geistige Werte zu liefern, indem er Stoffe, aber keinen Trost fabriziert, Sprengstoff, aber keine Tranquillizer. Auf die Ware kommt es an.

    Theater
        ...Gerechtigkeit und Freiheit

    Die Freiheit und die Gerechtigkeit stellen die beiden Ideen dar, mit denen die Politik operiert, durch die sie den Menschen insoweit in den Griff bekommt, als sie beide Ideen berücksichtigt. Läßt die Politik eine der Ideen fallen, wird sie fragwürdig. Ohne Freiheit wird sie unmenschlich und ohne Gerechtigkeit ebenfalls. Dennoch ist die Beziehung der Freiheit zur Gerechtigkeit problematisch. Eine allgemeine Phrase definiert die Politik als die Kunst des Möglichen; sieht man jedoch genauer hin, erweist sie sich als die Kunst des Unmöglichen. Die Freiheit und die Gerechtigkeit bedingen einander nur scheinbar. Die existentielle Idee der Freiheit steht auf einer anderen Ebene als die logische Idee der Gerechtigkeit. Eine existentielle Idee ist emotional gegeben, eine logische Idee konzipiert. Es läßt sich eine Welt der absoluten Freiheit denken und eine Welt der absluten Gerechtigkeit. Diese beiden Welten würden sich nicht decken, sondern einander widersprechen. Beide würden zwar eine Hölle darstellen, die Welt der absoluten Freiheit einen Dschungel, wo der Mensch wie ein Wild gejagt, die Welt der absoluten Gerechtigkeit ein Gefängnis, wo der Mensch zu Tode gefoltert wird. Die unmögliche Kunst der Politik besteht darin, die emotionale Idee der Freiheit mit der konzipierten Idee der Gerechtigkeit zu versöhnen; das ist nur auf der Ebene des Moralischen möglich und nicht auf der Ebene des Logischen. Anders gesagt: Die Politik vermag nie eine reine Wissenschaft zu sein.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
        ...die Gesellschaft

    Eine Gesellschaft, die nur noch Waren und keine Werte mehr zu produzieren weiß, wirkt unglaubwürdig, appelliert sie an Werte. (...) Wo nur noch Waren und Märkte sind, wird der Staat zur Verwaltungsmaschinerie und die Universität zu einem Ort, Wissenschaft und Technik zu lehren. Doch je verzweifelter der Staat noch ein Vaterland und die Hochschule noch Universität sein möchten, desto instinktiver setzen sie sich dagegen zur Wehr, daß man nach ihrem Funktionieren frage, sie verlangen Glauben. Damit werden sie ebenso unglaubhaft wie die Gesellschaft, die sich ihrer bedient.

    Politik
        ...den Glauben

    Es gibt Augenblicke, da ich zu glauben vermag, und es gibt Augenblicke, da ich zweifeln muß. Das Schlimmste, glaube ich, ist, glauben zu wollen, was es nun sei, was man glauben will, sei es das Christentum oder irgendeine Ideologie. Denn wer glauben will, muß seine Zweifel unterdrücken, und wer seine Zweifel unterdrückt, muß sich belügen. Und nur wer seine Zweifel nicht unterdrückt, ist imstande, sich selbst zu bezweifeln, ohne zu verzweifeln, denn wer glauben will, verzweifelt, wenn er plötzlich nicht glauben kann. Aber wer sich bezweifelt, ohne zu verzweifeln, ist vielleicht auf dem Wege zum Glauben. Ohne ihn vielleicht je zu erreichen. Was für ein Glaube es jedoch ist, dem so einer entgegengeht, ist seine Sache. Es ist sein Geheimnis, das er mit sich nimmt, denn jedes Glaubensbekenntnis ist unbeweisbar, und was nicht bewiesen werden kann, soll man für sich behalten.

    "Der Mitmacher"
        den Gott

    Gibt es einen Gott, über dessen Existenz kein Mensch zu entscheiden vermag, so ist der Zweifel an seiner Existenz nichts als der von Gott gewählte Schleier, den er vor sein Antlitz senkt, seine Existenz zu verbergen; gibt es ihn nicht, so sind die Worte, mit denen wir über ihn spekulieren, in den Wind gesprochen, der sie davonträgt wie alle menschlichen Worte.
    Gott liegt gänzlich außerhalb jeder Rede, jeder Sprache, seine offenbarten Worte, unabhängig vom Glauben an sie und an ihn, auch wenn wir ihn nur fingieren als Wesen außerhalb der Welt, dringen in unsere Wortsphäre von außen, wie Meteore in die Erdatmosphäre, vom gänzlich Sprachlosen und Begriffslosen her: eine bedeutendere Sprachkonzeption, eine gewagtere Fiktion kann es nicht geben, ob es eine "wahre" Konzeption ist, bleibt unbeweisbar, aber auch im Bereich des Logischen unwesentlich, der menschliche Geist verhält sich konzipierend, nicht "wahr", er dringt in die "Wahrheit" vermittels Konzeptionen, er ist nicht identisch mit der Wahrheit. "Gott ist tot" ist ein ebenso nebensächlicher Satz wie "Die Null ist tot". Die "Wirklichkeit" hat weder einen Gott noch die Null nötig, ebensowenig wie der Sternenhimmel die Teleskope.

    Zusammenhänge/Nachgedanken
     
     
    ...Ideologien

    Ideologien sind Ausreden, an der Macht zu bleiben, oder Vorwände, an die Macht zu kommen. Aber die Macht kann nur mit den Mitteln der Macht behauptet oder erobert werden: Mit der Gewalt. So rechtfertigen die Ideologen nicht nur die Macht, sie verklären auch die Gewalt, mit deren Opfern sie nachträglich wie Beerdigungsinstitute verfahren: Sie richten her, was sie hingerichtet haben.

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
    ...die Intellektuellen

    ...weil er sich ein schlechtes Gewissen leistet. Wie alle Intellektuellen. Sie nehmen die Welt gleich zweimal in Anspruch: so wie sie ist und so wie sie sein sollte. Von der Welt, wie sie ist, leben sie, von der Welt, wie sie sein sollte, nehmen sie die Maßstäbe, die Welt zu verurteilen, von der sie leben, und indem sie sich schuldig fühlen, sprechen sie sich frei, ich kenne den Schwindel: Das Pack ist für den Machtkampf ungeeignet. Es schwelgt in seinem Schuldbewußtsein. Es fühlt sich sogar für die Erschaffung der Welt verantwortlich, doch sein Schuldbewußtsein ist nur eingebildet, ein Luxus, den es sich leistet, um sich vor jeder Tat zu drücken.

    Boss über Doc in "Der Mimacher"
     
     
    den Krieg

    Selbst der Krieg wird abhängig davon, ob die Elektronen-Hirne sein Rentieren voraussagen, doch wird dies nie der Fall sein, weil man weiß, gesetzt die Rechenmaschinen funktionieren, daß nur noch Niederlagen mathematisch denkbar sind: wehe nur, wenn Fälschungen stattfinden, verbotene Eingriffe in die künstlichen Hirne, doch auch dies wäre weniger peinlich als die Möglichkeit, daß eine Schraube sich lockert, eine Spule in Unordnung gerät, ein Taster falsch reagiert; Weltuntergang aus technischem Kurzschluß, Fehlschaltung. So droht kein Gott mehr, keine Gerechtigkeit, kein Fatum wie in der fünften Symphonie, sondern Verkehrsunfälle, Deichbrüche infolge Fehlkonstruktion, Explosion einer Atombombenfabrik, hervorgerufen durch einen zerstreuten Laboranten, falsch eingestellte Brutmaschinen. In diese Welt der Pannen führt unser Weg.

    "Der Hund"
     
    ...die Liebe

    Der Umstand, daß jede Liebe eine Prüfung vor sich selbst ist, wechselseitig, bei der die Beteiligten durchfallen oder, wenn sie nicht durchfallen, die sie doch nur mit Mühe bestehen, mit Glanz nur die Heiligen, ist nun einmal das Genierlichste und das Beste, was sich vom Menschen sagen läßt: daß der Mensch die Liebe überhaupt wagt, ist sein paradoxer Ruhm.

    "Der Mimacher"
     Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist. Die Gerechtigkeit verdammt das Böse, die Hoffnung will bessern, und die Liebe übersieht. Nur sie ist imstande, die Gnade anzunehmen, wie sie ist. Es gibt nichts Schwereres, ich weiß es. Die Welt ist schrecklich und sinnlos. Die Hoffnung, ein Sinn sei hinter all dem Unsinn, hinter all diesen Schrecken, vermögen nur jene zu bewahren, die dennoch lieben.
    "Grieche sucht Griechin"
     
     
    ...den Marxismus

    Der marxistische Grundirrtum liegt darin (wieder ein Hegelsches Erbe), daß die Freiheit von selbst eintrete, habe man nur einmal die Gerechtigkeit installiert. Sie ist in den marxistischen Ländern nirgends eingetreten (weil man sich einbildete, die Gerechtigkeit gefunden zu haben, statt sie zu suchen). Und wo sie sich regte, wurde sie niedergetreten (im Namen der gefundenen Gerechtigkeit). Das paradoxe Resultat besteht darin, daß der Marxismus den wirklichen Klassenstaat schuf, jenen der Verwalter und der Verwalteten, maßvoll gesprochen, wobei sich zwischen den Verwaltern (die sich auf eine Oligarchie reduzierten) und den Verwalteten (die fast die ganze Bevölkerung ausmachen) noch weitere Klassen eingenistet haben, jede einzelne mit ihren besonderen Privilegien, eine Klasse von verwalteten Verwaltern, die weitere Verwalter verwalten, die nun ihrerseits wiederum eine weitere Klasse bilden usw. . . (Nicht umsonst wird im Osten Katka, der doch ein religiöser Dichter ist, gesellschaftlichkritisch verstanden, nämlich als Kritiker einer sicher nicht kapitalistischen Gesellschaftsordnung.) Dagegen sind in den modernen Staaten des Westens die Klassen weit fiktiver. So wartet die noch paradoxere Aufgabe auf uns, einen marxistischen Staat ohne Marxismus zu bilden, Marx ernst zu nehmen, aber nicht dogmatisch, ihn endlich zu überwinden, statt ihn immer noch umzuinterpretieren: Wir müssen uns auf neue von einem Mittelalter trennen. 

    "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht"
     
     
    ...den Menschen

    Wir kennen die ersten drei Minuten der Geschichte des Weltalls besser als die ersten drei Millionen Jahre der Geschichte des Menschen. Nur allzu natürlich: Die Menschen, nicht die Gestirne sind unberechenbar. Als Organisation von Materie betrachtet, ist weder eine Milchstraße noch ein Quasar, weder der Rote Überriese Aldebaran noch der Gelbe Zwerg, den wir unsere Sonne nennen, sondern der Mensch das komplizierteste Gebilde der uns bekannten Welt, sowohl in seinem Aufbau als auch in seinen ineinandergreifenden chemischen Prozessen oder in seinem Reagieren auf äußere Reize: dieses Wesen, zoologisch als homo sapiens schon längst keine Rarität mehr, zusammengesetzt aus einer Unzahl von Riesenmolekülen, die sich zu Zellen verbanden, diese wiederum aufeinander abgestimmt und durchfunktioniert, aus dem genetischen Code einer einzigen Zelle zusammengewachsen, gesteuert von der überaus vertrackten materiellen Struktur seines Gehirns, das sein Bewußtsein, sein Denken, sein logisches Schließen hervorbringt, aber auch sein Unbewußtes, seine Instinkte bestimmt, seine unberechenbaren Emotionen und Aggressionen, ja, seine ungeheuerliche Irrationalität, der gegenüber das Tier gleichsam als rationales Wesen erscheint. Und wenn wir erst die Vielschichtigkeit der Menschheit als Ganzes in Betracht ziehen, diesen Überorganismus eines Überorganismus, der sich immer wieder mörderisch und sinnlos gegen sich selbst wendet, so sind, was wir als geschichtliche Gesetzmäßigkeiten ausgeben, seien sie nun sozial, ökonomisch, psychologisch oder gar irrational, im besten Fall Erklärungsversuche unvollkommener Statistiken und Vermutungen, die nur vage Voraussagen zulassen, im schlimmsten Fall bloß ästhetisch bedingte Kapitelüberschriften eines Abenteuerromans, den wir Weltgeschichte nennen: Nicht weil der Mensch und die Menschheit "an sich" irrational wären, sondern weil sie "an sich" nicht deutbar sind. Derselbe Sokrates, der, wie der Delphische Apoll, forderte, man solle sich selbst erkennen, gab zu, nur zu wissen, daß er nichts wisse.

    Stoffe I-III

    Zum Teil aus diesem Buch zitiert: Friedrich Dürrenmatt, "Denkanstöße" Ausgewählt und zusammengestellt von Daniel Keel Diogenes Taschenbuch, 1989 ISBN 3 257 21697 I