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Warum die Panne unter die erzählenden Werke einreihen?
Hat sie doch die verschiedensten formalen Auswertungen
über sich ergehen lassen müssen, vom Hörspiel bis zur Dramatisierung. In dieser vielfältigen Benützung durch unsere
Zeit zeigt sich, wie nahe das Thema den innersten Anliegen
dieser Zeit steht. Kaum ein Thema ist so sehr das unsrige
wie gerade das der "Panne". Aber kaum ein Thema ist auch so
sehr fähig, seine innere Verwandtschaft mit den großen Themen Europas aufzuzeigen. Hat man vom "Zerbrochenen Krug"
sagen dürfen, es handle sich darin um einen komisch gewendeten "Ödlipus", so sind auch in der Panne Dürrenmatts die
Bezüge zu diesen Werken mit vorsichtigen Händen zu greifen. Es ist also nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, wenn
unsere Zeit, wenig um den Respekt gegenüber eingeborener Kunstform bekümmert, sich auf dieses Buch gestürzt
hat. Dem um diese Form und wegen dieser Form Bekümmerten sei es freilich erlaubt, das Werk festzuhalten in seiner
widerstandsfähigsten Form, eben in der Erzählung. Dürrenmatt selber scheint solches Vorgehen eher zu legitimieren,
hat er doch in der Ausgabe von 1956 einen "Ersten Teil"
beigefügt, der mehr als ein Vorwort ist, eine Art ästhetisches
Credo, allerdings in engster innerer Verbindung mit der Erzählung selbst.
"Eine noch mögliche Geschichte" sei die "Panne". Denn sehr
viele Geschichten sind nach Dürrenmatt heute nicht mehr
möglich. Dann nennt er also jene, die "romantisch, lyrisch
ihr Ich verallgemeinern", jene, die den "Zwang" verspüren,
"durchaus wahrhaftig von ihren Hoffnungen und Niederlagen zu reden", "wie wenn Wahrhaftigkeit dies alles ins
Allgemeine transponieren würde und nicht vielmehr ins
medizinische, psychologische bestenfalls" - man übersehe
nicht, daß Dürrenmatt hier das Allgemeine mit Majuskel
schreibt, nicht aber das Medizinische und Psychologische! -
sichtbar ablehnend nennt er diese beiden Arten des Schriftstellers, sein Weg ist solches jedenfalls nicht. Aber dann
nennt er sich selbst: "...will einer dies nicht tun, vielmehr
diskret zurücktreten, das Private höflich wahren, den Stoff
vor sich wie ein Bildhauer sein Material, an ihm arbeitend
und an ihm sich entwickelnd, und als eine Art Klassiker
versuchen, nicht gleich zu verzweifeln, wenn auch der bare Unsinn kaum zu leugnen ist, der überall zum Vorschein kommt,
dann wird Schreiben schwieriger und einsamer, auch sinnloser..." Und später in diesem selben "Ersten Teil" spricht
er von der unvermeidlichen Ratlosigkeit, die den Autor
überkomme, wenn er sich den gängigen Forderungen versage, die die Zeit an ihn stelle : "Seele, Geständnisse, höhere
Werte, Moralien, brauchbare Sentenzen, irgend etwas soll
überwunden oder bejaht werden, bald Christentum, bald
gängige Verzweiflung, Literatur alles in allem." Was, "wenn
dies zu produzieren der Autor sich weigert, immer mehr,
immer hartnäckiger, weil er sich zwar im klaren ist, daß der
Grund seines Schreibens bei ihm liegt, in seinem Bewußten
und Unbewußten in je nach Fall dosiertem Verhältnis, in
seinem Glauben und Zweifeln, jedoch auch meint, gerade
dies gehe das Publikum nun wirklich nichts an, es genüge,
was er schreibt, gestaltet, formt, man zeige appetitlicher-
weise die Oberfläche und nur diese, arbeite an ihr und nur
dort, im übrigen sei der Mund zu halten, weder zu kommentieren noch zu schwatzen". Hier werde "die Abdankung
ernstlich in Erwägung gezogen". Das Schicksal habe die
Bühne verlassen, auf der gespielt werde, um hinter den Kulissen zu lauern, außerhalb der gültigen Dramaturgie, im
Vordergrund werde alles zum Unfall, die Krankheiten, die
Krisen. ccIn diese Welt der Pannen führt unser Weg, an
dessen staubigem Rand nebst Reklamewänden ... und den
Gedenksteinen der Verunfallten sich noch einige mögliche
Geschichten ergeben, indem aus einem Dutzendgesicht die
Menschheit blickt, Pech sich ohne Absicht ins Allgemeine
weitet, Gericht und Gerechtigkeit sichtbar werden, vielleicht auch Gnade, zufällig aufgefangen, widergespiegelt
vom Monokel eines Betrunkenen" - womit wir denn schon
mitten in der Erscheinungswelt der gerade noch möglichen
Geschichte "Die Panne" drin stehen.
Aber wie ist es denn nun mit diesem Schicksal, das nur
hinter der Kulisse lauert? Tat es je etwas anderes? Und war
im Vordergrund nicht immer nur Unfall? War in der Kunst
nicht immer der Zufall das, was geschickt wurde und uns
so zufiel? Gäbe es überhaupt Geschichten, Dramen ohne die
Mitwirkung des zunächst als bloßer Zufall erscheinenden
Vordergrundes? Was, wenn Orest und Iphigenie nicht das
Orakel zunächst falsch verstanden hätten? Es gäbe wohl
überhaupt keine Kunst, wenn nicht die Menschheit immer
am Zufall gelitten hätte, wenn sie nicht imstande gewesen
wäre, dazu verdammt gewesen wäre - immer, zu allen Zeiten -, das Schicksal zunächst mißzuverstehen und erst auf
dem Umweg der Umdeutung aus Zufall Schicksal zu machen.
Alle Geschichten der Welt sind, in diesem brennenden
Zweifel betrachtet, gerade noch möglich. Und es bedarf
eines im Grunde so naiven, so fabulierfreudigen Naturells,
wie das Dürrenmatts es ist, damit die Frage so brennend gestellt werden konnte. Diese Einleitung Dürrenmatts
ist gerade in ihren auf Schritt und Tritt zu fassenden Selbstwidersprüchen
etwas vom Schönsten, was er geschrieben
hat. "Schwatzen" tut er hier nicht, wohl aber "komrnentieren". Und wenn er "appetitlicherweise nur die Oberfläche
zeigt und nur an ihr arbeitet", so gibt er doch anständigerweise das nie zu Leugnende zu, daß eben "der Grund des
Schreibens beim Dichter liegt". Wer an diesem Gegensatz
nicht zu leiden vermag, der ist letzten Endes dem Exhibitionismus recht nahe.
Nicht weil das Schicksal in den Kulissen lauert
und der Vordergrund des Lebens aus Pannen besteht, ist Dürrenmatt zur falschen Zeit geboren, sondern weil
es unsereins gibt, die Literarhistoriker, die Psychologen, diejenigen,
die Kunst nicht erleben, sondern technisch verwerten. Wieviele romanische Kapitäle wären wohl entstanden,
wenn es damals schon Psychoanalyse gegeben hätte?
Aber zurück zur "Panne", diesem schlicht als Meisterwerk zu
bezeichnenden Werk des Berners. An Alfredo Traps, dem
Textilreisenden, ist nichts ungewöhnlich außer dem polyglotten Namen. Er lebt unangefochten, hat Erfolg, feiert
die Feste, wie sie fallen und ohne Heikelheit, nicht besorgt
um ein moralisches Weltgebäude. Daß er schließlich einen
imposanten Studebaker besitzt samt dem, was einen solchen
legitimiert, das ist nicht Gnade, sondern Glück. Und Unglück
heißt in diesem Raum Panne. Sogar Autopanne. Da
gerät also dieser Normale, rasch Vesgnügte, in den Bannkreis des Alters hinein, in den Raum von vier Abgedankten,
die sich ein Leben erbauen jenseits von Arbeit, Pflicht,
Natur, in den magischen Raum des freien Alters, der alten Freiheit.
Vier Juristen spielen in ihrem Otium Gericht, ein
Staatsanwalt, ein Verteidiger, ein Richter, ein Henker. Ihr
schwereloses Spiel bringt es fertig, den banalen, normalen
Traps, ohne daß er es überhaupt merkt, zum Eingeständnis
eines Mordes zu bringen: er hat seinen verhaßten Vorgesetzten
dadurch, daß er ihm eine für sein schwaches Herz zu
starke Aufregung bereitete, getötet. Daß diese Aufregung
die indirekte Mitteilung war, er habe ihn mit seiner Frau
betrogen, ist eher nebensächlich. Also eine Art perfekten
Verbrechens. Aber nun wird Traps vor sich selber beträchtlich. Er ist eingetreten in den Raum der Gerechtigkeit, des
Schicksals. "Eine Ahnung von höheren Dingen, von Gerechtigkeit, von Schuld und Sühne" steigt in ihm hoch,
erfüllt ihn mit Staunen. Und wie ihn der Verteidiger reinwaschen will -
was durchaus möglich wäre, war doch der böse
Föhn an dem tödlichen Herzinfarkt mindestens mitbeteiligt -,
da wehrt sich Alfredo mit aller Gewalt gegen die Entschuldigung,
er will getötet haben. Ein lärmendes Glück beseligt
die ganze Tafelrunde einschließlich der Köchin; einen Verbrecher zu finden, der die Todesstrafe gar noch beglückt
hinnehme, sei ein Glücksfall sondergleichen. Denn "die
Würde des Menschen verlange keine Gnade". In torkelndem
Rausch versinkt der beseligte Lärm, Traps sucht "zugleich begeistert und müde sein Zimmer auf, wunschlos
glücklich wie noch nie in seinem Kleinbürgerleben. Die
Landschaft, die am Anfang der Geschichte leise ironisch beschrieben
worden war, ersteht wieder in der "steinernen
Morgendämmerung", diesmal ganz naiv und in sich beständig.
Aber kurze Zeit nachher hängt Traps "unbeweglich, eine dunkle Silhouette vor dem stumpfen Silber des
Himmels, im schweren Duft der Rosen, so endgültig und
so unbedingt, daß der Staatsanwalt, in dessen Monokel sich
der immer mächtigere Morgen spiegelte, erst nach Luft
schnappen mußte, bevor er, ratlos und traurig über seinen
verlorenen Freund, recht schmerzlich ausrief: "Alfredo, mein
guter Alfredo! Was hast du dir denn um Gotteswillen gedacht?
Du verteufelst uns ja den schönsten Herrenabend!"
"Recht schmerzlich": das mildernde Adverb holt das Pathos
herunter in die zufällige Normalität. Aber "um Gotteswillen"
und "verteufeln" sind zwar äußerlich abgeblaßte Wortschemen,
werden jedoch gerade hier wieder in ihren Sinn
eingesetzt. Gott und Teufel sind als fernste Widerhälle anwesend in diesem Ende. Wenn Dürrenmatt Stoffe hat, so hat
er auch Sprache. Beides. Und beides ist heute selten. Wie
aus einem "Dutzendgesicht" die Menschheit blickt, so aus
einem Dutzendwort das Wort. Wie "Pech sich ohne Absicht
ins Allgemeine weitet", so die saloppe Umgangssprache in
ihre echten Ursprünge. Vielleicht sogar unbewußt. Das wäre
nicht gegen die "Arbeit an der Oberfläche".
Auf ein besonderes Thema Dürrenmatts muß hier noch
etwas näher eingegangen werden, auf das Thema des alten
Menschen. Es kehrt oft wieder im Werk des Dichters, was
seltsam ist, da ja Dürrenmatt heute erst wenig über 40 Jahre
alt ist. Nicht nur alte Damen, auch alte Herren kommen
seinen Zielen entgegen. Das Alter, das die Anlagen schärfer
ausprägt, das den Menschen nicht nur lebensmäßig an seine
Grenzen rühren läßt, sondern ihn auch zu jener äußersten
Form seines Charakters zwingt, die oft von der Verrücktheit
kaum mehr zu unterscheiden ist, dieses Alter hat im
Grunde dieselben Formprinzipien wie Dichter vom Schlage
Dürrenmatts. Sie übertreiben im Raum der Endgültigkeit.
Sie schillern zwischen Diesseitigkeit und Jenseitigkeit. Beide
zeigen sie das Leben auch in seiner magischen Form. Die
Überalterung, die eines der bestimmenden Merkmale unserer
Zeit ist, findet hier ihren Niederschlag in der Literatur,
die scheinbar jungen Greise unserer Zeit finden hier ihr unheimlich maskenloses Abbild.
Diejenigen, die der Tod vergessen zu haben scheint, stehen in der Panne neben dem, der
den Tod vergessen hatte und ihn im Spiel der Lemuren auf
höchst reale Weise wiederentdeckt.
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