|
Leonhard Steckel, der wohl unübeztreffliche Darsteller von
Dürrenmatts Meteor, nämlich des nicht sterben dürfenden
Schriftstellers Wolfgang Schwitter, hat gesagt, er müsse in
seinem Schauspielerleben mit dem "Meteor" eine neue Zeitrechnung beginnen. Gilt das nicht auch für Dürrenmatts
Werk? Beginnt mit dem "Meteor" nicht eine neue Phase
seines Schaffens? Die Wildheit des Stücks, seine Verwegenheit, seine Trostlosigkeit sprechen dafür. Doch stand schon
1961, als Dürrenmatt die "Physiker" schrieb, in seinem
Arbeitszimmer ein von Teo Otto entworfenes Bühnenmodell des "Meteor", so daß denn das Physikerstück schon
irgendwie überschattet war von dem kommenden Werk,
das ja ebenfalls ein nach klassischer Einheit gebautes Stück
ist, eingefangen in einen einzigen Tag - den längsten des
Jahres, der zum "jüngsten Tag" wird - und in einen einzigen Raum. Auch hier käme also einem "verrückten"
Thema nur die klassische Form bei.
Noch erstaunlicher ist aber, wie gerade im frühen Schaffen
Dürrenmatts schon Motive auftreten, die nun im " Meteor "
voll ins Ziel gehen. Wolfgang Schwitter ist zum mindesten
ein entfernter Vetter des Maximilian Friedrich Korbes
("Abendstunde im Spätherbst"), beide sind Nobelpreisträger, beide bekennen sich zum reinen Geschäftscharakter des
Literaturbetriebs (und wie oft hat es Dürrenmatt ironisch
ebenfalls getan!), beide sind auf den Tod hin gerichtet,
Korbes allerdings auf eine durchaus vordergründige, materielle Weise. Doch dürfte man von Wolfgang Schwitter
nicht mehr sagen, wie es Fürchtegott Hofer von Korbes
tut, er "stürme stets leicht betrunken durch das barocke
Meer seiner Prosa". Da ist kein barockes Meer der Sprache
mehr; wenn schon Barock, dann hat er sich ganz auf die
Handlung beschränkt.
Weiter führt jedoch ein fast wörtlicher Anklang des "Meteor" an eine frühe "Prosa" Dürrenmatts, den "Tunnel".
" Meteor " 1964:
"Grandios, Nyffenschwanderl Der Tod rast auf einen zu
wie eine Lokomotive, die Ewigkeit pfeift einem um die
Ohren, Schöpfungen heulen auf, krachen zusammen, ein
Riesenunfall, das ganze -"
" Tunnel " 1951:
"Was sollen wir tun?" schrie der Zugführer durch das Tosen
der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hindurch
dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, der mit seinem fetten
Leib, der jetzt nutzlos war und nicht mehr schützte, unbeweglich auf der ihn vom Abgrund trennenden Scheibe ruhte
und durch sie hindurch den Abgrund gierig in seine nun
zum ersten Mal weit geöffneten Augen sog. "Was sollen wir
tun?" "Nichts", antwortete der andere unbarmherzig, ohne
sein Gesicht von dem tödlichen Schauspiel abzuwenden,
doch nicht ohne eine gespensterhafte Hciterkeit, von Glassplittern übersät, die von der zerbrochenen Schalttafel
herstammten, während zwei Wattebüschel, durch irgendeinen
Luftzug ergriffen... pfeilschnell nach oben in den Schacht
über ihnen fegten. "Nichts. Gott ließ uns fallen und so
stürzen wir denn auf ihn zu."
Sowohl die Übereinstimmung wie die Verschiedenheit der
beiden Stellen sind schlagend. Schwitter ist der alte, aus der
Form gekommene Student des "Tunnel", er putzt sich durch
sprachliches Sans-gene auf, er hat ja den jüngeren Nyffenschwander irgendwie auszustechen. Aber Schwitters Tod
hat nichts von der "gespensterhaften Heiterkeit", der echten
Fröhlichkeit des Studenten, dieser Tod hat kein anderes Ziel
als das Nichts. Da ist nicht Gottes Hand, die den Menschen
fallen läßt, damit dieser auf ihn zustürze.
Korbes ein Schriftsteller, Schwitter ein Schriftsteller, der
zunächst Maler werden wollte, Dürrenmatt ein Schriftsteller, der sich von der Malerei bis auf den heutigen Tag
nicht lösen konnte - meteorischer Sturz des bernischen
Studenten, der so viel von Dürrenmatt hat, meteorischer
Sturz Schwitters - wie sollte es anders sein, als daß nicht
wenige Zuschauer des " Meteor " in dem Schriftsteller
Schwitter, den der Teufel nicht holt, weil Gott es nicht zuläßt, sondern ihn weiter "im eigenen Fett schmoren lassen"
will, Dürrenmatt selber sehen möchten, der endlich zur Erkenntnis seiner Verruchtheit gekommen wäre? So simpel
ist die Gleichung aber nicht. Dürrenmatt freilich hat nicht
unverpflichtet den Kopf aus der Schlinge ziehen wollen; in
einer öffentlichen Diskussion hat er gesagt, wenn er schon
Themen wie Tod und Auferstehung, Wunder und Unglauben im Bereich der Komödie anfasse, so habe er nicht das
Recht, die eigene Person auszuklammein.
All diese Beziehungen zum früheren Schaffen Dürrenmatts
treten nun aber an Wichtigkeit zurück vor der einen, wahrhaft grundlegenden : daß mit dem " Meteor" Dürrenmatt
seine Definition des Komischen auf die Feuerprobe gestellt
hat. Wenn uns wirklich nur noch die Komödie angemessen
ist, so muß sie auch den Tod bewältigen können. Denn
wenn auch die Tragödie vielleicht untergegangen sein sollte
- das Sterben ist unsterblich. Wer einen Totentanz malt, hat
nur eine einzige unveränderliche, überlebende Figur: den
Tod.
Einen Totentanz hat man den "Meteor n nicht selten genannt. Aber weit weg sind wir in ihm von den allegorischen
Ausprägungen des Themas, wie sie Mittelalter und Renaissance geliebt haben. Denn im "Meteor" ist der Tod die
Figur, die eigentlich sterben will, sterben müfite: der zweimal tot erklärte Wolfgang Schwitter. Er, mit seinem
meteorgleichen Aufflammen, ein erloschenes Gestirn, das durch
die Reibung an fremder Substanz neu erglüht, er bringt
allem, was sich ihm nähert, Tod oder Verderben. Er sagt es
selber, die Anwesenheit der anderen "mästet sein Leben".
Er wird immer lebendiger dadurch, daß er den Tod um sich
herum aussät. Dabei bleibt er ein Mensch mit all seiner Anfechtbarkeit; daß er wiedererweckt worden ist, nimmt er ja
nicht an, er bäumt sich auf gegen den Einbruch einer ungebetenen Gnade in sein Leben. Er bleibt sich bis zuletzt
treu, sein letztes Wort, das aber nur hinsichtlich des Theaterstücks sein letztes ist, bleibt genau so schnoddrig
verächtlich für sich und für die Welt wie alle vorhergehenden
Reden, die er führt.
Totentänze sind immer Bildfolgen. Eine Bildfolge, ein Reihenstück ist also auch der "Meteor". Ihn nacherzählen ist
schwer. Denn immer haben wir es dabei mit zwei Dimensionen zu tun. Erstens mit der Konstanten, daß da einer, der
sterben will, nicht sterben darf oder vielmehr immer wieder
stirbt und immer wieder ins Leben zurückkehrt - als der
Gleiche, an dem die Erlösung zuschanden wird. Und zweitens mit dem Weg dieses meteorgleich Leuchtenden, diesem
Weg, der von Toten und Zerstörten bezeichnet wird. Das
Stück läuft ab mit unübertrefflicher Sicherheit, und zugleich
bleibt es stehen, härter als jeder Fels. Dem Weg folgen, also
die verschiedenen Stationen nennen, heißt scheinbar die unwandelbare, ungewandelte Einheit seines geistigen Raums
mißachten. Und nur von diesem sprechen, heißt die Rasanz
des Ablaufs übersehen.
Ich bedenke eine seltsame Parallele zu Dürrenmatts "Meteor", so seltsam, daß man sie nicht gar zu gern bedenkt:
Molieres "Les Fâcheux". Bei Moliere werden zwei Liebende
an einem Rendezvous verhindert durch lästige Mitmenschen
jeder Art - ein Schwankthema, aber diesmal zum einzigen
Thema eines ganzen Stücks gemacht. Der Inbegriff eines
dramatischen Tema con variazioni. Doch ist ein Rendezvous mit einem Mädchen etwas anderes als ein Rendezvous
mit dem Tod. Wenn hier alles zugrunde geht, was in Schwitters "Sterben geriet", ja wenn sogar in innigster
Verquickung der Tod selber an diesem "Toten" versagt, so ist damit ein echt komödiantisches Thema ohne Minderung der
Komödiantik metaphysisch eingesetzt und durchgespielt.
Ein Toter in Anführungszeichen ist dieser Schwitter. Dürrenmatt hat mit aller Bestimmtheit gefordert, daß man
Schwitter nicht scheintot nenne. Der berühmte Professor
Schlatter hat sich nicht geirrt, Schwitter war tot, zweimal
gestorben, zweimal wieder ins Leben zurückgekehrt. Den
Einbruch des Wunders in die Alltagswelt des Menschen
wollte Dürrenmatt gestalten. Eines Wunders, geschehen an
einem durchaus Ungläubigen, Unwilligen, ja Unwerten.
Schwitter wäre der erste, ein Wunder zu leugnen; Schwitter
will durchaus nicht mehr leben, er hat genug vom Hoffen
und Leiden - und Schwitter bleibt höchst anfechtbar. Der
Zuschauer liebt ihn nie. Er wird nicht zum Helden auf den
Schleichwegen des Theaters. Man wird nachlesen, was Dürrenmatt anläßlich der "Wiedertäufer" von den ungewollt
negativen Helden Brechts gesagt hat. Dürrenmatt verpaßt
keine Gelegenheit, Schwitter unsere Sympathie zu verunmöglichen. Und doch bezwingt uns Schwitter - durch seine
Theatergerechtheit, seine komödiantische Vehemenz. Wenn
er gleich zu Anfang des Stücks im Atelier des unbegabten
und schwächlichen Malers Nyffenschwander erscheint, nein:
"aufkreuzt", in Pyjama und Pelzmantel, trotz mörderischer
Hitze, mit zwei prallen Koffern und zwei Riesenkerzen unter
den Arm geklemmt, wenn es dann heißt: "Sie - Sie sind
doch -", und Schwitter antwortet: "Ich bin's. Wolfgang
Schwitter", so ist das die Art, wie sich klassische Helden
seit eh und je vorgestellt haben. Der Auftritt ist lapidar, ein
meteorgleicher Einbruch. Aber ähnlich stark bezwingende
Situationen folgen sich das ganze Stück hindurch. Eine
solche ist natürlich die zweite Auferstehung Schwitters
ziemlich am Anfang des zweiten Teils - die erste wurde nur
erzählt, die zweite sehen wir im Theater. Grotesk in ihrer
Banalität, sagt doch der mit Kränzen Bedeckte und zum
Begräbnis Hergerichtete plötzlich: "Das Bett steht falsch."
Wenn dann gleich darauf ein wildes Aufräumen und Ummöblieren angeht, verwoben in einen Streit zwischen dem
neuen Lazarus und dem Maler, dem der " Meteor " kurz
vorher in einem besonders starken ALtfglühen die Frau weggenommen hat, so ist auch das von nicht mehr zu
steigernder Situationskomik. Da sagt zum Beispiel Schwitter zu
den Klagen des betrogenen Ehemanns : " Nyffenschwander,
Ihre Sorgen möchte ich haben. Da sterbe ich unaufhörlich,
da warte ich Minute um Minute in einer mörderischen Hitze
auf einen würdigen Abgang in die Unendlichkeit, verzweifle, weil es nie so recht klappen will, und Sie kommen
mir mit einer Nebensächlichkeit. " Dazwischen fliegen die
Kränze.
Die Wirkung ist unwiderstehlich. Die Unvereinbarkeit der
beiden Sphären tritt in einem so unvermittelten Anprall zutage, daß ein Lachen entsteht, wie es eigentlich nur in der
Welt des Schwanks heimisch ist. Man hat denn auch tadelnd
von den schwankhaften Wirkungen dieses Totentanzes gesprochen. Aber es war doch schon seit jeher zu erkennen,
daß Dürrenmatts Komik sich von Aristophanes und nicht
von Menander herleitet. Ein Lustspiel hat er nie geschrieben
bisher. Seine Komik auf Psychologie gegründet hat er nie.
Immer auf die Situation, auf die Handlung. Was nicht bedeutet, daß seine Figuren kein stimmiges Innenleben hätten.
Nur müssen sie als Theaterfiguren in allem, was sie sind,
sich in gegenwärtige Handlung verwandeln.
Dürrenmatt hat in der Variation seines Themas bei gleichbleibender Vehemenz und Schlagkraft eine immer neu
überraschende Vielfalt erreicht. Der Spitalpfarrer ist das erste
Opfer dieser Corrida - er stirbt an der Glücksgewalt, mit der
ihn das leibhaftig erlebte Wunder überfällt. Der Hausbesitzer Muheim, ein scheinbar gußeiserner Erfolgsmensch,
wird erledigt dadurch, daß Schwitter behauptet, er habe ihn
mit seiner Frau betrogen - diese Variation wird in zwei getrennten Stufen durchgeführt, deren zweite eine klassische
schwankhafte Verwechslungsszene ist, die Schwitter "zum
Totlachen" findet. Olga, die junge, schöne, treue Frau
Schwitters, ein ehemaliges Call-Girl, wird brutal von
Schwitter weggeschickt, sie wird sich umbringen. Jochen,
der Sohn Schwitters, erscheint, um sich sein Erbe zu sichern,
und findet nur einen Haufen Asche - auch dieses Motiv
wird zweistufig gestaltet, gegen Ende des Stücks berichtet
Jochen, daß auch auf Tantiemen nicht mehr zu rechnen sei,
Schwitters Zeit sei endgültig vorbei - mit Jochen aber ist es
auch vorbei, ohne das Geld des Vaters ist er nichts. Nyffenschwander wird erledigt, seine Frau verläßt den
Unbegabten, und kurz darauf wirft ihn der aus Rand und Band geratene Muheim die Treppe hinunter und tötet ihn wider
Willen. Professor Schlatter ist endgültig erledigt in seinem
wissenschaftlichen Ruf: "Für die einen bin ich verblödet
und für die anderen von Gott veräppelt." Schwitters Verleger ist zum mindesten finanziell schwer angeschlagen
dadurch, daß Schwitter sein ganzes Vermögen verfeuert hat,
retten könnte ihn vielleicht noch eine theologische Umdeutung seines Autors... Und dann kommt ein letzter Tod, den
Schwitter nun nicht unmittelbar hervorruft. Die alte Frau
Nomsen, Abortfrau im Hotel Bellevue und Vermittlerin
diskreter Adressen am Ende eines Lebens, das seinen Höhepunkt auf dem Trottoir gefunden hat, erscheint. Sie ist die
Mutter Olgas, wollte sich aber dem lebenden Schwitter nie
zu erkennen geben, das wäre unschicklich gewesen. Aber
jetzt rechnet sie ab. Ein Fehltritt sei die Heirat der Tochter
gewesen, und umgekommen sei sie, weil sie sich "Gefühle
geleistet" habe. Gefühle habe man in ihrem Gewerbe nicht
zu haben, sondern zu machen. Und Schwitter lebt abermals
auf, noch intensiver als in den Armen der schönen Malersfrau, er hat seinesgleichen gefunden. Auch mit der Literatur
habe man Gefühle nur zu machen, nur im Leser zu erzeugen,
nicht selber zu haben. Sein Fehler sei aber gewesen, eine
Welt vom Schreibtisch aus in ein Hirngespinst von Vernunft
und Logik eingekerkert zu haben. So sei sein Leben nicht
wert gewesen, daß er es lebte. "Der Tod ist das einzig Wirkliche, das einzig Unvergängliche. Ich fürchte ihn nicht mehr."
Die Abortfrau sollte replizieren, sie schweigt, sie ist tot.
Und jetzt fürchtet sich Schwitter. Vor dem Nicht-sterben-
Können. Dahinein platzt nun ein Chor der Heilsarmee, sie
kommt den Auferstandenen zu feiern. Die Gegensätze bäumen sich höher aneinander auf als je zuvor. Wilde Lästerung
der Schöpfung durch Schwitter prallt gegen das Halleluja
der Gläubigen. Das Leben sei "eine Schindluderei der Natur
sondergleichen, eine obszöne Verirrung des Kohlenstoffs,
eine bösartige Wucherung der Erdoberfläche, ein unheilbarer Schorf", schreit Schwitter. Aber was vermag solches
gegen ein Halleluja aus den gläubigen Kehlen der Armen
im Geiste? Schwitter fleht die Sänger an: "Zerreißt mich,
ihr Himmelstrommler, zerstampft mich, ihr Handorgelbrüder, schmettert mich die Treppe hinunter, ihr
Psalmenjodler, seid gnädig, ihr Christen, schlagt mich mit euren
Gitarren und Posaunen tot." Die Antwort ist der Choral
"Morgenglanz der Ewigkeit", einer der schönsten der protestantischen Kirchenliteratur. Schwitter versucht, ihn auf
zuhalten, er schreit: "Wann krepiere ich denn endlich!"
Das wird nicht sein letztes Wort sein, er lebt ja weiter. Der
Pfarrer war dem Glück, seinen Glauben leibhaftig bestätigt
zu finden, erlegen. Die Heilsarmisten haben kräftigere Gemüter, ihnen wird der lästernde Schwitter zur reinen
Erbauung. Und daß er der Gnade des ewigen Lebens so unwert ist, das liegt in der Verheißung, daß eben die Letzten
auch einmal die Ersten sein werden. Gnade geht nicht einher mit Gerechtigkeit. Womit ein Grundpfeiler von Dürrenmatts Weltgebäude abermals sichtbar wird.
Seltsamerweise hat man oft gerade die Figur des Pfarrers
und die der Heilsarmee als parodistisch empfunden. Gegen
Dürrenmatts Absicht. Er würde wohl sagen, ein Pfarrer, den
das Wunder nicht zutiefst bestürzte, wäre viel eher lächerlich als einer, den das Wunder mit seiner Glücksgewalt
tötete. Dürrenmatt hat auch sicher nicht Schwitters Einstellung zu der Heilsarmee. Nur ist es auf jeden Fall gefährlich,
Heilsarmisten, die ja noch von Gutwilligen oft etwas belächelt werden wegen ihrer soldatischen Maskerade, in
extremen Situationen auf die Bühne zu bringen. Bei der Uraufführung waren diese Rollen von Statisten ganz
unzulänglich verkörpert. Entweder muß man ihre Glaubensmacht voll ausdrücken, oder man müßte sie unsichtbar
lassen. Gegen die Meinung, Dürrenmatt habe hier die Heilsarmee lächerlich machen wollen, spricht ganz allein schon
die Wahl des Chorals: wie viele solche wären zu finden gewesen, über die man mit hohem Recht hätte lachen dürfen!
Alles sei hier Situation, alles Handlung, stellen wir fest. Wie
paßt das nun aber zu einem früheren Ausspruch Dürrenmatts, das Theater lebe aus der Sprache und müsse zu
Sprache werden? Sicher, dieser Ausspruch steht in den frühen
"Theaterproblemen ". Aber es ist kaum anzunehmen, Dürrenmatt habe sich von jener Überzeugung entfernt. Nur ist
mit dieser "Sprache" nie eine selbstzweckliche, "schöne"
Sprache gemeint. Es ist gemeint eine die Figur im Sprechakt
voll verkörperride Sprache. Der Asphaltslang, der sowohl
Schwitter wie sein Sohn Jochen wie auch Frau Nomsen
anflugsweise sprechen, die gepflegte Intellektualität des Kritikers, die weltmännische Unakzentuiertheit des Verlegers,
die proletarische Monumentalität des Muheim, die heuchlerischen "bedside-manners" des Arztes, das sind
Sprechformen, die hier aus der Realität herauf sicher stilisiert, das
heißt verhärtet, monumentalisiert worden sind. Dürrenmatt
hat seine Neigung zur Einsilbigkeit weiter entwickelt. Seine
blockhafte Sprache wird im "Meteor" in einem bei Dürrenmatt bis anhin noch nicht erreichten Ausmaß eingesetzt -
vielleicht wird dieses Ausmaß erst in "Play Strindberg"
ebenfalls erreicht werden. Denn kein Stück Dürrenmatts ist
so wie der "Meteor" auf den paradoxen Zusammenprall der
Motive hin konstruiert. Das beginnt mit dem Grundeinfall,
dem Einbruch des Wunders in die Menschenwelt, und zudem noch eines Wunders, vollzogen am untauglichen
Objekt. Das sctzt sich fort bis in die kleinsten Einzeleinfälle
hinein, setzt sich fort bis in die scheinbar nebensächlichsten
Gesprächsteile. Die Grundexplosion des Themas sät sich
gleichsam aus, zuletzt erscheint das Feld des Stücks wie ein
Schlachtfeld, wo überall kleinere und größere Explosionen
aufplatzen. Da ist nirgends Entspannung - außer im Tode -,
da wird alles zum unlösbaren Zusammenprall, Höchstes und
Niedrigstes, Erhabenes und Banales, Reines und Schmutziges. Aber nicht als trüber Brei, sondern scharf geschieden
in die Elemente. Das ist kein Spiel mit dem Tod, sondern
Spiel aus dem Tod, wie es Spiel ist aus der Gnade, Spiel aus
dem Unglauben, Spiel aus dem Glauben. Durchaus unerträglich. Aber das will es sein, soll es sein. Dürrenmatt:
"Wer hier mildert, macht das Stück kaputt." Wer das spielen
will, muß komisch sein können und entsetzlich zugleich.
Dem Lachen rufen können und es zugleich als Ruchlosigkeit erscheinen lassen können.
Aber auch vom Publikum wird hier viel gefordert. Es muß
es wenigstens in der Phantasie annehmen, ein Wunder könne
geschehen, und sich dann ausmalen, was geschähe, wenn es
selber mit einem Wunder in der Wirklichkeit konfrontiert
würde. Was würde es tun, wenn Lazarus aufstände vom
Totenbett, aber immer noch spräche wie der vormalige
Lazarus? Vielleicht ist diese Forderung zu groß. Vielleicht
darf nicht einmal das Theater solche Einstimmung auf das
Thema verlangen. Auf jeden Fall muß der "Meteor" ein
einsames, seltenes Stück bleiben. Es ist richtig, daß Dürrenmatt es Leonhard Steckel gewidmet hat. Einem kongenialen
Darsteller des Schwitter mußte es gewidmet werden, und es
wird deren nur wenige geben, jetzt und in der Zukunft.
Einem kongenialen Darsteller - außer man würde es der
Heilsarmee widmen. Was eine sehr dürrenmattische, gefährlich paradoxe Möglichkeit wäre.
|