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Wenn wir nun nach dem"Romulus" die "Ehe des Herrn Mississippi"
(1952) betrachten, so ist das chronologisch nach der Umarbeitung des Romulus nicht mehr stimmig. Es führt durchaus ein Weg von den gewaltsamen Umbrüchen des ersten
"Romulus" zu dem "Mississippi"; es führt auch die Logik des
Gegensatzbedürfnisses zu diesem ganz neuen Versuch, während die Ausgewogenheit, die dem zweiten Romulus und auch den späteren Werken, mit Ausnahme des "Frank V.",
eignet, dem "Mississippi" sehr fern ist. Man möchte dieses
Werk sentimentalisch nennen. Sein Ursprung scheint mehr
aus der Idee zu kommen als aus den Gestalten. Schwerer als
in anderen Werken ist es hier, die "Menschlichkeit hinter
der Gestalt" aufzuspüren. Leicht wäre es und verlockend,
gegen Dürrenmatt zu behaupten und mit vielen guten Gründen nachzuweisen, daß hier die Bühne doch "ein Feld für Theorien, Weltanschauungen und Aussagen" sei.
Was übrigens den Wert des Stückes nicht herabmindern müßte, immer
vorausgesetzt, daß diese Theorien und Weltanschauungen
in die Theaterform eingegangen wären. Es gibt nun einmal
mehrere Wege der Gestaltawerdung: die Verleiblichung und
die Vergeistigung, um es ganz grob zu sagen. Das starre
Gesetz darf durchaus sich seine Menschenmaske schaffen:
die dichterische Kraft wird sich daran ermessen, wie weit
die Verleiblichung gedeiht. Vielleicht sollte man am ehesten
am "Blinden" ansetzen, um den Weg zum "Mississippi" zu finden:
da, vor allem in der Gestalt der Tochter und des Sohnes, ist
die Herkunft aus dem ideellen Typus ebenfalls sehr klar abzulesen. Und seibst wenn solchen Figuren Ineistens etwas Flächiges bleiben sollte, wenn in ihnen die Verwandlung
von ihrer Bedeutung zu ihrem Dasein noch im Flusse bleiben sollte, ihr Aggregatzustand also gleichsam einen gewissen Hang zur Flüchtigkeit bewahren sollte, so kann auch
das seinen Raum innerhalb der dramatischen Welt finden, ja
an sich dramatisch, handlungsmäßig sein, lockt es doch Interpreten und Publikum zur ergänzenden Ausdeutung. Sicher ist das Stück kein "Diskussionsstück",
aber nun Dürrenmatt auch darin zu folgen, sein Stil sei "nicht Wille zur
Aussage" und nichts als "Leidenschaft zur Sprache", das
hieße doch wohl den Begriff der "Aussage" allzu eng fassen.
So wenig Stil, das heißt Dichtung, bloß aus Aussage entsteht, so wenig - wenigstens außerhalb der Lyrik - ohne
Aussage. Der Weg zwischen Was und Wie wird immer der
Weg der Kunst bleiben, mag sich das Was noch so tief zu
den Wurzeln hinunter verstecken.
Eine allerdings gegensätzliche Beziehung zum "Blinden" mag
man auch darin finden, daß Dürrenmatt hier härter zuschlagend als je sich die frei strömende Sprache versagt hat. Sein
Wille zu groß ausgreifender Sprache - und darin ist er ein
echtbürtiger Rhetor -, ein Wille, welcher die genaue Entsprechung seiner Themenwahl und seiner Menschenschau
ist, geißelt sich im "Mississippi" selbst, indem er diese Neigung
parodistisch verwendet. Man liebt die großen Worte in diesem Stück. Man spricht vornehm, man feiert das Gesellschaftsritual mit grotesker Ernsthaftigkeit. Dürrenmatt hat
sich hier gleichsam in die Haut des kleinen Moritz versteckt,
der sich große Welt ausmalt. Der Dithyrarnbiker, der Dürrenmatt ist, wenn er sich der Sprache frei überläßt, geht hier
mit den gröbsten Waffen gegen sich selbst an. Dabei trifft er
nicht nur den auszurottenden Hang zum Überschwang, er
trifft auch seine Gestalten in ihrer Svtnbolkraft: was so
spricht, gehört nicht in den Bereich des Ernstes, sondern
macht sich selbst lächerlich oder zum mindesten absurd. Die
hohle Übersteigerung der Sprache, der Hanr zu dem größtmöglichen Wort, der stärkstmöglichen Lapidarität wird dann
nur zu einer der möglichen Formen, die Unangemessenheit, die Maßstablosigkeit dieser Welt auszudrücken. Nichts
stimmt hier, und dabei scheint alles haargenau ausgeheckt.
Man kann genau bezeichnen, wofür die einzelnen Gestalten
stehen: Anastasia der Mensch des Augenblicks, der punktuellen Gegenwart, Mississippi der Mensch des unerbittlichen, starren Gesetzes, Saint-Claude der Mensch der rein
irdischen Gerechtigkeit, Diego der zu jeder Anpassung bereite Realpolitiker und endlich Übelohe, der die Welt von
innen heraus durch die Kraft der Liebe verwandeln möchte.
Aber diese Figuren, die alle Strebungen der Menschheit verkörpern, werden nun wie in einen engen Käfig in die zu
einem Zimmer verwandelte Bühne eingeschlossen, ja, genau
gesagt, um ein Biedermeiertischchen herum gruppiert, wo sie
ihren Kaffee trinken, mit und ohne Gift, und unter dem sie
sich verstecken vor dem Kugelregen, wobei das Tischchen
nicht zierlich genug sein kann. Rings umher steht ein buntgemischter Krimskrams aus vielen Jahrhunderten, er wird
nach und nach gründlich zerstört, draußen steht ebenso
disparat buntgemischte Landschaft - diese Unverträglichkeit wird bleiben. Hingegen hat Dürrenmatt bei der Neufassung nicht wenig geändert in seinen Szenenanweisungen.
Die erste Fassung schrieb noch eine verkehrte Perspektive
vor, nach oben auseinandergehend, "reichlich irrsinnig, als
befände man sich unten in einem Höllentrichter, als wäre
der Raum oben für Riesen und unten für Zwerge gebaut".
Die Anweisung zur zweiten Fassung läßt diese Perspektive
ganz fallen, es werden nur reale Dinge genannt, deren "Irrsinn" in der Inkongruenz besteht. Dazu ist die sehr kurz
gefaßte "Anmerkung" zu stellen : "Der Fehler vieler Aufführungen bestand, wohl verführt durch den Text, in den
meist zu abstrakten Bühnenbildern. Soll es in dieser Komödie unter anderem um die Geschicbte eines Zimmers gehen, so
muß der Raum, in welchem sich alles abspielt, zu Beginn so
real als nur möglich sein. Nur so wixd er auch zerfallen
können. Das Unreale, Phantastische überlasse man ruhig
dem Text, dem Autor." Rückzug auf die Substanz, Vertrauen auf die Wirkkraft des Wortes. Das ist wohl der Weg, auf dem Dürrenmatt sich zur Zeit befindet und wohlbefindet. Merkwürdig und in die gleiche Richtung gehend ist
denn auch die sprachliche Faktur der Bühnenanweisung zur
zweiten Fassung. Sie hat deutlichen Ansagerstil und müßte
eigentlich von einem Ansager ans Publikum gesprochen
werden, was allerdings nicht gut möglich ist, da Saint-Claude
nach den ersten Sätzen und seiner lapidar gehaltenen, aus
"therapeutischen Gründen" vorausgeblendeten Erschießung
zu einer großen Selbstansage ausholt. Und doch ruft die
Form dieser Bühnenanweisung dem Wortklang. Und was
ist das schon für eine Anweisung, die beginnt mit der Fest-
stellung: "Der Raum stinkt zum Himmel"? Diese Kennzeichnung hat die "nach oben erweiterte Perspektive versetzt. Die Wandlung ist von höchstem Gewicht.
Metaphysische Ausweitung drückt sich gültig aus im schmutzigsten
Wort. Das Moralische wird unmittelhar sinnenhaft. Aber
wie eine solche Anweisung befolgen? Die nachfolgenden
gegenständlichen Forderungen zu erfüllen, dürfte keineswegs genügen. Nur die volle Erfüllung des Textes kann da zum Ziel führen.
Auch dieser Text hat seine Änderungen erfahren. Nicht im
Sinn einer Verwandlung des Stoffs, sondern im Sinn der
Straffung, der Vernüchterung, der sparsameren Verwendung
ausschweifend theologischer Bezüge. Einer der Gipfel dieses an Aufgipfelungen wahrhaftig keinen Mangel leidenden
Werkes ist die Szene, da Mississippi und Übelohe sich vor
dem Kugelregen unter dem Biedermeiertischchen in Deckung befinden. Die erste Fassung hatte da durchaus fragwürdig letzte Dinge beschworen, die, selbst wenn sie heute
gerade in der Literatur recht unbedenklich verwendet werden, immer noch nicht so leicht und unverhüllt der Komödie
preisgegeben werden dürften: "Sie können die Narbe nicht
verbergen, das feurige Mal der Gnade mitten in Ihrem Herzen, es leuchtet durch Ihre Räusche und Bankerotte, ein
roter Kristall!" Oder gleich darauf: "Da, nimm den Kuß
des Judas! Ich, der die Welt richtet, habe dich, der die Welt
liebt, aufgegeben. Die Christenheit ist tot, die zwei steinernen Tafeln,
die Gott aus dem Berge Sinai brach, werden uns,
stürzend, unter sich begraben. Verfluche die Stunde, da ein
Engel, niederfahrend, dich schlug, da der Geist, ein Blitzstrahl, dich zerschmetterte,
er hat dich zu einem Urbild der
Jämmerlichkeit verwandelt, das sich kaum noch auf den Beinen halten kann,
zu einem lausigen Philanthropen, schwimmend in Meeren von Absinth und billigem Schnaps, zu
einem Landstreicher ohne einen Sou in der Tasche, gehetzt
durch alle Erdteile, jeder Versuchung verfallen. Nutzlos
war, was Sie taten, Herr Graf, verschwendet dem Nichts
Ihre Werke, in den grünen Dschungel versunken Ihre Urwaldspitäler,
lianenumschlungen, ein Traum, der im schwarzen Moos verdämmert ..."
Wer kann das sprechen, ohne in
doch irgendwo billige, selbstbegnügte Wortpracht zu verquellen?
Und wer kann das hören ohne blasphemische Passivität?
Dürrenmatt hat in der Überarbeitung die Wortausbuchtungen
scharf beschnitten, der Dialog geht jetzt in
kurzen Stößen, die Komik der Situation, daß letzte Dinge
unter einer kleinen Tischplatte erörtert werden, kann sich
schlagkräftig auswirken. Aber es ist für denjenigen, der dem
Phänomen Dürrenmatt näher kommen möchte, von hoher
Aufschlußkraft, daß auf dem Grunde der Komik dieses
Werks eben doch die religiöse Bezogenheit sich ursprünglich
hemmungslos aussprechen wollte - und es zunächst auch
mußte. Dürrenmatt glaubt sich nur, was er schon erprobt
hat. Daher auch seine Bereitwilligkeit, Texte auf die Bühne
zu bringen, von denen er mit Sicherheit schon annimrnt, er
werde sie noch umschreiben. Seine außergewöhnlich sinnenhafte
Artung will nur am Gestalteten das letzte Urteil fällen.
Das war von allem Anfang an spürbar. Nicht Selbstverliebtheit und
Kritiklosigkeit führt Dürrenmatt die Feder, wohl
aber das Bedürfnis, zunächst einmal alles herauszustellen,
was da ist, dem Impuls des Augenblicks zu folgen, die Gesamtheit
der Antriebe in Wort und Theatererscheinung zu
fassen. Wie bei der Baumzucht möchte man hier von wüchsiger
Unterlage sprechen, die dann umgepfropft werden kann,
und zwar um so erfolgreicher, je stärker die Triebkraft der
Unterlage ist. Es müßte hier zunächst vom Judaskuß
gesprochen werden, nur am Ausgesprochenen konnte sich die
spätere Tat der Verschweigung und Verhüllung in ganzer
Kraft auswirken. Diese Komödie hat ein Mensch geschrieben,
dem der Judaskuß kein leeres Wort ist, ein Mensch
aber, der selber am Leib der eigenen Dichtung erfahren
mußte, daß der Judaskuß im Raum einer noch so metaphysischen
Komödie nicht beschworen werden darf.
Hier trifft Dürrenmatts Kunst auf das schwere Problem der
christlichen komödie, das sie ja im Grunde immer umkreist.
Die "Göttliche Komödie" ist nicht zufällig keine Komödie, der
Großinquisitor Dostojewskis, dem Mississippi gar nicht so
fern, steht ebenfalls nicht im Raum des Theaters, das seine
ganz besondere Gefährdung bringt durch seine besondere
Leiblichkeit. Übrigens - das sei am Rande vermerkt - ist ja
auch die christliche Tragödie ein hoch gefährdeter, hoch
anfechtbarer Begriff - man braucht beispielsweise nur Racines
"Athalie" genauer zu betrachten, um die Brüchigkeit dieser
Form zu erkennen. Der Begriff der christlichen Komödie
als spezifischer Theaterform steht in Gefahr, die Grenzen
des Theaters unmittelbar zu sprengen. Der Mississippi endet
mit den Worten: "Eine ewige Komödie / Daß aufleuchte
Seine Herrlichkeit, / genährt durch unsere Ohnmacht."
Gewiß - der Don Quichote des Stücks, Übelohe, spricht
diese Verse in unmittelbarem Bezug auf den Helden des
Cervantes, man mag sie also durchaus nur ihm zuschreiben.
Aber es ist eben doch so, daß vor dem Absoluten alles
Menschliche entweder in die tragische Sicht - der Mensch
muß die Bindung an das Absolute versuchen und ihm doch
immer ungemäß bleiben - oder noch viel eher in die komische Sicht rückt.
Wenn Maßstablosigkeit eine der Bedingungen des Komischen ist, dann
scheint die religiöse Sphäre sein reichster Nährboden sein zu müssen.
Aber nur die vermeidbare Maßstablosigkeit ist annehmbar komisch - die
andere macht die Menschheit als Erfindung der Schöpfung
zum komischen Phänomen und steht in Gefahr, nicht den
Menschen, sondern seinen Schöpfer zur komischen Figur
zu entwürdigen. Nichts läge Dürrenmatt ferner. In der religiösen Sphäre
wird ihm der Begriff der Komödie fast gleichbedeutend mit
dem Begriff des "Spiels", so wie es etwa der
spanische Barock geschaffen hat, einer offen hindeutenden,
allegorisch zu wertenden Kunst. Viel beunruhigter freilich
als jenes gegenreformatorische Theater, stark aus dem Wesen des
Paradoxen lebend, aber weltenfern dem Begriff des
Lustspiels. Allerdings ist die Abschußrampe, wenn man so
sagen darf, der Dürrenmattschen religiösen Dramatik ganz
anders als die jener Spanier, es wäre beispielsweise unmöglich,
sich einen "Mississippi" als Freilichtspiel zu denken. Dabei
liebt Dürrenmatt den eingeschlossenen, dunklen Theaterraum durchaus nicht:
"... daß die Zuschauer im Dunkeln einer beleuchteten Bühne gegenüber sitzen,
die wohl verhängnisvollste Neuerung, wurde doch so erst die weihevolle
Stimmung möglich, in der unsere Theater ersticken ...".
So wie diese "Komödie" Dürrenmatts heute ist, geht sie
den sehr gewalttätig expansiven Weg von der Individualgestalt zur Allegorie,
es herrscht in ihr gleichsam ein rasend ansaugender Aufwind. Die gewöhnliche Menschenwelt wird
atemlos schnell durchmessen. Derart ist das Gesprächscliche,
das in dem Mi.rsirfippi herrscht, nichts anderes als eine Art
von Stenographie, eine Formel - in ihrer mehxfach schillernden Bedeutung.
Ehe man es sich versieht, ist man schon jenseits, im Reich der Symbole, der Allegorie.
Aber ohne Blässe: die Sinnlichkeit wird auch in diesem Werk nicht
abgebaut, sondern eingebaut, sie dient dazu, den zur Überlebensgröße
hin strebenden Gestalten die Standkraft zu verleihen. Aristophanes
war immer ein Fixstern in Dürrenmatts
Theaterwelt, ihn umwirbt er fast immer irgendwo und irgendwie.
Wird er je zur offenen Maske greifen? Eine entscheidende
Wendung könnte eintreten, wenn Dürrenmatt
einmal für den offenen Theaterraum schriebe. Doch ist es
müßig, von Wendungen zu sprechen, die nur der Dichter
selber sich abgewinnen kann und die er sich nur abfordern
wird, wenn die äußeren, doch nicht minder wesentlichen
Bedingungen für eine solche Wendung bestehen: ein Publikum,
das eine Gemeinschaft ist, wenn auch nur für die flüchtige
Zeitspanne einer Theateraufführung.
Die "Ehe des Herrn Mississippi" war nun aber in einem ganz
konkreten, handwerklichen Sinn eine Wendung in Dürrenmatts
Theaterlaufbahn. In diesem Stück hat er das erste Mal das
Erlebnis einer vollgültigen Premiere gehabt. Der "Mississippi"
wurde in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, am
26. März 1952, unter Schweikarts Regie. Maria Niklisch war
die Anastasia, Lühr Übelohe, Domin Mississippi, Seyferth
Saint-Claude, Regnier Diego.
Die schweizerischen Uraufführungen, so bedeutend sie auch
durch ihren Entdeckermut und teilweise auch in ihren Leistungen waren,
konnten durch die in der Schweiz unvermeidliche Kürze der Probezeiten
nicht zur Ausmerzung jeglicher Improvisation vorschreiten. Hier, in München, war die
Inszenierung, die es wagen durfte, die endgültige Form zu
beanspruchen. Hier trat dem Wort des Dichters gleichberechtigt die
szenische Erscheinung entgegen. Dürrenmatt hat sich widerstandslos
der Auseinandersetzung geliehen zwischen den beiden Formen des Dramas,
er hat in der Buchausgabe "wesentliche Teile seiner (Schweikarts) szenischen
Einrichtung übernommen". "Sein Prinzip zu abstrahieren"
deckte sich mit den Absichten des Autors. Schwer zu sagen,
was das Schicksal des "Mississippi" gewesen wäre, wenn das
Stück nicht bei seinem ersten Erscheinen genau ins Ziel geplant
gewesen wäre. Es hat sich auf die Schweikartsche
Inszenierung hin das leidenschaftliche Interesse namentlich
der deutschen Presse errungen, und es hat an vielen Bühnen
seinen Weg gemacht. Dabei ist es wahrscheinlich dasjenige
Stück Dürrenmatts, das dem Mißverständnis am offensten
zugänglich ist. Daß aber Dürrenmatt im Letzten durchaus
nicht zu kapitulieren bereit ist vor den Ansprüchen der
Bühne, die ihn für den Augenblick so sehr inspirieren, das
zeigen die Änderungen, die er später doch an dem Text vorgenommen hat,
zeigen die äußerlichen Milderungen, die er
angebracht hat. Hingegen ist natürlich nichts so sehr geeignet,
einem Dichter das Vertrauen auf sein Wort zu stärken,
wie eine wohlfundierte, ausgeglichene, begabte Aufführung.
Sehr vieles an Dürrenmatts Kühnheiten und Anstößigkeiten
erklärt sich ja durch sein Mißtrauen gegenüber
der künftigen Interpretation und ihrer Aufnahme durch das
Publikum. Wer darauf vertrauen kann, die subtile Andeutung werde
verstanden, wird auch subtil schreiben. Wer
immer wähnen muß, sein Wort werde auf falsche Bahnen
abmanövriert, wird zu gröber wirkenden Mitteln greifen.
Dürrenmatts dramatische Kunst lebt weithin in der
Abwehrstellung gegen ein zugleich feierliches und
entscheidungsscheues Publikum. Die Feierlichkeit stört er durch
seine groteske Komik, die Entscheidungsscheu durch seine
unvermittelten Griffe nach dem Absoluten. Es ist klar, daß
er dadurch seine Gegner in zwei Lagern finden muß: bei
den zu Recht Angegriffenen und bei den zu Unrecht Angegriffenen.
Die ersteren werden sich nicht gern stören lassen,
und die zweiten werden sich dagegen wehren, mit jenen in
ein und dieselbe massa perditionis geworfen zu werden.
Wie denn überhaupt die Frage nach dem Publikum Dürrenmatts
in dem Maße bedeutsamer wird, als sich sein Erfolg
ins Weltformat erweitert. Daß Dürrenmatt ein Publikum
gefunden hat, ist nicht die kleinste Paradoxie seines Schaffens.
An der "Ehe des Herrn Mississippi" läßt sich das sehr
klar ablesen. Hätte der "Mississippi" weithin Haßausbrüche
gezeitigt, so wäre das beinahe stilvoll gewesen. Jedenfalls
angemessener als die Haßausbrüche gegenüber dem "Herkules".
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