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DAS UNTERNEHMEN DER WEGA

    Das "Unternehmen der Wega" stimmt einen ganz anderen Ton an. Aber auch hier geht es um Fragen der Gemeinschaft. Die Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf unserem Planeten wird ausgeweitet auf einen neuen möglichen Kriegsschauplatz: die Venus. Sie ist zur Strafkolonie der Erde geworden, der Westen stößt dorthin die Kommunisten, der Osten die Demokraten ab, neben dem üblichen Verbrechervolk selbstverständlich. Die Venus ist aber ein fürchterlicher Planet : " Dampfende Ozeane, brennende Kontinente, rot glühende Wüsten. Ein tosender Himmel" ... "der Tod ... überall und zu jeder Zeit. Zu große Hitze. Zuviel Strahlung. Selbst das Meer radioaktiv. Überall Würmer, die unter unsere Haut, in unsere Eingeweide dringen, Bakterien, die unser Blut vergiften, Viren, die unsere Zellen zerstören. Die Kontinente voll unpassierbarer Sümpfe, überall kochende ÖImeere und Vulkane, stinkende Riesentiere... " Aber die Menschen, die hierhin verbannt worden sind, wollen nicht mehr zurück. Bonstetten, der "tapfere Mensch" dieses kleinen Stücks, erklärt das seinem ehemaligen Studienkameraden, dem Außenminister Wood, so:

"WOOD: Welche Erkenntnis habt ihr ... bekommen?
BONSTETTEN: Der Mensch ist etwas Kostbares und sein Leben eine Gnade. WOOD: Lächerlich. Diese Erkenntnis haben wir auf der Erde schon lange.
BONSTETTEN: Nun? Lebt ihr nach dieser Erkenntnis?
(Schweigen.)
WOOD: Und ihr?
BONSTETTEN: Die Venus zwingt uns, nach unseren Erkenntnissen zu leben. Das ist der Unterschied. Wenn wir hier einander nicht helfen, gehen wir zu Grunde."

   Die Erde habe ihn nicht gezwungen, recht zu handeln und das Notwendige zu tun. Die Erde sei zu schön und zu reich. Einen ähnlichen Vorwurf erhebt ja auch das Stück vom Engel. Schönheit und Reichtum der Erde machen da ja sogar ein überirdisches Wesen blind. Im "Unternehmen der Wega verführt die glückliche Fülle der Erde zur Ungleichheit. Sie macht die Armut zur Schande und schändet sie dadurch. Das Gespräch zwischen Wood und Bonstetten scheint in Offenheit und Loyalität geführt zu werden. Wood gesteht Bonstetten, daß von dem Raumschiff, mit dem er gekommen war, bald Kobaltbomben auf die Venus abgeworfen werden sollen, um die Leute darauf zu zwingen, sich den politischen Plänen der Erde zu leihen. Er stellt sich als tragischen Fall hin, da er ja nur die Befehle, die höheren Orts ausgegeben worden sind, auszuführen habe - ein neues Beispiel für die "falsche Tragik", die unserer Zeit einzig beschieden sei. Der Dialog wird mit elastischer Stilisierung geführt. Refrainartige Repliken gliedern ihn: "Das ist lieb von dir. - Das ist schön von dir. - Das ist edel von dir. " Ill in der "Alten Dame" hat am Ende diesen gelassenen Ton. Allerdings endet dieses Hörspiel knirschend. Die Bomben werden abgeworfen, wie es Bonstetten gar nicht anders erwartet hat, Wood deutet das Gespräch mit dem Freund zwecks Seelenhygiene in "schmutziges Theater" um und freut sich auf seine Ferien, die ja ein Außenminister im Krieg immer habe. Da werde er "Klassiker lesen. Am besten Thomas Stearne Eliot. Das beruhigt mich am meisten. Es gibt nichts Ungesünderes als spannende Lektüre". Was als "goldenes Wort" bezeichnet wird, bevor der Techniker ausblendet. Eliot ist offenbar ein rotes Tuch für Dürrenmatt. Sein Klassizismus, seine Vornehmheit ärgern Dürrenmatt, der sich den Luxus nicht gestattet, saubere Hände behalten zu wollen bei seinem Schriftstellerhandwerk. Neben allem anderen, was Dürrenmatt ist, ist er eben auch ein Polemiker.

   Ließe man ihm die Wahl zwischen T. S. Eliot und Karl Kraus, so zögerte er keinen Augenblick. Polemik kann aus einer echt dichterischen Wurzel wachsen. Sie ist eine Frage des Temperaments. Den einen beschwingt sie, den anderen hemmt sie. Dürrenmatt kommt nicht aus ohne die Möglichkeit, gelegentlich auch einmal um sich zu hauen. Er gesteht sich keinen Elfenbeinturm zu. Die eine und andere dieser Kampfgesten, die sich in seinen Werken niedergeschlagen haben, werden bei kühlerer Überprüfung der Texte fallen und sind auch schon gefallen. Doch wäre es schade, wenn sie vollständig ausgemerzt würden. Sie gehören nun einmal zu Dürrenmatts seelischer und künstlerischer Handschrift, und daß sie möglich waren, hat befreiend gewirkt auf das Schaffen des Dichters. Man denke an die Münchner Rede gegen die Kritiker des "Frank V." und an die Zeichnungen zu der Buchausgabe des Herkules-Stücks, man denke an das "Buch für Schweizer Kinder", betitelt "Die Heimat im Plakat", diese Sammlung ebenso grotesker wie schlagkräftiger Karikaturen zum helvetischen Alltag - das waren Kampfgesten, die Dürrenmatt wohl taten und die auch den Angegriffenen guttun konnten, wenn sie über die nützliche Gabe der Selbstironie verfügten.