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ROMULUS DER GROSSE

    Mit "Romulus dem Grossen" setzt die große Umkehr, oder was uns zunächst so erscheinen mag, also ein. Das Stück wurde am 25. April 1949 unter Ginsbergs Regie und mit Horwitz in der Hauptrolle in Basel uraufgeführt. Dürrenmatt schreibt nun also Komödie. Doch ist die Zeit dieser Komödie nicht verschieden von der Zeit der beiden ersten, "ernsten" Stücke : überall ist Zeitwende, ist sichtbarer Untergang und ein erst bloß zu ahnender neuer Beginn. Reformation in ihrer unsinnigsten Form, Dreissigjähriger Krieg, jetzt Untergang der Antike und Einbruch der Germanen - die Zeitwende, die die Komödie behandelt, ist also noch ganz anders entscheidend als diejenige der beiden ernsten Stücke. Dürrenmattschem Grundrhythmus entspricht es, daß die Spannung möglichst groß gewählt wird: Untergang der Antike (was nur Vorbild vom Untergang des Abendlandes ist) in Komödienform, ja stellenweise in Schwankform. Dürrenmatts Vorliebe gilt innerhalb der Theaterkomiker Aristophanes, Nestroy und Kleist, also nicht den Meistern fließender Übergänge, sondern denen verblüffender Umbrüche, den Meistern des hart komischen Stils, die das Gefälle zwischen den Gegensätzen möglichst eng und schroff wählen und bei aller Einwurzelung des Komischen in der Tiefe die Schlagkraft der Situationskomik erreichen. Romulus scheint sich nur für Hühnerzucht zu interessieren. Züchtete er Rosen oder Pferde, so wäre er viel gesellschaftsfähiger. Warum gerade Hühner? Dürrenmatt fand das Motiv in einer Überlieferung, aber das Huhn ist auch bei näherem Zusehen eine enorm theatergemäße Figur: es folgt der Regel von der Einheit der Zeit mit höherem Geschick als die meisten Klassiker. Jeden Tag legt es sein Ei, oder sollte es wenigstens. Nun dauert diese Komödie von einem Frühstück zum nächsten - weder Rosen noch Pferde körmten sich in diesem Zeitraum so beweiskräftig legitimieren. Es ist nötig, hier solches Küchenlatein der Ästhetik anzubringen, denn nur so ist dem Vorwurf zu begegnen, Dürrenmatt habe mit seinem Hühnerhof, der zudem kaiserlich benamst wird, seinem Hang zum Kalauer gefrönt. Die Hühnerzucht hat unter allen bäuerlichen Beschäftigungen jene Promptheit, die dem dramatischen Zeitraffer angemessen ist. Immerhin wird das natürlich nicht unmittelbar klar; ein unwilliges Lachen ist denn auch meistens die erste Reaktion des Publikums, wenn es Romulus und seinen Hühnern zum erstenmal begegnet. Scharfe, formelhafte Komik wird auch angewendet in der Figur des "Sportlers", dem der Kaiser scheinbar frivol befiehlt, zunächst einmal auszuschlafen, wird ferner angewendet in der Figur des im Zeremoniell verkalkten Kaisers von Ostrom. Auf äußerste Gegensätzlichkeit zielt weiter die Begegnung mit dem Hosenfabrikanten Cäsar Rupf; doch ersteht in dieser Spannungslinie dann gerade das, was die beiden nächsten Akte bestimmen wird: die ernste Verantwortung des Kaisers, der nun nicht mehr mit sich spaßen läßt, "es fällt ihm nicht ein, seine Tochter zu verschachern", und Spurius erledigt er mit dem Wort: "Rom ist längst gestorben. Du opferst dich einem Toten, du kämpfst für einen Schatten, du lebst für ein zerfallenes Grab. Geh schlafen, Präfekt, die heutige Zeit hat dein Heldentum in eine Pose verwandelt! " Romulus aber ist von Grund auf der Mensch ohne Pose, ist durchaus der "honnête homme", " qui ne se pique de rien". Seine Umgebung nennt ihn einen "schändlichen Kaiser", womit der erste Akt schließt. Der zweite Akt ist in sich eine Abrechnung mit der nun unmöglich gewordenen Tragödie. Nicht zufällig nimmt die Kaiserstochter Schauspielunterricht und soll unter kesser Anleitung die alten griechischen Texte deklamieren: "Ran an die Tragik, Prinzessin! Ran an das Gefühl einer unermeßlichen Trauer ... " Unmittelbar an diese Stelle schließt sich die Begegnung mit dem Geliebten, der aus der Gefangenschaft, die ihn schauerlich geschändet hat, zurückkehrt. Das Mädchen erkennt ihn nur an seinem Ring - Romulus wird ihn später gleich und ohne äußere Zeichen erkennen. Wieder stellt sich das Problem, ob die Kaiserstochter sich opfern solle, indem sie den reichen Rupf heiratet; alle verlangen es von ihr, sogar der Bräutigam, und am Ende verlangt sie es selber - der Kaiser sagt nein, diesmal nicht mehr in der Ich-Form, sondern ganz zeremoniell: "Der Kaiser erteilt die Bewilligung nicht ... der Kaiser weiß, was er tut, wenn er sein Reich ins Feuer wirft, wenn er fallen läßt, was zerbrechen muß, und zertritt, was dem Tode ge- hört ..." Dem Endwort des ersten Aktes entspricht nun in der Spannungsart eines zweiten Aktes sehr genau das Endwort Ämilians: "Dieser Kaiser muß weg! " Der dritte Akt ist nichts anderes als die scheinbar komische Umkehr der Ermordung Caesars - darum auch die Festsetzung auf die Iden des März. Zunächst freilich kommen zwei Szenen ernster, eigentlich grundsätzlicher Auseinandersetzungen: das Gespräch zwischen Kaiser und Kaiserin, in dem das bei Dürrenmatt fast archetypisch wiederkehrende Motiv der "fürchterlichen Ehe" auftritt und in dem der Kaiser seine Politik der Fügsamkeit gegenüber der Weltgeschichte darlegt. Weiter das Gespräch zwischen dem Kaiser und seiner Tochter, wo der Treue gegenüber dem Staat die viel schwerere Treue gegenüber dem Menschen gepredigt wird und jene Religion der Tapferkeit, der Besiegung der Furcht, der "einzigen Kunst, die wir in der heutigen Zeit beherrschen müssen ". Hier zweigt dann auch die zweite Fassung des Stücks von der ersten ab - doch soll davon später gesprochen werden. Folgt die Szene, wo Romulus im Schlafzimmer die " Caesarenmörder " entdeckt, zuerst Ämilian, der nach ebenfalls Dürrenmattscher Vorliebe durch das Fenster eingestiegen ist, vom Kaiser aber schon entdeckt worden war, dann die anderen in komischen Verstecken. Ihnen stellt sich der Kaiser, ihnen stellt er die Frage der Gerechtigkeit, ihnen stellt er sich in voller "Majestät": "Weiche nicht vor meiner Majestät zurück, die sich vor dir erhebt, mit der uralten Schuld unserer Geschichte übergossen ..." Er erhält keine Antwort, Ämilian wird ihn gleich stur töten; da ertönt der Schrei: "Die Germanen kommen", und alles stiebt auseinander, nur nicht der Kaiser, seine zwei Diener und der endlich schlafende Sportler. Die Szene ist von unübertrefflicher Theaterspannung, Angst löst sich darin in Lachen, die Komik hat Größe, die innere Fraglichkeit wird vollständig äußere Erscheinung. Der vierte Akt ist in seiner ersten Fassung wieder mehr dem Schwank angenähert. Das Erscheinen der Germanen ist da mehr spaßhaft als fürchterlich, vieles erklingt mit fast kabarettistischer Schlagkraft. Ich gestehe, daß mir das damals nicht unlieb war. Die Wendung zum Komischen prägte sich darin mit fast programmatischer Entschiedenheit aus. Wiederum waren aber sehr viele Zuschauer schockiert, selbst solche, die dem zweiten und dritten Akt Geschmack abgewonnen hatten. Es ist zuzugeben, daß diese groteske Handlungsführung der ersten Fassung mehr Stimmigkeit von der künstlerischen Entwicklungdes Autors her hatte als von der Figur Romulus aus. Diesen weisen Weltenlenker, diesen Menschen, der wirklich aus der Weltgeschichte nicht nur lernt, daß man aus ihr nichts lernt, diesen echten Vollstrecker der Weltgeschichte, allerdings nach dem christlichen Prinzip des Nichtwiderstehens - es ist aufregend, zu sehen, wie auch hier noch in aller Verstecktheit die christliche Tönung der beidenersten Werke durchwirkt -, diesen Menschen von uneitler Größe in ein pensioniertes Otium abwandern zu sehen, und das, gleich nachdem er in wahrhaft festlicher Vision die Welt als bunt strahlenden Reichsapfel hatte sichtbar werden lassen -, das war ein gefährlicher Bruch. Ein die Figur gefährdender Bruch, da er sie verkleinerte, ihr die Beträchtlichkeit schwächte. Die frische, neu entdeckte Lust am Lachen griff hier nicht durch Romulus hindurch an, sie griff Romulus selber an. Ein An- deres mußte gefunden werden. "Nur was in sich stimmt, stimmt auch an sich", wird Dürrenmatt anläßlich des Engel anmerken. Er hätte es auch für seinen Romulus sagen können. Dazu kam, daß die Germanen, die von den Regisseuren gern mit dem unflätigen Pomp ausgestattet wurden, den sie auch Grillparzers Kattwald und Galomir anzudichten belieben, die immer noch menschlich zarten Umrisse des Romulus zerstören mußten. Bestenfalls wurde eine Vergnügtheit des Augenblicks erreicht, die Sache stimmte nicht in sich.

    Dürrenmatts Weg kann nirgends klarer abgelesen werden als im Vergleich der beiden Romulus-Fassungen. Da tritt nun also in der Überarbeitung plötzlich während des Gesprächs mit der Tochter ein neues Motiv auf: Romulus sagt der Tochter, sie müsse sich in der furchtlosen Betrachtung der Dinge üben, in der Kunst, furchtlos das Richtige zu tun. Dann nimmt er Abschied von ihr: "So ist es recht, mein Kind. So liebe ich dich. Geh zu Ämilian. Nimm Abschied von mir. Du wirst mich nie mehr sehen, denn ich werde sterben ... Die Germanen werden mich töten. Ich habe immer mit diesem Tode gerechnet. Das ist mein Geheimnis. Ich opfere Rom, indem ich mich selber opfere." Konnte man Romulus vorher noch als Deserteur der Weltgeschichte sehen, so jetzt nicht mehr. Er wählt auf die schlichteste, die weltmännischste Art das Heldentum. Aus dieser Wendung macht nun aber Dürrenmatt etwas durchaus Erstaunliches, er findet eine einmalige, geniale Lösung. Romulus wird an seinem Heldentum verhindert. Durch die Zeit, die eben Helden nicht mehr zulasse. Er darf nicht ins Otium wandern, er muss es. Er darf nicht "in Schönheit sterben". Er trifft auf sein zweites Ich, den ebenfalls einsichtigen, illusionslosen Herrscher, Odoaker - daß auch er Hühner züchtet, ist nur gerade jene äußere Hilfe, die das Gespräch zum natürlichen Fluß bringt. Ein Gespräch auf höchster Ebene, wie man heute für Unpassenderes sagt. In blitzschneller Umkehr, die aber unmittelbar überzeugt, wird ein innerlich bewegtes Gleichgewicht zwischen den beiden Figuren erreicht; Romulus muß die Pensionierung - "das Entsetzlichste, was mir zustoßen könnte" - annehmen, Odoaker muß darauf verzichten, seinen gefährlich devoten Neffen im Interesse des Friedens umzubringen -, "nun bist du verzweifelt, Odoaker. Wenn du deinen Neffen tötest, werden dir nur tausend neue Theoderiche erstehen. Das Volk denkt anders als du. Es will das Heldentum ..." Die Wirklichkeit hat die Ideen der beiden korrigiert. Sie "gehen an ihre traurige Pflicht". Sie "spielen noch einmal, zum letztenmal Komödie". Sie "tun so, als ginge die Rechnung hienieden auf, als siegte der Geist über die Materie Mensch". Die Germanen erscheinen, ganz unansehnlich, unscheinbare Soldaten unserer Zeit, Odoaker stellt ihnen Romulus vor: "Nie sah ich einen größeren Menschen, und nie werdet ihr einen größeren sehen ..." Darauf läßt Romulus jene Rede der ersten Fassung steigen, wirklich aufsteigen wie das Bild der im Raum schwebenden Weltkugel: was damals ein erratischer Block in derb komischer Umgebung war, das tritt nun ein in den Raum der schwerelosen Komödie, und die Germanen brauchen nichts anderes zu tun, als "andächtig zu schweigen" und "verwundert zu starren". Ein letztes komisches Licht blitzt auf in dem " Sportler ", der sich, ausgeschlafen, ein letztes Mal zum Kaisermord ermannt. Sein Wille steht im Leeren: "Den Kaiser gibt es nicht mehr." Romulus geht ab, langsam, gesenkten Hauptes. In das " Entsetzlichste ", die Pensionierung. Die Stimmigkeit ist erreicht. Die Komödie erscheint als das, was sie nach Dürrenmatt heute ist, das unserer verzweifelten Lage Angemessenste. Das Fest des heldischen Blutbads wurde abgesagt. Für das Ende mit Schrecken tritt der Schrecken ohne Ende ein, eine durchaus untragische Lösung, die deshalb aber im Tieferen nicht heiter zu sein braucht. Die Tragödie ist ja durch ihre Promptheit, mit der sie dem Unheil den Kopf abschlägt, eine der glückhaftesten Erfindungen der Menschheit. Wer ist schon auf den Tod betrübt über den Tod eines großen Theaterhelden? Es ist eine solche Klärung geschehen, daß für den Schmerz kein Raum mehr bleibt. Solche Erlösung müßte aber verdient werden, dadurch nämlich, daß die vorangehende Gefährdung des Helden bis in alle Tiefen und Schrecken hinab vom Publikum miterlebt würde. Wer nicht wie ein Kind, das dem Wolf zuruft, er dürfe das Rotkäppchen nicht fressen, Hamlet zurufen möchte, Laertes Schwert sei vergiftet - wer sich an so unanständigem Benehmen nicht inständig verhindern muß, der hat im Grunde auch kein Recht auf das Glück der tödlichen Erlösung. Der Großteil des heuti- gen Theaterpublikums sieht sich aber eine ihmwohlbekannte und wohlempfohlene Tragödie so an, wie man einen Kriminalroman liest. Das Glück entsteht hier durch das Wissen, es werde auf jeden Fall der Richtige erwischt, und dort durch das Wissen, zu einer Tragödie gehöre nun einmal ein schöner Tod. Komödie ist hier, im "Romulus", die verhinderte Tragödie. Allerdings schwingt darin der ganze Widerhall der Tragödie noch mit. Es wäre gar nicht so abwegig, anläßlich dieses Stücks an die Bérénice Racines zu denken. Da ist die tragische Lösung ebenfalls die Verhinderung des ersehnten Sterbens aller drei tragischen Helden. Sie dürfen nicht sterben, sie müssen regieren. Oder wie Dürrenmatt es einer enttäuschten, hoffnungsarmen Zeit gemäß durch Romulus sagt: Man muß "versuchen, Sinn in den Unsinn zu legen, in diesen wenigen Jahren, die bleiben, die Welt treu zu verwalten".

    Dieser Ausspruch dürfte auf die Dauer an Dürrenmatts Kunst hängen bleiben. Vermutlich wird er auch ausgeschaltet werden zum innigen Mißvergnügen des Autors, der es ebenso vermutlich nie verlernen wird, sich zu wehren gegen jegliche Kanalisierung seiner Kunst, was sein gutes Recht ist und worin er recht hat. Es ist allerdings nicht zu verkennen in den Anmerkungen, die Dürrenmatt seiner zweiten Fassung des Romrrlirs mitgegeben hat, daß ihn die Angriffe der "boni cives" ein wenig an die Wand gedrängt haben, wo er nun Dinge bekennen muß, die er lieber von offen äugigen Lesern und Zuschauern erraten gesehen hätte. "Menschlichkeit ist vom Schauspieler hinter jeder meiner Gestalten zu entdecken, sonst lassen sie sich gar nicht spie- len." So ist es. Was beileibe nicht heisst, daß man diese Menschlichkeit offen psychologisch ausspielen dürfte. " Hinter jeder meiner Gestalten. " Ihre Vorderansicht, wenn man so sagen darf, muß durchaus theatergemäß übersteigert wirken. Sie kommen her aus der Menschlichkeit und werden "Gestalten", theatergemäß verwandelte Menschen. "Keine Theatersprache kommt ohne Übertreibung aus, freilich ist es nötig, zu wissen, wo man übertreiben muß und vor allem: wie", heißt es in den "Theaterproblemen". Die Übertreibung geschieht im "Romulus" vor allem in der komischen Einfärbung, in der Art, wie das Geschehen "in die Komödie hineingehängt" wird. Die "besondere zusätzliche Schwierigkeit " für den Darsteller des Romulus ergebe sich daraus, daß er " dem Publikum nicht allzu schnell sympathisch erscheinen" dürfe. Man kann es sich schwer versagen, hier die Definition wörtlich zu wiederholen, die Dürrenmatt von dieser vielleicht gewinnendsten seiner Theaterfiguren ge- geben hat: "... witzig, gelöst, human, gewiß, doch im Letzten ein Mensch, der mit äußerster Härte und Rücksichtslosigkeit vorgeht und nicht davor zurückschreckt, auch von andern Absolutheit zu verlangen, ein gefährlicher Bursche, der sich auf den Tod hin angelegt hat; das ist das Schreckliche dieses kaiserlichen Hühnerzüchters, dieses als Narren verkleideten Weltenrichters, dessen Tragik genau in der Komödie seines Endes, in der Pensionierung liegt, der dann aber - und nur dies macht ihn groß - die Einsicbt und die Weisheit hat, auch sie zu akzeptieren." Dem ist nichts beizufügen. Die Definition ist absolut kongruent. Der Ton darin ist leger : "gefährlicher Bursche", "akzeptieren", keine Feierlichkeit ist darin, wohl aber eine letzte Bestimmtheit. Dürrenmatt selber wird hier als theoretischer Fechter zu einem "gefährlichen Burschen". Man stelle eine solche Auslassung etwa neben zunächst ähnlich klingende Stellen in Shaws Werk, und man wird ermessen, um wieviel beträchtlicher, gegründeter Dürrenmatt ist. Der "Romulus" ist eine der glücklichsten, der theatergemäßesten, der menschlichsten Schöpfungen des Berners. Um so bedenklicher muß es da stimmen, daß außer den zwei frühen Stücken und dem noch kaum eingespielten " Herkules" kein Werk außerhalb der Schweiz so wenig aufgeführt worden ist wie der "Romulus". Dürrenmatt scheint nun einmal abgestempelt zu sein - was nicht in das Cliché paßt, nimmt man einfach nicht zur Kenntnis. Aber Werke wie dieser "Romulus" haben noch immer warten können.


Kommentare auf dem Buchumschlag:

"Es scheint mir entscheidend, daß Dürrenmatt nicht einfach den Ausverkauf einer Kultur zeigt, was eine zynische oder sarkastische Farce lieferte und weiter nichts, sondern im Mittelpunkt einen Menschen, der diesen Ausverkauf voll- zieht im Sinne einer Erkenntnis, im Sinne einer unerschütterlichen Bejahung, die allein alles andere was geschieht als Komödie erscheinen läßt. Woher aber die Bejahung? Zweierlei ließe sich denken. Ein Revolutionär, der den Untergang einer Kultur bejaht, weil er eine bekömmlichere erwartet; nur ist die Bejahung der Revolutionäre, wie es scheint, selten so krampflos, daß ihnen das Verneinte wirklich zur Komödie würde. Wieviele Revolutionäre gibt es, die Humor ha- ben? Das andere ist die Bejahung, wie sie Dürrenmatt besitzt, die religiöse; nur wissen wir, daß das Religiöse, wo es ernst wird, immer eine erschreckende Erscheinung ist, ein Ding, das nicht unterzubringen ist in unserer christlichen Gartenlaube, ein Ärgernis."

    Max Frisch / Die Weltwoche, Zürich


"Mit einem Sinn für Absurdität, hinter dem sich Reife und Intelligenz verbergen, macht sich Romulus der Grofle lustig über die Aufgeblasenheit der Vergangenheit und wirft einige scharfsinnige Blicke auf die Gegenwart." Howard Taubman l The New York Times


"Das Stück von Dürrenmatt ist schön, breit angelegt, reich an allen Tönen der Tragikomödie, voll von zeitnahen Resonanzen."

    Gilles Plazy / Le Monde, Paris


"Wer sind Dürrenmatts künstlerische Ahnen? Ein Aschylos, ein Shakespeare, ein Cervantes, Swift, Nestroy, Büchner, Kleist, Hieronymus Bosch, Brueghel; und wäre das mittelalterliche Theater noCh lebendiger Gemeinbesitz - man müßte es erwähnen in dieser Vergleichsweise. Also alles barbarisch Kluge, alles, was durch irgendeine Form von "Protestantismus" hindurch seine Sinnlichkeit bewahrt hat."

    Flisabeth Brock-Sulzer