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Daß die "Ehe des Herrn Mississippi" Dürrenmatt die Bahn zum
Erfolg in Deutschland gebrochen hat, ist kennzeichnend.
In der Schweiz hätte das Werk auch bei jenen Menschen,
die für Dürrenmatts Kunst offen sind, nicht diese lösende
Wirkung gehabt. Anders ist es mit dem Be.ruch der alten Dame,
das in Zürich unter Wälterlin, mit Therese Giehse und Gustav Knuth, erstmals erschien (12. Januar 1956). Der deutsche Soziologe Theodor Eschenburg bemerkte einmal mit
Recht, die außerordentliche Besonderheit dieses Stücks liege
darin, daß es eine Gemeinde zur dramatischen Figur begabe.
Das Drama spielt eigentlich zwischen Ill und der Bürgerschaft von Güllen. Die alte Dame ist nur der Motor des
Geschehens, seine Ermöglichung. Das Thema der Gemeinde aber ist der Schweiz und ihrem Wesen zugeboren. Wer
noch an der unverwechselbar schweizerischen Artung Dürrenmatts zweifeln könnte, müßte sich an diesem Werk eines
Besseren belehren lassen.
Dürrenniatt sagte einmal, ein Dichter komme heutzutage
nicht darum herum, in seinem eigensten Interesse Stücke
zu schreiben, die alten oder zu alten Rollen begabten Schauspielerinnen eine große Rolle gäben. Die junge Generation
sei nicht auf der gleichen Höhe. Jedenfalls hätte sich der Besuch der alten Dame nicht mit dieser Zielstrebigkeit durchgesetzt, wenn nicht eben alle weiblichen "monstres sacres" darin
eine sozusagen unwiderstehliche Aufgabe fänden. Dürrenmatt hat wohl auch junge Rollen geschrieben, nie aber sind
sie für den endgültigen Erfolg seiner Stücke entscheidend
gewesen, weder die Tochter Knipperdollincks, noch die
Tochter des Blinden, noch Rea, noch Kurrubi. Anastasia
ist zeitlos, nicht jung. Das Merkwürdige an der alten Dame
ist nun aber, daß sie eigentlich gar keine sehr große Kunst
erfordert; man möchte paradox sagen, die Rolle erfordere
nur einen sehr großen Ruhm, eine Aura der großen Vergangenheit. Man darf sich, ohne fehlzugehen, eine jener be-
rühmten Schauspielerinnen von anno dazumal darin vorstellen, die in ihrer ehemaligen Kunst völlig versteinert und
nur noch spektakuläre Plagiate ihrer selbst sind. Die Versteinerung ihrer Kunst entspräche dann der Versteinerung,
die die Seele der Claire Zachanassian erlitten hat. Andere
Rollen des Stücks, selbst kleine, sind im Grunde viel schwerer zu spielen. Aber das ist ein Umstand, den sich kein naiver
Theaterbesucher klar machen wird, den sich auch kein Theaterbesucher klar machen muf. Die alte Dame steht wie ein
Fels im Leben dieses Städtchens, die Wasser müssen sich an
ihr teilen. Dürrenmatt hat alles getan, um die Gestalt Claires
endgültig aus dem Leben zu entfernen, er hat ihr ein künstliches Bein, eine künstliche Hand gegeben, er hat sie mit
menschlichen Automaten umgeben - mit der Wirkung, daß
man diese Züge als Verstöße gegen die psychologische
Wahrscheinlichkeit gewertet hat. Aber Claire steht schon
jenseits dieser Wahrscheinlichkeit; alles was in ihr an Menschliches anklingt, tönt wie ein Echo, tönt nur noch zurück ins
Leben, nicht aber aus ihm heraus. An ihr geschieht nichts
mehr, nur durch sie geschieht noch etwas, geschieht sogar
sehr viel. Dürrenmatts Titel sind mit hohem Bedacht gewählt: es heißt wohl Der Blinde, es heißt Romulus der Große,
es heißt Die Physiker, aber es heißt "Die Ehe des Herrn Mississippi", es heißt Ein Engel kommt nach Babylon, es heißt
"Der Besuch der alten Dame", es heißt "Herkules und der Stall"
des Ausname - und in "Frank V". ist der Untertitel Oper einer
Privatbank das Bestimmende. Daß die alte Dame Güllen
besucht, das ist etwa dem Handlungszug gleichzusetzen, der
in Racines Pheclre Theseus zuerst totsagt und nachher plötzlich erscheinen läßt. Claire Zachanassian ist der Katalysator
dieses Dramas - kaum mehr. Immerhin auch "hinter" ihr
steckt jene "Menschlichkeit", die sie erst spielbar macht.
Aber nicht als ein Gegenwärtiges, sondern als ein Vergangenes.
Claire hat keine Gefühle mehr, sie hat nur noch Erinnerung an Gefühle. Auch ihr Haß ist solche Erinnerung,
ein vor langer Zeit ausgeheckter Plan, der, gerade weil er
nicht mehr lebt, nun die ganze unauflösbare Härte toter
Zeitlosigkeit bekommt. Eine wirklich menschliche Claire
müßte das Stück zu einer unerträglichen Monstrosität machen. Wenn sie Ill bittet, ihr die alten zärtlichen Namen
zu sagen, so tut sie es gleichsam zur Kontrolle; sie ver-
gleicht, ob die Erinnerung stimme. Humor habe sie, sagt
der Dichter in den "Anmerkungen" - ja, wenn Humor vordringlich begriffen wird als ein Ergebnis der Distanz :
"Distanz zu den Menschen ... als zu einer käuflichen Ware,
Distanz auch zu sich selber." Diese Definition des Humors
ist freilich abseitig, mehr für Götter denn für Menschen passend. "Eine Heldin der griechischen Tragödie nennt sie
Dürrenmatt auch, eine "Medea" - aber eben mit Humor.
Es ist der gleiche Humor, den Dürrenmatt fordert für die
Wiedergabe des ganzen Werks: "Ein böses Stück, doch
gerade deshalb darf es nicht böse, sondern aufs humanste wiedergegeben werden, mit Trauer, nicht mit Zorn, doch auch
mit Humor, denn nichts schadet dieser Komödie, die têagisch endet, mehr als tierischer Ernst."
Aufs humanste. Der Ausdruck dürfte kaum spöttisch gemeint sein. Tatsächlich hat hier Dürrenmatt wie in keinem
anderen Stück die menschliche Mittelmäßigkeit eingefangen.
Romulus war immerhin noch der letzte, wenn auch verkrachte, römische Kaiser; hier geht es um Spezereihändler,
Schullehrer, Bahnbeamte, Presseleute, und was sonst so gehört zu einer kleinen Stadt. Es ist, als hätte die Monumental-
figur der alten Dame alle absoluten Strebungen auf sich versammelt und den übrigen Personen damit eine neue Mittel-
mäßigkeit erlaubt - neu im Werk Dürrenmatts. Neu ist
auch, daß der Dichter sich mit diesen biittelmäßigen identifizien, er ist gar nicht so sicher, ob er anders handeln
würde". Der distanzierende Humor ist ganz auf die alte
Dame beschränkt, je näher wir ihr kommen, desto mehr entfernen wir uns aus der natürlichen Banalität. Alles wirkt da
gleichsam entrückt: hinauf in die Höhen der schrankenlosen
Mittel, hinweg in die Räume der Ding gewordenen Erinnerung, hinüber ins Märchenhafte, wo die Menschen nur
noch Spielsteine zu sein scheinen: die Ehemänner der Milliardärin, die beiden Eunuchen,
"die nicht realistisch unappetitlich mit Kastraten-Stimmen wiederzugeben sind, son-
dern unwirklich, märchenhaft, leise, gespensterhaft in ihrem
pflanzenhaften Glück, Opfer einer totalen Rache, die logisch
ist wie die Gesetzbücher der Urzeit". In dem letzten Ausdruck schwingen Töne mit, die an die Figur des Mississippi
erinnern und an seine böse Starrheit. Seltsam aber ist, daß
im Raum der alten Dame diese totale Rache nun ein "pflanzenhaftes Glück" hervorbringen kann, so fern ist schon alles
Geschehen. Gleicherweise hat auch der Traum der Claire,
ihren bestraften, hingerichteten Geliebten auf Capri angesichts des Meeres zu begraben, etwas durchaus Unwirkliches
- daß solches Wirklichkeit wird, ist seine größte Unwirklichkeit. Die Brüche in der Maßstäblichkeit, die Dürrenmatts
Kunst so gern benützt, sind hier innerhalb zweier ganz getrennter Welten wirksam. Wenn am Ende die Bürger von
Güllen "nobler" zu sprechen beginnen, "feierlicher",
"etwas mehr in der Richtung dessen hin, was als Dichtung bezeichnet wird", so ist das hier keine ironische Brechung,
sondern, wie Dürrenmatt sagt, der Ausdruck dessen, daß
die Güllener reich geworden sind und "als Arrivierte auch
gewählter reden". Dieser Schluß in Form eines antiken
Chors findet viele Feinde. Immer wieder nehmen ja Menschen,
denen die antike Tragödie zum echten Erlebnis
geworden ist, Anstoß an dem ungenierten Gebrauch, den moderne Dramatiker von den Sophokleischen Chören machen.
Dieser kann zynische Persiflage sein, braucht es aber nicht.
Die berühmtesten Literaturwerke sind nun eben einmal neben ihrem eigentlichen Wesen zu bloßen Zeichen, Abzeichen
der Bildung geworden und sind dazu um so mehr geeignet,
je mehr ihnen solcher Gebrauch Abbruch tut.
Nicht die unbedeutenden Menschen haben die unbedeutenden Denkmäler bekommen. Goethe steht Goethe im Weg.
Neben dieser eigentlich entwicklungslosen Region des Stücks
steht nun aber jene andere, die von der alten Dame zu dramatischer Bewegung gezwungen wird: Güllen und Ill. Eine
Bewegung, die sich in Wirklichkeit langsam vollzieht. "Ich
warte", sagt Claire am Ende des ersten Akts. Kann ein
Drama "warten"? Wie läßt sich eine langsame Entwicklung
dramatisch sichtbar machen? "Eine Gemeinde, die langsam
der Versuchung nachgibt", sagt Dürrenmatt. Menschen, die
in die Versuchung hineinschliddern, die ihr verfallen, weil
sie sich nicht entscheiden wollen, die dramatisch werden
müssen durch ihre Weigerung, dramatisch zu sein. Arrangeure, das dem Drama denkbar Fernste.
Das Gestaltlose erhält scheinbare Gestalt durch den Widerstand
des versteinerten Absoluten; seine Bewegung wird erst durch das absolut Bewegungslose erzeugt. Darum muß auch den Sachen
hier entscheidendes Gewicht aufgeladen werden : die besseren Zigaretten, die man sich kauft, der bessere Schnaps,
die bessere Milch, die neuen Schuhe. Diese gelben Schuhe,
die ganz Güllen trägt, sind das Kainszeichen der Stadt, ein
harmloses, vergnügliches Zeichen beinahe, sie dürfen ruhig
komisch detonieren auf der Bühne. Daß Ill an ihrer scheinbaren Harmlosigkeit sein Todesurteil abliest, das ist einer
der wirklichen Funde des Stücks. Die Kennzeichen der Milliardärin sind alle maßlos übertrieben, diejenigen Güllens
und Ills tückisch maßstabsgerecht, sie sehen alle nach nichts
aus und haben zusammen doch ein viel größeres Gewicht
als die Monstrositäten der Zachanassian. Das Werk ist im
Grunde nach dem Muster eines Versteckspiels gebaut, der
Fels Claire und sein Schatten erlauben, daß sich die Handlung
der Kleinen ungestört entwickeln kann und sich nur an eini-
gen wenigen, voll sichtbaren Stationen ausprägt. Die extremen Spannungen, die Dürrenmatt offenbar braucht und die
ein Grundmuster seiner Kunst sind, sie werden hier nicht
innerhalb der einzelnen Gestalten angesiedelt, sondern ge-
trennt in jene beiden Regionen, die der Milliardärin mit ihrer
gekauften Menschenware und die eines durch und durch
banalen, aber immerhin lebenden Völkleins von Durchschnittsmenschen. Aus ihnen soll nun der "tapfere Mensch"
aufstehen. Wen wählt Dürrenmatt? Den Allerbanalsten, einen moralisch schmuddligen Kleinbürger,
der nicht nur begabt ist, die anderen zu belügen, sondern auch, und vor
allem, sich selbst zu belügen - was doch wohl die Eigenschaft ist, die der tragischen Erkenntnis am stärksten im
Wege steht. Ill kann sich flugs glauben machen, er habe
Claire immer geliebt, ja es ist anzunehmen, daß er auch damals,
in dem ominösen Vaterschaftsprozeß, von seiner Unschuld beinahe überzeugt war. Claire hat er damals sitzen
lassen, um eine Frau mit einigem Geld zu heiraten: er ist
der Käuflichste der Käuflichen. Und an ihm soll sich nun die
Entscheidung zur Tapferkeit vollziehen. Was wir also eben
sagten, daß Dürrenmatt hier die extremen Spannungen aus
der Einheit der Person herausgenommen habe, stimmt nur
vorläufig. Ills Weg ist sehr viel weiter als der Weg zwischen
der Milliardärin und Güllen, oder richtiger gesagt: hier ist
nur eine Entgegensetzung, dort eine innere Auseinandersetzung. Dic Entdeckung, die Dürrenmatt uns hier beschert,
ist, daß er auch dem Unscheinbaren dramatische Gewalt
abgewinnen kann; wenn er dabei in der dramatischen Bildhälfte der alten Dame den glänzenden Scheinzuvoller Talmi-
pracht steigert, so ist das vielleicht wie eine Art Fixationsabszeß, der der anderen, für Dürrenmatt neu erworbenen
Welt die ungestörte Entwicklung erlaubt. Man kann an der
mumifizierten Welt der Milliardärin das eine oder andere
abbauen, es ist ja auch schon dann und wann geschehen. Die
Ehemänner sind zum Beispiel reduziert worden, a·as durchaus
möglich, ja sogar vorteilhaft ist, wenn die rein mechanische Pracht dieses versteinerten Daseins im übrigen mit
voller Eindrücklichkeit verwirklicht wird. An Ills Welt kann
nichts abgebaut werden, außer, nach Dürrenmatts eigener
Anweisung, der Maler und ein Pressemann.
Die Stationen von Ills und Güllens Entwicklung sind meisterhaft gewählt: die Kunden, der Polizist, der Bürgermei-
ster, der Pfarrer, ihnen entsprechend das, was sie gekauft
haben, von der Vollmilch über den Goldzahn bis zur neuen
Glocke, dann der Aufbruch des Pfarrers: "Flieh, führe uns
nicht in Versuchung, indem du bleibst." Und das dann
gleichsam gebüschelt in der Bahnhofsszene, wo Ill abreisen
will, wo "noch kein böses Wort fällt", wo "die Furcht bei
Ill allein ist" - eine scheinbar harmlose, von allen Güllenern
harmlos gemeinte Vorausnahme der späteren Hinrichtung
Ills. Man wird diese Parallelität bei einer Aufführung sichtbar zu machen haben.
Im dritten Akt ist die Entscheidung eigentlich schon gefallen, die innere Entwicklung Ills läßt sich nur an seinen
Schritten, die in den Laden hinuntertönen, ablesen. Der
Lehrer, der offen mit der alten Dame geredet hat, versucht
im Rausch die Wahrheit zu sagen und aufzudecken, was
sich vorbereitet; Ill selber bringt ihn zum Schweigen und
muß sich sagen lassen, auch er "verrate die Wahrheit". Die
komischen Effekte werden nun in diesem letzten Akt stärker
in die Güllen-Seite hineingestellt: der Kämpfer für
die Wahrheit verdankt seinen Mut nur dem Steinhäger, die Presseleute erscheinen und nehmen dem Geschehen den "schönen
Schein ab". Das ist nötig, will man nicht dieses Stück ganz
in die Tragödie hineinfallen lassen. Ill "kämpft nicht mehr",
und zwar nicht aus Müdigkeit, sondern aus Einsicht. Und
ganz ohne große Worte. Alles in ihm ist nun Rückschau.
"Es war schwer, nun ist es getan." Doch will er den Güllenern das Handeln nicht abnehmen. "Ihr müßt nun meine
Richter sein" - sehr ähnlich dankt auch Romulus ab. Sowohl
die Autofahrt mit der Familie, wie das Gespräch mit der alten
Dame im Wald zeigen Ill, auch er "Sprache geworden", in
restlos erkämpfter Einfachheit. Die Familie ist äußerlich und
geistig aufgedonnert, die alte Dame rezitiert ihre Traumclichés - Ill ist ein Mensch. Werin auch er angesichts der
Landschaft in der Richtung der schönen Sprache spricht,
übrigens stark zurückgehalten durch die verknappte Syntax,
so entspricht das seiner Offenheit der Welt gegenüber, einer
Offenheit, zu der er bisher noch nie fähig war. Man hat die
Reporterszene am Ende des Jtücks angegriffen als unberechtigte,
weit über das Ziel hinausschießende Polemik Dürrenmatt hat wohl selten so wenig übertrieben wie hier.
Daß die Szene zweimal vor sich gehen muß infolge einer
Kamerapanne, hat seinen rechten Sinn. Die Güllener können
ihre Worte ohne Schwierigkeit wiederholen, Ills Aufschrei
dagegen ist einmalig. Sein Weg war ja der Weg zur Einmaligkeit,
zur Echtheit, die keinerlei Plagiat verträgt. Großartig ist auch die Doppelbödigkeit der Sprache in dieser Ge-
richtsszene über I11. Der Lehrer maskiert mit allgemeinen Begriffen die Besonderheiten des Falls, seine Rhetorik ist jedem
Eingeweihten völlig klar und täuscht jeden Nichteingeweihten. "Nicht des Geldes, sondern der Gerechtigkeitwegen (der
Gerechtigkeit - von Claire aus gesehen) und aus Gewissensnot,denn wir können nicht leben (im allermateriellsten Sinn !),
wenn wir ein Verbrechen unter uns dulden, welches wir ausrotten müssen [müssen-unter dem Befehl der alten Dame),
damit unsere Seelen nicht Schaden erleiden und unsere heiligsten Güter. " Hier schreit Ill auf. Nicht aus Angst. Aber
ein Freudenschrei, wie der Reporter meint, ist es auch nicht.
War die "Ehe des Herrn Mississippi" die Geschichte jenes Zimmers, so ist der "Besuch der allen Dame" die Geschichte eines
Städtchens. Im Mississippi allgemeiner Verschleiß, hier allgemeiner Aufbau. Der Bühnenraum wird hier
"stets appetitlicher", die "einst graue Welt hat sich in etwas technisch
Blitzblankes verwandelt".
In Es steht geschrieben bekannte sich der Dichter noch zum
Glauben an die schöne Naivität des Zuschauers. Hier nun
bekennt sich Dürrenmatt zum Glauben an das Theater: "Ich
schreibe aus einem mir immanenten Vertrauen zum Theater,
zum Schauspieler heraus. Das ist mein Hauptantrieb. Das
Material verlockt mich." Der Schauspieler brauche nur "wenig, einen Menschen darzustellen, nur die äußerste Haut,
Text eben, der freilich stimmen muß". Ein Theaterstück
schließe sich durch die Sprache ab - die Sprache sei das
Resultat des Theaterschriftstellers. Darum könne man nicht
an der Sprache an sich arbeiten, sondern nur an dem, was
Sprache mache - "an der Sprache an sich, am Stil an sich
arbeiten nur Dilettanten". Selbstverständlich kann man auch
diesen Ausspruch Dürrenmatts mißdeuten, wenn man es
durchaus will. Mir scheint, er dürfte ruhig neben Racines
verbürgten Ausspruch gestellt werden, wenn er die Handlungsfolge eines Stücks genau gefunden habe, sei für ihn die
Hauptsache getan, er müsse das Drama dann "nur noch
schreiben". Vertrauen zum Schauspieler also. Ist es überall
in diesem Stück zu spüren? Eine Hauptschwierigkeit fand
Dürrenmatt in der Führung der beiden Liebesgespräche im
Konradsweilerwald. Er läßt da Bäume und Tiere von Menschen spielen.
Wiederum verwahrt sich der Dichter dabei gegen irgendwelche dogmatisch-ästhetischen Absichten: "Ein
Theaterstück spielt sich für mich in der Möglichkeit der
Bühne ab, nicht im Kleide irgendeines Stils. Wenn die Güllener Bäume spielen, so nicht aus Surrealismus, sondern um
die etwas peinliche Liebesgeschichte, die sich in diesem
Wald abspielt, der Annäherungsversuch eines alten Mannes
an eine alte Frau nämLich - in einen poetischen Bühnenraum
zu stoßen und so erträglich zu machen." Trifft diese Erklärung zu für die erste der beiden Liebesszenen, so nicht mehr
für die zweite. Da kann von "Annäherungsversuchen eines
alten Mannes" nicht mehr gesprochen werden. Ill ist hier
von jeder Peinlichkeit befreit. Die erste Szene hat wohl die
zweite über Gebühr bestimmt. Allerdings wäre es störend
gewesen, hätte nur die erste Waldszene zu diesen etwas
gewaltsam poetischen Darstellungsmitteln gegriffen. Gewaltsam sind sie, und doch wohl nicht ganz mit dem Vertrauen
auf die Schauspieler zu vereinbaren. Es wäre denkbar, daß
Dürrenmatt später einmal ganz auf sie verzichtete. Es bildet
sich ja immerhin eine Tradition für jeden öfter gespielten
Theaterautor heran; jede neue Inszenierung fußt ein wenig
auf den vorhergehenden, der spezifische Ton einer Szene
wird mit der Zeit leichter gefunden, und die Regiewinke mit
dem Zaunpfahl werden dadurch entbehrlich. Jedenfalls ist
ganz allgemein bei Dürrenmatt ein Gefälle hin zur Vereinfachung festzustellen. Selbst die größte Offenheit für die
Lehren des Theaters hat ihre Grenzen. Ist ein gewisses Maß
von Verständnis und Mißverständnis seitens der Darsteller
vom Dichter erlebt und ausgewertet worden, so wird der
Zeitpunkt kommen, wo er sein Werk ganz aus der Hand
lassen muß. Diese Endform aber wird mit Vorteil vom
Dichter und nicht von allfällig vorauszusehenden Fehlinterpretationen bestimmt werden müssen.
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