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DAS VERSPRECHEN

    Der "Requiem auf den Kriminalroman" überschriebene Roman Das Versprechen ist in heutiger Sicht vielleicht das erstaunlichste Werk Dürrenmatts. Erstaunlich durch das, was man Unauffälligkeit nennen möchte. In dieser Empfindung drückt sich aber nur die Tatsache aus, daß Dürrenmatt zum Begriff geworden ist. Wir haben uns gewöhnt an seine Ungewöhnlichkeit, wir haben seinen Stil weitgehend angenommen, als Faktum registriert. Wenn er nun in diesem letzterschienenen Erzählungswerk sich stark zurücknimmt, sich um epische Flächigkeit mit Erfolg bemüht, so erzeugt das im Gegenschlag Erstaunen. Der Gegenschlag ist aber nicht nur wirksam in unserer, der Leser, Empfindung; ein Gegenschlag war auch höchst ge- radlinig wirksam beim Entstehen des Werks. Seinen ersten Anstoß empfing es in einem Filmauftrag. Dürrenmatt sollte eine filmisch und pädagogisch verwertbare Erzählung über das Thema der Sexualverbrechen an Kindern liefern. Was entstand, war der Film "Es geschah am hellichten Tag", ein guter Film, aber eben ein Film und erst noch ein pädagogisch wirksamer Film, Dürrenmatt mußte sich wohl zuerst einmal mit der Rücksichtslosigkeit, die in fast jeder filmischen Verwirklichung liegt, abfinden. Immerhin hatte er das Glück, einen ungewöhnlichen Regisseur und ungewöhnliche Darsteller zu finden. Aber es ist nun kennzeichnend für Dürrenmatts kämpferische Art, daß er sich gezwungen fühlte, dem fertigen Filmwerk gegenüber zu reagieren und "die Fabel aufs neue aufzugreifen und weiterzudenken, jenseits des Pädagogischen ". Was jeweils eine Inszenierung seiner Dramen für Dürrenmatt ist, das war hier, in sehr viel drängenderem Anstoß, die Begegnung mit der filmischen Erscheinung eines eigenen Themas. Wenn Dürrenmatts "Versprechen" so ausgewogen, so von innen heraus gegründet, eben so schön unauffällig geworden ist, so ist das sicher teilweise diesem Arbeitsprozeß zu danken, der zentral Absetzung, Wiederspruch gegen eine vielleicht übertrieben auffällige, unerbittlich effektvolle Kunstgattung war, Absetzung auch von der Kollektivarbeit, die ein Film sein muß. Es ist hier Rückkehr zu sich selbst, nicht mehr Aufbruch aus sich selbst - das erklärt die merkwürdige Versunkenheit, die bei aller Spannung durchwaltet. Merkwürdig auch: hier gibt es wieder ein Ich. Dürrenmatt führt sich selber wieder einmal ein, als Sachwalter der Erzählung gleichsam. Damit knüpft dieses neue, so ausgeglichene Werk an die frühe Prosa an, in welcher die Beziehung auf das Ich ebenfalls wörtlich ausgestaltet wird - gewaltsamer als im Ver.rprechen, aber mit nicht geringerem Willen zur Distanz; es wird anläßlich dieser frühen Werke noch davon zu sprechen sein. Mit abständigem Humor führt er sich gleich zu Anfang ein, einen Vortrag hat er in Chur zu halten über die Kunst, Kriminalromane zu schreiben, gerät dabei in die höchst unvorteilhafte Konkurrenz mit einem Vortrag über den alten Goethe und trifft nachher auf einen ebenso gewichtigen wie wortkargen Kritiker seines Themas, den ehemaligen Kommandanten der Kantonspolizei Zürich, der ihm zunächst als einziges Urteil über seinen Vortrag sagt: "Sie tragen ziemlich ungeschickt vor." Mann, Stadt, Landschaft - alles ist mit wenigen scharfzuschlagenden Zügen hingestellt. "Die Nacht zeitlos, gespenstisch. Draußen hatte es zu schneien aufgehört, alles war ohne Bewegung, die Straßenlampen schwankten nicht mehr, kein Windstoß, kein Churer, kein Tier, nichts, nur vom Bahnhof her hallte es einmal himmelweit. " Früher hätte es statt "kein Churer" "kein Mensch" geheißen - das bezeichnet den Unterschied von der frühen Prosa. Aber vom " Churer " bis zu " himmelweit " ist der Abstand nur größer geworden: die reale Verankerung steigert die irzeale, überreale Ausweitung. Nur um diesen Gewinn konnte sich ein Dürrenmatt herbeilassen, real zu werden, sich realistisch zu gebärden. Später dann heißt es von dem morgendlich vergrauten Chur: "Die Stadt war von Bergen eingekesselt, die jedoch nichts Majestätisches aufwiesen, sondern eher Erdaufschüttungen glichen, als wäre ein unermeßliches Grab ausgehoben worden. "Aufwiesen" ist profillos, seine an sich anfechtbare Blässe steigert aber die gleich folgende Vision des leeren Grabes. Und dann beginnt die Fahrt mit dem pensionierten Kriminalisten, die zunächst hinführt zu dem "Helden" der Geschichte, einem "Alten", der "seine Hände zu Fäusten ballte, sie schüttelte und flüsterte, die Worte ruckweise hervorstoßend, das Gesicht verklärt von einem unermeßlichen Glauben: ,Ich warte, ich warte, er wird kommen, er wird kommen.` " Von sehr fern klingt hier der Ton des Blinden. Dürrenmatt selbst sitzt im Auto, "verschanzt hinter seiner Müdigkeit, doch aufmerksam wie ein Tier im Bau", und nun erhält er auch die Kritik seines Vortrags. Über den Kriminalroman wird ein Todesurteil gesprochen von einem, der es wissen muß, eben diesem ergötzlichen und so wirklichen Nationalrat Dr. H., diesem Menschen, der ""sich nichts mehr vormacht". Er weiß, daß "der Wirklichkeit mit Logik nur zum Teil beizukommen" ist, er wirft den Kriminalschriftstellern vor, sie ließen dem Zufall keine Rolle, und wenn etwas nach Zufall aussehe, müsse es gleich Schicksal und Fügung gewesen sein. "Die Wahrheit wird seit jeher von euch Schriftstellern den dramaturgischen Regeln zum Fraße hingeworfen ... Ihr versucht nicht, euch mit einer Realität herumzuschlagen, die sich uns immer wieder entzieht, sondern ihr stellt eine Welt auf, die zu bewältigen ist. Diese Welt mag vollkommen sein, möglich, aber sie ist eine Lüge. Laßt die Vollkommenheit fahren, wollt ihr weiterkommen, zu den Dingen, zu der Wirklichkeit, wie es sich für Männer schickt, sonst bleibt ihr sitzen, mit nutzlosen Stilübungen beschäftigt. Doch nun zur Sache". Eine Welt, die zu bewältigen ist - die Forderung Dürrenmatts ist aber, sie zu bestehen, was ein anderes ist. "Zu den Dingen ... zur Sache" - alles andere sei nutzlose Stilübung. Das reale Ich Dürrenmatts ist schon hinübergegangen in die Gestalt des eigentlichen Erzählers, denn diese Geschichte ist ja eine doppelt gestaffelte Erzählung, eine doppelt distanzierte Begegnung mit praller Wirklichkeit, mit dieser Wirklichkeit, in welcher Logik, immerhin mögliche Logik am Zufall zuschanden wird, und wo - gestalthaft ausgeprägt - aus einem haltungsvollen Genie ein trauriges, versoffenes Wrack wird, dem nur ein unermeßlicher Glaube geblieben ist. Eine echt tragische Figur. Denn der Mensch muß denken, das ist ein eingeborenes Gesetz, und wenn Gott - oder der Zufall - anders lenkt, so ist das keine Aufforderung an den Menschen, sein eingeborenes Gesetz zu verraten. Schuldlos schuldig wird der Denkende, tragisch. Auf dem Umweg der Ernstnahme des Zufalls, des Absurden, "welches sich notwendigerweise immer deutlicher und mächtiger zeigt ", in dieser Haltung, die dieses Absurde "demütig in unser Denken einkalkuliert", auf solche Weise also entdeckt Dürrenmatt das, was er unserer Zeit meistens abspricht, die wahre Tragödie. Ob in ihr der heldische Held agiere, das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob es den Menschen noch gebe, der sich dem tragischen Konflikt auszusetzen wagt. Das - die Theorie - ist nun aber einer dichten epischen Wirklichkeit eingewoben. Vielleicht nirgends anders ist Dürrenmatts Erzählen so fugenlos, obwohl er seinem Stil nicht abgeschworen hat. Auch hier frönt er der Parataxe, der höchstmöglichen Verknappung, die beispielsweise die Verbindungspartikel mit Vorliebe ausmerzt, auch hier sind ganze Abschnitte nach Art von Regieanweisungen des Satzzusammenhangs enthoben. Auch hier gibt es die sprunghafte Folgerung, und vor allem die sprechende Pause. Großartig ist die Verschwiegenheit des Dichters vor dem ermordeten Kind. "... umgaben kurz darauf den kleinen Leichnam, den sie zwischen Büschen, nicht weit vom Waldrand entfernt, im Laub fanden", heißt es. Dann kommt immer wieder das Motiv "hinschauen", "wegblicken", "hinstarren ". Die entsetzliche Wirklichkeit wird gleichsam von gebannten oder fliehenden Blicken eingekreist. Nicht anders stellt etwa ein strenger Klassiker den Mord auf der Bühne dar: indem er ihn eben nicht zeigt, sondern nur seine Spiegelung in denen, die er entsetzt. In solchem zeigt sich wieder einmal jene bestürzende Reinheit, die diesem Dichter immer wieder gegeben ist und die so gern übersehen wird. Eine Reinheit, die wohl in verborgener Verbindung steht mit der unausrottbaren Kindlichkeit, die auch immer wieder durchhallt durch dieses vielschichtige Schaffen. Nicht das ist damit gemeint, daß sich in diesem Roman eine echte Verbundenheit mit dem Kind und seiner unverwechselbaren Existenz zeigt, etwa in dem Gespräch zwischen Ursula und Matthäi -, ganz unsentimental, denn sonst könnte auch nicht jene Exasperation so scharf gezeichnet werden, die die Erwachsenen vor der unzugänglichen Märchenwelt des Kindes überkommt, jene Wut vor dem Singsang der auf den Mörder wartenden Annemarie und auch nicht jene andere, unvergeßliche Stelle: "Das Mädchen ließ unser Toben stumm über sich ergehen, eine Ewigkeit lang, wenn auch alles sicher nur wenige Sekunden dauerte, schrie dann aber mit einem Male mit einer so unheimlichen und unmenschlichen Stimme auf, daß wir erstarrten. ,Du lügst, du lügst, du lügst!` Wir ließen es entsetzt fahren, durch sein Gebrüll wieder zur Vernunft gekommen und von Grauen und Scham über unser Vorgehen erfüllt ..." Das Märchen spielt überhaupt stark in diese Geschichte hinein: wie Rotkäppchen war das ermordete Gritli Moser mit seinem Körbchen auf dem Weg zur Großmutter, kein rotes Käppchen, wohl aber ein rotes Röcklein trug es, wie alle Opfer des "Igelriesen". Es ist dem Bösen verfallen, weil es in ihm eine Märchengestalt witterte, der Mörder hat sich ja mit diesem Nimbus absichtlich umgeben. Matthäi andererseits arbeitet auch mit Märchen, er erzählt seinem Lockvogel Annemarie stundenlang Märchen, um das Kind in der Nähe zu behalten, und endlich, in der grauenvollen Schlußwendung des Romans, in der Erzählung der sterbenden Frau Schrott, der Frau des Mörders, heißt es : "... es war nun wirklich, als erzählte sie zwei Kindern ein Märchen, in dem ja auch das Böse und das Absurde geschieht als etwas ebenso Wunderbares wie das Gute..." Aber das ist nur eine und erst noch eine eher vexborgene Strähne des Geflechts, das zugleich entschieden und behutsam zusammengegriffen ist. Man müßte eigentlich Szene um Szene zitieren: die Erzählung des Hausierers mit ihren so wahrhaftigen und so verdächtigen Zufällen, das Gespräch zwischen Kommissär und Psychiater - "Löcher, lassen Sie nun Ihre Faxen mit Mann und Mensch und dalli und so weiter" -, die Szene mit der drohenden Lynchjustiz draußen auf dem Dorf, die Szene, da Matthäi den Mord Gritlis Eltern mitteilt und der Mutter bei seiner Seligkeit versprechen muß, den Mörder zu finden (das Titelmotiv), und Seligkeit ist hier Seligkeit, wie der Teufel der Teufel ist, diese Szene, die endet: "Dann hörte er plötzlich vom Hause her, hinter sich, einen Schrei wie von einem Tier. Er beschleunigte seinen Schritt und wußte nicht, ob es der Mann oder die Frau war, das so weinte. " ,Das` so weinte. Ein Neutrum gefügt aus Mann und Frau. Neugeburt eines Wortes. So wie wenn es heißt: "Wenn ich so die Photographien von diesem Mord betrachte, wünsche ich ihn zum Teufel. " Und endlich die Erzählung der alten Frau mit ihrer grausigen Verwirrung, ihren fast unerträglichen Verzögerungen, ganz aus der Dämonie des Alters heraus gestaltet wie das Quartett der Alten in der Panne: " ... ihr kleiner Greisenkopf mit den schlohweißen Haaren wackelte lebenslustig hin und her, wie irrsinnig vor Freude und Lust über ihren Wutausbruch ..." Dämonisch und dumm, dämonisch dumm, sich verratend in absurden Gedankenverbindungen : " ... mit dem Buiek sei es ja nicht so gefährlich, da müsse er aufmerksam fahren und könne keine Stimme vom Himmel hören ... ", sich verratend in ihrer Tugendprotzerei dem "Albertchen selig" gegenüber und in ihrer blödsinnigen Verfallenheit an blödsinnige Bravheit. Da heißt es beim Geständnis des zweiten Mordes: " Jawohl, Mutti, sagte er, strich sich noch ein Brot mit Marmelade voll und ging in den Hof. Nun muß ich wohl doch zum Pfarrer ßeck gehen, dachte ich, damit er sehr streng mit Albertchen selig rede, aber als ich zum Fen- ster hinausschaue und sehe, wie im Sonnenschein draußen Albertchen selig so treu seine Pflicht tut und ganz still und ein bißchen traurig am Kaninchenstall herumflickt und wie der ganze Hof blitzsauber ist, denk' ich, was geschehen ist ist geschehen, Albertchen ist ein braver Mensch, herzensgut im Grunde, und es wird ja auch nicht wieder vorkommen. " Anderswo steht in dem Roman einmal : "Es klinge zynisch, was ich sage, aber das sei es nicht. Es sei nur schrecklich." So ist es. Nur schrecklich, zur Wahrheit durchgefiltert. Requiem auf den Kriminalroman. Schwer denkbar ist es, daß Dürrenmatt noch einmal einen Kriminalroman, selbst einen vom Schlage dieses Versprechens schreiben sollte. Vielleicht ist dieses Werk auch ein Requiem auf seine Kriminalromane, die so harmlos fabulierend begonnen hatten. Daß Dürrenmatt aber ein Meister des Romans schlechthin ist, das ist durch das Versprechen bewiesen. Man wird deshalb auch mit Zuversicht seinem neuen Roman, "Jurtiz" genannt - abermals das Thema der Gerechtigkeit! -, entgegensehen können, einem Werk, wo Dürrenmatt mit längerem Atem, mit reicherer Versträhnung der Materie arbeiten will. Soll ihm der Roman wirklich erholsame Gegenform werden, so wird er sich unter seiner Feder noch sichtbarer als bis anhin von der dramatischen Form absetzen müssen. Aber das wollte erlernt werden. Einem auf strenge Form bedachten Dichter war noch immer der Roman entweder verächtlich oder schwer zugänglich. Dürrenmatts drei Romane sind Stufen zum Roman; der letzte Schritt, den er im Versprechen getan hat, ist wohl entscheidend. Es ist da eine Standfestigkeit erreicht, die andere Werke dieser Art notwendig anziehen müßte. Dazu kommt, daß es sich Dürrenmatt heute leisten könnte, langsamer zu arbeiten. Äußere Notwendigkeit bedrängt ihn nicht mehr, und das Werk, das er bis jetzt hingestellt hat, dürfte ihm auch die Zuversicht sich selbst gegenüber geben, die zu geruhsamerem Schaffen nötig ist. Doch hat natürlich die Welt des Theaters ihre eigene, fast dämonische, durchaus unvergleichliche Anziehungskraft.

   

    Dürrenmatts Erzählkunst sei nun noch an zwei weiteren, doch wohl am ehesten als episch zu bezeichnenden Werken betrachtet, die andere Wege einschlagen. Sie sind früher als das Versprechen geschrieben worden, aber später als die beiden eigentlichen Kriminalromane. Es handelt sich um "Grieche sucht Griechin" aus dem Jahre 1955 und um die "Panne" aus dem Jahre I956.

    Der berühmte Ausspruch Dürrenmatts, er würde, vor die Wahl gestellt zwischen Ei und Huhn, zwischen der Welt als Potential und der Welt als Reichtum, das Huhn, also den Reichtum wählen; dieser Ausspruch bezeichnet in weithin umfassendem Maß eine Grundschwierigkeit von Dürrenmatts Schaffen. Denn dieser Künstler ist in eine Zeit hineingeboren worden, wo der Reichtum selten geworden und deshalb von der gängigen Ästhetik wenig geschätzt wird. Die Ästhetik gehorcht ja mehr, als sie es wahrhaben will, dem Gesetz des gerade Verfügbaren. Bringen die Künstler ihrer Zeit gewisse Gaben nicht mehr mit, so dekretiert sie nur allzu gern, diese Gaben seien gar keine Gaben, sondern bestenfalls Unarten.

    Die heutige Ästhetik ist eine Ästhetik des Eis, um Dürrenmatts Ausdruck zu gebrauchen, eine Ästhetik des Abbaus, der nackten Grundlinien, der gewaltsamen Armut. Sie kann sich auf einige starke, ernstzunehmende Künstler stützen - sonst hätte sie ja überhaupt keinerlei Bestand -, aber nir- gends steht geschrieben, daß sie wirklich die einzige für unsere Zeit gültige Ästhetik, von anderen Zeiten ganz zu schweigen, zu sein habe. Das ganze Schaffen Dürrenmatts ist ein Gegenbeweis gegen diese Alleingültigkeit, das macht ja gerade seine starke und schöne Besonderheit aus. Aber leicht hat es heute keiner, sich dem Reichtum zu verschreiben, Reichtum zu schreiben. Denn wie man auch wähle heute, Ei oder Huhn: um die sichtbare Abstraktion herum kommt man nicht. Die in der Kunst unentbehrliche Stilisierung will heutzutage offen sichtbar werden. Abstraktion scheint nun aber immer gegen den Reichtum zu gehen, von ihm abgezogen zu sein, von ihm Substanz abzuziehen. Das zeigt sich ja schon daran, daß eben nur jene Künstler gültige Abstraktheit erreichen, welche von einer reichen Substanz, die das Abstrahieren verträgt, ausgehen können. Wie macht es nun ein Künstler, der zugleich Abstraktion und sichtbaren Reichtum will? Hier liegt eine Hauptschwierigkeit für einen Menschen wie Dürrenmatt. Er wird sie meistens lösen durch die kunstvolle Übertreibung. Eben im Sinn jenes Grundmusters: Riese-Zwerg, im Sinn von "Gullivers Reisen, dem "extremsten Beispiel einer Eigenwelt": "Alles in diesem ist erfunden, es ist gleichsam eine Welt neuer Dimensionen erstellt worden. Doch durch die innere, immanente Logik wird alles wieder zu einem Bild unserer Welt. Eine logische Eigenwelt kann gar nicht aus unserer Welt fallen"", heißt es in dem Vortrag des Jahres 1956. Logik und Welt, ineinander, das ist die Forderung. Daß sie in einer Zeit verwirklicht werden soll, die der Kunst allzu oft nur die Logik oder ihr Gegenbild, die Absurdität, zuspricht, das ist das Problem.