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DIE PHYSIKER
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Auf den ersten Blick will es scheinen, als sei zwischen "Frank V."
und den "Physikern" einer der stärksten Brüche in Dürrenmatts
Schaffenslinie festzustellen. Nach dem beinahe tollkühnen
Griff in das vom Chanson gefilterte Monsterdrama - einem
Drama aus absterbenden Monstren - ein Gebilde, das mit
unverkennbarem Stolz das klassische Formgesetz bis in die
letzte Einzelheit hinein erfüllt. Es ist, als hätte Dürrenmatt
sich und uns einmal beweisen wollen, auch er könne "klassisch" schreiben, ein "Klassiker" sein. |
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Wer das Gesetz von
den klassischen drei Einheiten am Modell studieren will,
kann nichts Praktischeres tun, als die "Physiker" studieren.
Einheit des Ortes - ein Zimmer. Einheit der Zeit - die Aufführung beansprucht, sogar wenn man die Pause einrechnet,
die auch eine Pause des Geschehens ist, genau die Zeit, die das
Geschehen in der Wirklichkeit beanspruchen würde.
Einheit der Handlung - eine so spiegelbildliche Wiederholungen und innerhalb dieser genaue Stufungen im Dreitakt das Grundgesetz bestimmen.
Die "Physiker" sind eines der raffiniertesten Bühnengebilde, die
sich denken lassen. Doch ist gerade dieses architektonische
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| straffe Konzentration, daß sogar
Können, diese beinahe taschenspielerische dramatische Fingerfertigkeit dem formalen Wagemut des Frank nicht allzu
fern. In beiden Werken erprobt sich Dürrenmatt als ein stupender Theatertechniker, er ist jetzt imstande, als Virtuose
die Gesetze des Theaters zu benützen. Auch der Gegensatz
zwischen den beiden Werken ist ein Ausdruck dieser Virtuosität. Ich wage den Ausdruck Virtuosität, obwohl ich mir
nicht verhehle, daß in einem so "innerlichen" und auf seine
Innerlichkeit so stolzen Sprachraum wie dem deutschen dieser Ausdruck Wasser auf die Mühle derer sein könnte, die in
Dürrenmatt einen bloßen Macher sehen möchten.
Wir werden uns aber doch damit abzufinden haben, daß die
Zusammenarbeit zwischen Bühnenautor und Bühne, die heutzutage beinahe die Regel geworden ist, ihre Früchte auch darin
zeigt, daß eben das deutsche Theaterhandwerk eine bisher
eher seltene unmittelbare Schlagkraft gewonnen hat. Wenn
Dürrenmatts Weg zum Ruhm ein beinahe gefährlich schneller ist,
so liegt das nicht zuletzt an seinem nunmehr errungenen Theaterwissen. Die Plysiker sind neben dem "Besuch
der alten Dame" das Stück des Berners, das die weiteste
Streukraft erwiesen hat.
Das liege am Thema, mag man sagen. Das Thema der
Gefährdung unserer Welt durch die Entdeckungen der
modernen Physik sei ja das entscheidende Thema unserer Welt,
unseres Daseins. Nun konnte man freilich annehmen, Dürrenmatt würde gerade dieses Thema nie auf die Bühne bringen:
"Die Atombombe kann man nicht mehr darstellen, seit man
sie herstellen kann", heißt es in den "Theaterproblemen" Aber
Dürrenmatt hat in diesem Stück nicht die Atombombe
dargestellt, er hat ein Stück über die modernen Physiker geschrieben, also über Menschen, die in sich eine durchaus
tödliche, über Leben und Tod der Welt entscheidende
Waffe entdeckt haben. Auch hier ist Theater aus Menschen,
an Menschen, um Menschen. Angriffe auf das Stück sind
vor allem von jenen erhoben worden, die verlangten, be-
wußt oder unbewußt, der Dichter sollte hier die Atomfrage
lösen. Sie ist in der Tat nicht gelöst worden, weder utopisch
noch real. Das war ja auch vernünftigerweise nicht zu erwarten. Könnte sie ein Dichter lösen, so wäre sie nicht die
Gefahr, die sie ist. Dürrenmatt hat in den "21 Punkten" zu den
"Physikern" denn auch mit aller Deutlichkeit sich gegen diese
unangemessene Forderung abgesetzt. Da heißt es: "Der
Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle
Menschen." Und weiter: "as alle angeht, können nur alle
lösen."Und endlich: "Jeder Versuch eines einzelnen, für
sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern." Darin liegt
eine gewisse Absage an den "tapferen Menschen", der die
früheren Werke Dürrenmatts bestimmte: hier, im Bereich
der möglichen totalen Zerstörung der Welt durch technisch
ausgewertete Wissenschaft, genügt der einzelne nicht mehr,
hiez muß er total scheitern. So sind denn die "Physiker" ein
todschwarzes Stück, durchaus hoffnungslos, ausweglos obwohl darin nicht nur ein Tapferer, sondern gleich deren
drei erscheinen. Aber man lacht viel in diesem todschwarzen
Stück, viel, selbst wenn man die unangemessenen Lacher
nicht mitzählt. Auch die Phyriker sind ja als Komödie gestaltet. |
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Kein Thesenstück - trotz des hochpolitischen Inhalts. "Ich
gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte
aus", Punkt 1 der "21 Punkte. Punkt 2 : "Geht man von einer
Geschichte aus, muß sie zu Ende gedacht werden." Punkt 3 :
"Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre
schlimmstmögliche Wendung genommen hat." Dieses echt
dürrenmattisch gefaßt: das Ende ist das Aufhören des
Lebens, ist eine Situation, in der aus den eingesetzten Elementen heraus keine Fortsetzung mehr erwartet werden kann.
Ihr krassestes Gegenteil wäre der Märchenschluß: "Und wenn sie nicht
gestorben sind, so leben sie heute noch."
Und nun als Kontrapunkt des unbeirrbar logischen Baus
der "Physiker" Punkt 4: "Die schlimmstmögliche
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| Wendung ist
nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein." Die Physiker
sind die Menschen der strengstmöglichen Berechnung.
Sollen sie untergehen, gefällt werden, so werden sie am wirksamsten durch das getroffen, was sie mit ihrer Wissenschaft
auszuschalten trachten: durch den Zufall. Punkt 7 und 8
lauten denn auch: "Je planmäßiger die Menschen vorgehen,
desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. - Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel
erreichen. Der Zufall trifft sie dann am schlimmsten, wenn
sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was
sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (zum Beispiel
Oedipus)." Und Punkt 10 und 11 : "Eine solche Geschichte
ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig). - Sie ist
paradox."
Wie verläuft diese Geschichte? In einer von einer buckligen
Ärztin aus hochadligem, degeneriertem Geschlecht geleiteten Irrenanstalt leben drei Physiker, der eine, Möbius, seit
fünfzehn Jahren, die zwei anderen seit zwei und einem
Jahr. Alle drei sind von Wahnideen besessen, Möbius glaubt,
von König Salomon inspiriert zu werden, die beiden
anderen halten sich für Newton, respektive Einstein. Es
sind friedliche Irre, nur haben Newton und Einstein ihre
Krankenschwestern ermordet, und Möbius wird am Ende
des ersten Aktes ein gleiches tun. Alle drei erklären ihre
Tat damit, die Schwestern hätten sie geliebt, sie aber dürften nur der Wissenschaft leben. Wie Möbius zu dem Mord
kommt, erleben wir im ersten Teil des Stücks. Eben hat er
Abschied genommen von seiner von ihm geschiedenen
Frau und seinen Söhnen, die mit dem zweiten Mann der
Frau auswandern werden. Es war eine zunächst ganz
friedLiche Szene, bis plötzlich Möbius zu toben beginnt, ein wildes Lied singt, einen "Psalm Salomos, den Weltraumfahrern
zu singen", und dann seine Familie verflucht. Diese flieht
entsetzt, und schlagartig wird Möbius vernünftig. Er gibt
der Schwester gegenüber zu, er habe den Anfall nur gespielt, um den Seinen ein gutes Gewissen und ein leichtes
Vergessen zu geben. Da bekennt ihm die Schwester, sie
wie auch die Ärztin hielten ihn gar nicht für verrückt, er
schulde es der Wissenschaft, in die Gesellschaft zurückzukehren, sie habe ihm auch schon alle Wege dazu geebnet,
die wissenschaftliche Welt erwarte ihn. Sie liebe ihn und
werde alles für ihn tun. Möbius bekennt, auch er liebe sie,
und daraufhin erdrosselt er sie. |
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Der Vorhang fällt. Das Publikum geht in die Pause, ratlos
vor so viel Grand Guignol, dem es doch nicht recht zu
trauen wagt ... Drei Morde auf gleiche Weise begangen, der
eine zurückliegend und nur berichtet, der andere als eben
geschehen noch an seinem Opfer sichtbar, der dritte endlich
voll ausgespielt, wenn auch mit möglichster Diskretion und
in seinen Ursprüngen klar dargelegt. Drei Morde, im Grund
ein einziges Morden, das sich in Stufen ausformt, jener von
Dürrenmatt so oft verwendeten Trias, mit der er oft komische Effekte erzielt - will er auch hier die Komik? Und
wenn er sie nicht will, erzeugt er sie hier wider Willen?
Eine gefährliche Pause.
Aber während sich das Publikum auf Wegen und Abwegen
der Deutung ergeht, kann die Polizei wieder anrücken. Eine
verwandelte Polizei, sie spricht nicht mehr von Mördern,
sondern von Kranken, wohingegen die Ärztin jetzt von
Mördern spricht. Alle Vorzeichen sind verkehrt. Statt der
Schwestern amten jetzt, auf Befehl des Staatsanwaltes,
männliche Pfleger. Jetzt wagt der Polizeünspektor auch
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zu rauchen und Kognak zu trinken, mehr als das: er braucht die
Mörder nicht mehr zu verhaften. "Die Gerechtigkeit macht
zum ersten Mal Ferien." Auch die Physiker haben plötzlich
einen ganz modernen, lässigen Ton.
Newton sorgt sich wegen der Pfleger. Er wolle nämlich nicht ewig im Irrenhaus
sitzen, er wolle hinaus. Und er bekennt Möbius, er sei nicht
verrückt, er heiße Kilton und sei der Begründer der Entsprechungslehre und habe sich hier eingeschlichen, um
hinter den Grund von Möbius' Verrücktheit zu kommen.
Der Geheimdienst seines Landes habe ihn abgeordnet, und
die Schwester habe er töten müssen, da sie auf dem Punkt
gewesen sei, ihn zu entlarven. Sein Auftrag sei, Möbius zu
entführen, denn man halte ihn für den genialsten Physiker
der Gegenwart, er selber halte ihn sogar für den größten
Physiker aller Zeiten. Plötzlich läßt sich von der Türe her
Einstein vernehmen, stellt sich ebenfalls vor als Mitglied
eines Geheimdienstes, allerdings aus dem entgegengesetzten Lager, er sei Eisler, der Entdecker des Eisler-Effekts.
Kilton zückt einen Revolver, Eisler einen ebensolchen, was
das Gleichgewicht wieder herstellt. Man setzt sich wieder
zu Tisch, diesmal bedient sich auch Möbius mit Vergnügen.
Essend umwerben ihn nun West und Ost, ein Genie sei Allgemeingut, es habe Pionierdienste zu tun, unbekümmen
darum, was die Menschheit aus seinen Funden für einen
Gebrauch machen werde. So Kilton. Dieses Genie müsse
Machtpolitiker werden. So Eisler. Möbius aber will das Vernünftige.
Zunächst könne ihn einmal die angebotene Freiheit nicht locken, sie sei, so oder so, ein Gefängnis. Aber
viel mehr: "Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf:
Der Untergang der Menschheit ist ein solches." Und: "Für
uns Physiker gibt es nur noch die Kapitulation vor der
Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns
zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und
ich habe es zurückgenommen." Nur im Irrenhaus gebe es
noch Freiheit für sie alle drei. Nur im Irrenhaus dürften sie
noch denken. Die Wahl sei nur, ob sie freie Irre oder gefangene Mörder seien. Er habe Monika getötet, um ein noch
schrecklicheres Morden zu verhüten. "Entweder haben wir
geopfen oder gemordet. Entweder bleiben wir im Irrenhaus odexrdie Welt wird eines. Entweder löschen wir uns
im Gedächtnis der Menschen aus oder die Menschheit erlischt." Und Kilton und Eisler folgen Möbius. Sie werden
in der Anstalt bleiben und als Narren das Geheimnis ihrer
Wissenschaft treu bewahren. Verrückt, aber weise. Das geloben sie in einem feierlichen Toast auf die Frauen, die sie
"geopfert" haben - sicher der schwerst zu spielende Moment des Stücks, sicher einer der schwerst zu spielenden
Momente der dramatischen Literatur. Da erscheinen wieder
die Pfleger, die schon vorher alle Türen und Fenster hermetisch abgeriegelt haben, sie tragen jetzt Uniform und sind
bewafinet. Die Physiker werden brutal herbeibeordert, das
Fräulein Doktor nennt sie bei ihrem richtigen Namen, sie
weiß längst alles. Sie hat alle Aufzeichnungen Möbius' laufend photokopiert, während sie ihn betäubt hatte; daß er
diese Aufzeichnungen eben verbrannt hat, war zwecklos.
Denn sie, Mathilde von Zahnd, hat ebenfalls Botschaft von
König Salomo erhalten, und sie hat diese Botschaft befolgt
und sich ihr nicht entzogen wie Möbius. Sie hat die Mittel
bereitgestellt, die Entdeckungen, die Salomo aus Möbius
hervorgelockt habe, auszuwerten, sie sei die Dienerin der
heiligen Weltherrschaft, die Salomo durch den ihn verratenden Möbius begründen wolle. Und sie werde sich ihr
nicht entziehen. Die Physiker erstarren vor dieser wirklich
Verrückten, die sie nun besiegt. Sie ganz eigentlich hat
die Morde inszeniert: "Ich hetzte die drei Krankenschwestern auf euch, mit eurem Handeln konnte ich rechnen. Ihr
wart bestimmbar wie Automaten und habt getötet wie Henker." Und Möbius muß erkennen: "Was einmal gedacht
wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Dann
"reden sie ganz ruhig, selbstverständlich, stellen sich einfach dem Publikum vor".
In der Form eines Handbuchtextes: nur eben in Ich-Form, aber wie fern von allem Ich!
Nur Möbius sagt nicht: "Ich bin Möbius, geboren ... " und
so weiter. Er sagt: "Ich bin Salomo. Ich bin der arme König Salomo.
Ich war ein Fürst des Friedens und der Gerechtigkeit.
Aber meine Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht fürchtete, zerstörte meine
Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot, über
die ich regierte, mein Reich leer, das mir anvertraut war,
eine blauschimmernde Wüste, und irgendwo um einen
kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu,
die radioaktive Erde. Ich bin Salomo, ich bin Salomo, ich
bin der arme König Salomo." Im andern Zimmer geigt
Einstein. Irre? Endgültig ihrer Person Entfallene? Die
Frage bleibt offen. Sie ist keiner Antwort mehr wert. Vor-
hang. Die schlimmstmögliche Wendung ist eingetroffen,
die Geschichte ist zu Ende. Das Paradox voll hergestellt.
Nun kann man freilich einwenden, wenn diese Geschichte
zu Ende erzählt sei, so sei sie nicht mit gleicher Zwangsläufigkeit begründet. In der Tat wären andere Durchführungen
möglich. Warum löscht sich ein Möbius nicht auf die wirksamste Weise aus, nämlich durch den Selbstmord? Diese
Lösung ergäbe die Substanz eines innerseelischen, psychologisch
zu fassenden Dramas. Dürrenmatt wollte offen sichtbare Handlung, theatralische Handlung. Er begründete sie
auf der Überzeugung, was gedacht werden könne, müsse
auch gedacht werden. Möbius leugnet denn auch nirgends,
daß er die absolut entscheidenden Entdeckungen gemacht
habe, und er leugnet ebenso wenig, daß ihm Denken eine
Naturnotwendigkeit sei. Ins Irrenhaus geht er, weil er es für
die einzig bleibende Stätte der Freiheit hält - was es ja auch
wäre, wenn es in den "Cerisiers" so zuginge, wie er mit einiger Berechtigung hoffen durfte. Der andere Einwand, den
man gegen die Handlungsführung machen kann, erledigt
sich mit derselben Erklärung. Warum zerstört Möbius seine
Aufzeichnungen nicht vorweg? Eben, weil er meint und
meinen darf, man messe ihnen keinerlei Bedeutung zu. In
einem Irrenhaus habe man wirklich das Recht, auch als Irrer
behandelt zu werden. Nimmt man diese Prämissen einmal
an, dann wird die Handlung der Physiker möglich und sachgerecht. Selbst daß die beiden Spione in ihrer Zelle einen
Revolver und einen Geheimsender haben, wird plausibel
dadurch, daß sie ja eben von Anfang an durchschaut worden
sind und man ihnen also zwar nicht Narrenfreiheit, wohl
aber die Freiheit, sich gegebenen Tages zu verraten, gibt.
Was jedoch das Publikum, das unvorbereitet vor das Stück
tritt, immer wieder zu irritieren pflegt, mindestens bis zu der
Pause, das ist, daß hier mit Irren ein unholder Spaß getrieben
zu werden scheint. Man müßte aber eigentlich Dürrenmatt
so weit kennen, daß man ihm zutraute, er werde nicht wirkliche Irre als Hauptträger einer Handlung auf die Bühne
bringen. Er lehnt ja die "absurden = sinnwidrigen" Geschichten ab. Sie haben keinen Boden, sie tragen also auch
keine Entwicklung. Daß die Ärztin tatsächlich eine Irre ist,
kann kein Einwand dagegen sein. Mathilde von Zahnd spielt
ja eben die Rolle des mörderischen Zufalls, der die klug,
aber naiv Planenden zu Schanden worden läßt. Menschen
können freilich bei Dürrenmatt verrückt werden, Bockelson
wird es schnell, Übelohe wird es, Mississippi, auch Claire
Zachanassian steht irgendwo von allem Anfang an jenseits,
aber auch sie ist ja fast nur Auslöserin des Geschehens und
darin übrigens der Irrenärztin recht ähnlich. Matthäi wird
verrückt, wird es aus der klarsten, planenden und sichtenden
Vernunft heraus. Aber da Dürrenmatt nie ein Dichter des
Absurden ist, da Dürrenmatt nie dem Dadaismus verfallen
könnte, weder dem des Wortes noch dem des Denkens, so
müßte man ihm eigentlich von Anfang an zutrauen, er werde
mit seiner Irrenanstalt etwas ganz anderes als eine Irrenanstalt vorhaben.
Man dürfte auch nicht jene Frage überhören, die der falsche Newton dem Polizeünspektor schon
sehr früh stellt, die verräterische Frage: "Möchten Sie mich
verhaften, weil ich die Krankenschwester erdrosselt oder
weil ich die Atombombe ermöglicht habe?"
Ein groteskes Spiel bleiben aber die "Physiker". Entstanden
auf Wegen zwischen einer Irrenanstalt und einem Gefängnis -
sehr realen Instituten an Dürrenmatts Wohnort, wie ja auch
der französische Name der Irrenanstalt, "Les Cerisiers", der
von den Schauspielern so grausam zugerichtet zu werden
pflegt, sich aus Dürrenmatts Wohnort erklärt. Man dürfte
nicht unterlassen, die Einleitung zu den "Physikern" zu lesen,
die genau die Landschaft beschreibt, in der sich die Irrenanstalt befindet: ein recht ironisch gesehenes Neuenburg,
eine Landschaft, die "überflüssigerweise auch noch die Nerven beruhigt", und als Folge der Strafanstalt "überall
schweigsame und schattenhafte Gruppen und Grüppchen
von hackenden und umgrabenden Verbrechern" -Visionen,
von denen Dürrenmatt ganz offenbar nicht loskommen
wollte, obwohl er gleich darauf bekennt, all das spiele eigentlich
keine Rolle, da das Stück sich ja nur in dem einen Zimmer der Villa des Irrenhauses abspiele.
Dieses hochgetriebene, auf engsten Raum gepreßte Stück, darin Abbild der
Gefangenschaft und äußerster Selbstentblößung, dieses
Stück soll wenigstens für den Leser zunächst Umwelt haben,
es soll seinen Wurzelboden bekennen. Da ist es nun aber
sehr wichtig, sich zu erinnern, daß "Frank V." genau denselben Wurzelboden hat - auch für "Frank" hat ja Dürrenmatt
öffentlich bezeugt, das Stück sei entstanden auf Wegen mit
dem Komponisten, auf jenen Wegen, die sich von einer
Irrenanstalt zu einer Strafanstalt spannen, im Lande, wo
Dürrenmatt jetzt wohnt.
Dürrenmatts "klassisches" Stück ist auf eine seltsame Weise
schwer zu spielen. Ähnlich schwer wie der "Besuch der alten
Dame". Denn die Nebenrollen sind in beiden Werken eigentlich fast schwerer einzufangen als die Hauptrollen. Die alte
Dame muß wie ein grausiger Götze unserer Zeit aussehen,
muß die Durchschlagskraft haben, das Gewicht eines solchen
Götzen zu tragen - aber wenn man eine "alte Dame" vom
Typus her ist und beim Publikum den Ruf einer solchen
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Figur hat, dann ist die Aufgabe nicht allzuschwer. Wahrscheinlich ist eine Rolle wie der Lehrer oder der Pfarrer
schwieriger. Ill freilich ist schwer zu gestalten.
Nun - in den
"Physikern" dürften etwa Einstein - vor allem er - und Newton
nicht sehr große Aufgaben sein. Findet der Darsteller den
Typusus, die Maske und läßt er sich von Typus und Maske
leiten, so wird es ihm gar nicht sehr schwer fallen, die Rolle
aufs eindrücklichste zu erfüllen. Möbius allerdings ist, wie
Ill, die
Schicksalsrolle des Stücks. Wenn er nicht die Glaubwürdigkeit erreicht, wenn er nicht aus einem ganz realen und
real, wenn auch verwegen planenden Menschen zum "armen König Salomo" aufwachsen und zerbrechen kann, dann
erleidet eine Aufführung Schiffbruch. Er muß auch das
Gesicht haben, das zu einem verquälten, aber genialen
Menschen gehört. Bei der Uraufführung in Zürich unter Horwitz
waren alle drei Physiker vom Typus her faszinierend besetzt.
Lingen als Einstein ließ vergessen, daß seine Rolle im Grunde
ganz klein ist.
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| Knuth als Newton trug die barocke Perücke
ebenso gut, wie er später den modernen angelsächsischenTon
meisterte. Die Offenbarung war aber der Möbius Hans-Christian Blechs. Von beinahe soldatischer Trockenheit, ganz
ungefühlig, hart, aber nicht unterspielt, visionär, aber auf
gleichsam selbstkritische Weise - "er spielte zugleich die
Konturen der Szene und das Gespenst, als das er sich selbst
diese Szene spielen sah" (Melchinger] -, die ganz objektiv
gewordene Genialität des Darstellers muß hier von feiner
Arbeit her den Glauben wecken, hier sei ein durch und durch
genialer Wissenschafter am Werk. Nun aber die "alte Dame"
der "Physiker": man hat behauptet, sie sei überhaupt die einzige
"lohnende" Rolle des Stücks. Zweifellos ist die Figur der
Irrenärztin weniger festgelegt als die der Physiker. Man kann
sie vielfältiger ausdeuten. Den falschen Einstein kann man
eigentlich nur auf eine Weise spielen, Mathilde von Zahnd
gibt mehr Spielraum. So kann etwa die Darstellerin den
Moment, wo eine Ahnung von Irrsinn an der Gestalt auf
steigt, früher oder später setzen. So können die lesbischen
Züge der Rolle ausgespielt oder verhehlt werden. So kann
das Thema der Unfruchtbarkeit weicher oder härter gestaltet
werden. Ja sogar für den Buckel gibt es viele Formen: Therese Giehse spielte ihn nur, verzichtete völlig auf äußere
Nachhilfe. Doch ist die Rolle der Ärztin sicher nicht eine
eigentliche Rolle. Versteinerte Lebewesen sind nicht reich,
sie sind ja schon zu Monumenten ihrer selbst geworden.
Die Irrenärztin ist eine schlagkräftige, eine spektakuläre Rolle
- genau wie Claire Zachanassian - eine dankbare Rolle, man
erntet für sie vermutlich mehr Dank, als man verdient. Kleine
Rollen des Stücks - etwa Frau Rose und ihr Missionar oder
der Polizeünspektor sind fast schwerer zu erreichen, schon
weil sie keine Anlaufzeit haben. Und weil sie in einem hochstilisierten Stück scheinbar so etwas wie Umgangssprache
zu geben haben. Vollends halsbrecherisch ist die Rolle der
Krankenschwester, die Möbius liebt und die er umbringt.
Sie hat eine einzige Szene, in der sie von der professionellen
Neutralität der Pflegerin zur sich dem Geliebten antragenden
Liebenden und endlich zum Opfer eines Mordes wandeln
muß. Man kann sich fragen, ob solches überhaupt zu spielen
ist. Überlebensgroß konzipierte Theaterkunst zu machen,
ist nicht schwerer als lebensgroße - schwer wird solche Kunst
an den Stellen, wo sich die Natur über sich selber erhöht oder
die überhöhte Natur sich zusammenzieht in ihr gewöhnliches
Maß. Hier sind die wirklichen Gefahrenzonen einer Theaterkunst wie der Dürrenmatts - die Zuschauer mögen vielleicht
an anderen Stellen ihren Widerspruch anmelden, entstanden
ist aber der Wille zum Widerspruch an jenen Nahtstellen,
wenn diese nicht überzeugend gestaltet werden konnten. Die
Toastszene zeigt unübertrefflich einen solchen Übergang von
einem Maßstab zum nächsthöheren, die Mordszene ebenfalls.
Dürrenmatt schreibt für diese aus Vorsicht und klassischer
Anwandlung eine fast unsichtbare Spielweise vor, genauso wie der Leichnam zu Beginn des Stücks und derjenige
am Ende des ersten Aktes und zu Beginn des zweiten Aktes
unsichtbar bleiben sollen. Nun hat aber Dürrenmatt in der
Inszenierung des Stücks durch Peter Brook eine ganz andere
Darstellung vorgesetzt bekommen: Monika schreit laut, als
Möbius sie erdrosselt, die Mordszene geschieht mit shakespearischer Offenheit. Dürrenmatt berichtete davon in einer
Art, die vermuten läßt, im Grunde bedaure er es beinahe,
hier klassische Diskretion gefördert zu haben.
Nicht diese Dämpfungen sind es ja, die die Stilisierung dieses
Stücks eigentlich bezeichnen. Die Sprache ist es in erster
Linie. Man erkennt sie hier an der Folie größter Einfachheit
wohl klarer als sonst bei Dürrenmatt, obwohl sie ein durchgehendes, nie verlassenes Stilmerkmal des Berners ist. Eine
Oberschwester, die die Chefärztin mit ihrem vollen Namen
anredet: "Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd" - eine
Chefärztin, die ihre Schwestern ebenfalls mit dem vollen
Namen ruft - ein Vater, der im scheinbaren Umgangston
den Sohn "mein Sohn" anredet - nun, das war von Anfang
an so bei Dürrenmatt, nur eben tritt es in den "Physikern" stärker heraus. Ebenso die Vorliebe zur lapidaren Wiederholung,
die Vorliebe für die Dreizahl, überhaupt die Vorliebe für die
Vervielfachung einer Figur. Ebenso Dürrenmatts Neigung
zum Imperfekt anstelle des geläufigeren Perfekts; man könnte das freilich als sprachliche Überkompensation deuten,
muß doch der Deutschschweizer das in seiner Mundart nicht
vorkommende Imperfektum wie eine ganz fremde Form erst
erlernen. Dürrenmatt braucht es auch an Stellen, wo im normalen Hochdeutsch unbedingt das Perfektum stehen würde.
Wer würde etwa schon sagen bei der Ankündigung eines
Besuchs: "Sie erhielten Besuch"? Vermutlich liebt Dürrenmatt das Imperfekt
als die gedrungenere, nicht zusammengesetzte Form, wie er denn überhaupt dazu neigt, die rein
verbindenden Elemente aus seiner Sprache nach Möglichkeit auszumerzen. So unterläßt er - um nur ein Beispiel zu
nennen - in der Konstruktion: "Wenn das und das geschieht,
so ... " das "so" fast immer. An solchen Stellen stockt dann
seine Sprache, Dürrenmatt hat Hürden in sie eingebaut, sie
am bloßen Fluß verhindert. Es sind das nicht zuletzt auch
Winke an den Darsteller, er dürfe sich nicht einer naiven
Geläufigkeit und banalen Umgänglichkeit ergeben.
Dürrenmatt ist kaum weniger gewaltsam, wenn er sich einfach gebärdet.
Er ist nur etwas versteckter gewaltsam. Eine versteckte Gewaltsamkeit ist ja auch die klassische Form der
"Physiker". Dürrenmatt bekennt es schon in der Einleitung zu
dem Stück: "... einer Handlung, die unter Verrückten spielt,
kommt nur die klassische Form bei." Und sind es gar Menschen, die "aus Vernunft den Verstand verlieren", so ist die
so vernunftgläubige klassische Form besonders angemessen.
Aber ein tour de force bleibt diese Form im bisherigen Schaffen Dürrenmatts, nur dürfte man den Ausdruck weniger mit
"Kunststück" als mit "Gewaltstreich" übersetzen. Wenn es
Dürrenmatt nach dem Frank Spaß machte, seinen Feinden
zu zeigen, daß er auch die traditionelle Form durchaus meistere, so ist er sich nicht untreu gewesen. Auf jeden Fall ist
er nicht zum Klassizist geworden. Noch einmal: sowohl
"Frank V." wie die "Physiker" sind Früchte eines unerbittlichen
Formwillens. Beide zeigen sie ein dem mathematischen
verwandtes Vorgehen, beide sind sie Arbeit an einem fingierten Modell möglicher menschlicher Beziehungen - um noch
einmal Dürrenmatts Definition seines "Frank" aufzunehmen.
Das wird besonders klar, wenn die Piysiker einmal über
das Radio vermittelt werden. Das Stück bekommt dann etwas beinahe Formelhaftes, klug, aber karg Ausgehecktes.
Die Bühnenerscheinung ist ihm eben doch unentbehrlich,
seine strengen Baulinien wollen erfüllt werden vom lebendigen Schauspieler, sind allerdings auch so, daß sie erfüllt
werden können.
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