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DER TUNNEL

   "Der Tunnel", das spätest verfaßte Stück dieser Prosasammlung wird nicht selten als dessen Höhepunkt und als eines der wichtigsten Werke Dürrenmatts überhaupt betrachtet. Schon merkten wir an, daß es mit einer an das Selbstporträt zum mindesten anklingenden Vorstellung des erzählenden Ich beginnt. Dieses Ich bleibt nun aber unablösbar am Geschehen beteiligt, es hat mehr als nur verbindende Funktion. Ein Zug gerät wider jede mögliche Voraussicht in einen Tunnel, der endlos ist und ganz offenbar in das Erdinnere hineinführt. Draußen ist sommerlich beglänzte Erde - die Natur ist in diesem Stück glücklicher, heiterer als in den meisten andern. Sie ist auch realer, man kann sie auf der Karte finden, und sie darf es sein, da später diese engumschriebene Realität entschlossen verlassen wird. Es tut einer Höllenfahrt keinen Abtrag, wenn uns gesagt wird, wo der Eingang des Wegs sich befindet. Was hier in diesem Stück so bedeutsam ist, das ist die Art, wie der Humor entsteht. Zunächst malt Dürrenmatt noch in kleinen, ungewichtigen Zügen: doppelte Brille des fetten Mannes, Wattebausch in den Ohren, sicher zu schwänzendes Seminar, sinnlos funktionierende Bürokratie inmitten eines apokalyptischen Ge- schehens. Diese Züge bleiben, nur wird ihre Bedeutung gegenüber diesem "fürchterlichen Sturz" ins Innere der Erde immer kleiner, ihr Bestand dadurch immer ironischer. Eine "gespensterhafte Heiterkeit" leuchtet auf in diesen letzten Augenblicken vor dem Ende, der "Vierundzwanzigjährige mit seinem fetten Leib saugt den Abgrund gierig in seine nun zum ersten Mal weit geöffneten Augen". Die "zwei Wattebüschel werden durch die nun springende Scheibe pfeilschnell nach oben gefegt", und unmittelbar darauf steht als Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun?: "Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu." Nicht dieses Ende, das ja seine Parallelen hat in Dürrenmatts Dramatik und dessen Paradoxie nur innerhalb des strengsten Widerstands dagegen erlaubt bleiben kann - nicht es ist so sehr bezeichnend an diesem Stück, sondern die Art der Heiterkeit, die erst im Letzten, in der Katastrophe aufblühen kann. Es ist wirkliche Heiterkeit, eine Fröhlichkeit, die nun endlich ihr Heimatrecht gewonnen hat, wo alle falsche Behaglichkeit, von der Korpulenz zur Doppelbrille, abgefallen ist. Nicht aus der Rettung kommt diese Heiterkeit, sie ist Rettung, da sie der Atem der Tapferkeit ist. Der vierund- zwanzigjährige fils à papa, der vorgibt, zur Universität zu fahren und unvermutet eine, die Höllenfahrt antritt, ist tatsächlich der einzige Tapfere, Hellsichtige in diesem Zug, der die Menschheit statt nach Zürich in den Mittelpunkt der Erde führt. Und wieder sind wir auf jene Grundfrage gestoßen, die uns die Existenz eines Dürrenmatt stellt: Wie besteht ein von Natur aus heiterer Mensch, dem Klarsicht gegeben ist, diese unsere Welt?