Lobrede zur Verleihung
des Ernst-Robert-Curtius-Preises
Oskar Lafontaine
In früheren Zeiten besangen die Dichter die Fürsten. Vom
umgekehrten Vorgehen wird in den Archiven nur selten
berichtet. Wir haben ja eben gehört, daß damit immer ein
Abenteuer verbunden ist und daß Kompetenz allenfalls
vermutet werden kann. Eine Laudatio auf den politischen
Essayisten Friedrich Dürrenmatt zu halten ist hart an der
Grenze überfordernder Zumutung. Gleichwohl habe ich
es mit großem Behagen versucht. Denn Friedrich Dürrenmatt braucht man kein politisches Etikett aufzukleben.
Das Nachdenken über Politik ist auch sein Metier.
Dürrenmatt hat sich selbst einmal als einen bezeichnet,
der die Politik durchdenkt, um frei zu werden für
Wichtigeres, der sich für die Politik einsetzt, um ihr nicht ausgesetzt zu sein. Aus diesen Formulierungen spricht
Mißtrauen, ja Skepsis gegenüber der Politik und ihren Institutionen. Friedrich Dürrenmatt ist Skeptiker, aber nicht
Misanthrop. Er ist ein sich einmischender Denker in die
Widersprüche, die großen Risiken und die kleinen Chancen, die er, auch hier Skeptiker, für eine Charakterisierung
der Gegenwart hält. Die politische Diagnostik Friedrich
Dürrenmatts besticht nicht zuletzt durch die Gabe, sich in
produktiver Weise der gesellschaftlichen Widersprüche
anzunehmen, in ihnen auszuharren, ja manchmal sich an
ihnen auch zu erwärmen. Der politische Essayist Dürrenmatt ist Chronist und Akteur zugleich. Er stellt sich der
von Jürgen Habermas festgestellten "neuen Unübersichtlichkeit" ohne den vermeintlichen Rückhalt eines archimedischen Punktes.
Die Widersprüche unserer Zivilisation nehmen zu. Den Herausforderungen der Moderne,
nämlich der Sicherung des Friedens, der Erhaltung unserer
natürlichen Lebensgrundlagen, der Bekämpfung von
Hunger und Arbeitslosigkeit und der Gestaltung der
Technik können wir mit den herkömmlichen Mitteln
nicht mehr begegnen. Der Rückzug auf eine wie selbstverständlich verfügbare Moral ist verbaut. Der Glaube an die
Allgewalt der politischen Systeme scheint nachhaltig erschüttert. Alle Fluchtversuche in eine geschichtsblinde
Ideologie sind gescheitert.
Unsere Sehnsucht nach fertigen Lösungen für die großen Probleme hat, im Rückblick gesehen, einer Erstarrung
des Denkens Vorschub geleistet. Friedrich Dürrenmatt
setzt auf die Zumutung der Freiheit. Er sagt: "Es tut ein
neues Zeitalter der Aufklärung not, daß wir aus unseren
Systemen den Anspruch auf Wahrheit, auf Gerechtigkeit
und Freiheit fallenlassen und ihn durch das Suchen nach
Wahrheit, nach Gerechtigkeit und nach Freiheit ersetzen.
Wir haben ihn zu ersetzen durch Vernunft." Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit sind regulative Ideen, keine
Zustandsbeschreibungen. Und im Namen einer vermeintlichen Wahrheit darf nicht mehr gegen die Vernunft angegangen werden. Die immer noch von vielen betriebenen
Fluchtbewegungen in die Gewißheit der großen Strukturen oder der großen Ideologien führen in die Irre. Worum
es geht bei der Gestaltung unserer Zukunft, ist der richtige
Umgang mit unserer unvermeidlichen Unsicherheit. Wir
müssen begreifen und akzeptieren, daß der Mensch und
daß die Gesellschaft ihrem Wesen nach unfertig sind. Wir
müssen lernen, daß nur ein beständiges Weiterdenken, die
Fähigkeit zur Korrektur und Kritik Perspektiven der Gestaltbarkeit unserer Gesellschaff eröffnen.
Der Zeitdiagnostiker Dürrenmatt hat wie wenig andere
die Freiheit des Individuums zum Gegenstand seines Denkens gemacht. Er schrieb vor vielen Jahren: "Alles Kollektive wird wachsen, aber seine geistige Bedeutung einschrumpfen. Die Chance liegt allein noch beim einzelnen.
Von ihm aus ist alles wieder zu gewinnen."
Freiheit ist nicht der Naturzustand, Freiheit ist das Ergebnis einer vernunftgeleiteten Ordnung der Gesellschaft.
Freiheit ist an dingliche Voraussetzungen gebunden. Darauf komme ich noch zurück. Und selbst die individuelle
Freiheit ist nicht die Freiheit in der atomisierten Gesellschaft. Fast alles, was wir können, unsere Fertigkeiten, unser Wissen, haben andere vor uns erdacht und erprobt. So
gesehen sind wir als Individuen "Zwerge, die auf den
Schultern von Riesen stehen".
Freiheit hat einen doppelten Sinn. Als persönliche Freiheit ist es das Recht eines jeden Menschen, sein Leben soweit wie möglich selbst zu bestimmen.
Als politische Freiheit ist es die Chance, an der Ordnung mitzuwirken, die
wir als die unsere akzeptieren. Autoritäre Lösungen, die
diese Mitwirkung ausschließen, scheinen auf dem Rückzug zu sein. Perestroika ist in diesem Zusammenhang nur
ein, wenn auch sehr spannendes und bedeutungsvolles,
Beispiel. Doch es geht nicht nur um die Zurückweisung
totalitärer Überforderung unserer Lebenswelt. Gerade
heute geht es auch darum, Versuche zurückzuweisen, die
Freiheit nur in schrankenloser Selbstentfaltung verwirklicht sehen. Eine gesellschaftliche Ordnung, die unsolidarisches Einzelgängertum fördert, die mit Freiheit den
Kampf jeder gegen jeden assozüert, die die Schwachen
zerquetscht und die Starken belohnt, ist nicht frei, sondern
allenfalls unreif.
Jede Form der Emanzipation von tradierten Zwängen
ist Freiheitszugewinn und Orientierungsverlust zugleich.
Für die vor uns liegende Epoche wird die schwierige Aussöhnung von Freiheit und Orientierung, Freiheit und
Glück zum kardinalen Problem werden. Nur ein zur persönlichen Freiheit und zugleich zur Gemeinschaftsbindung befähigtes Individuum wird in der Lage sein, Verant-
wortung zu übernehmen.
Die Herausbildung von kommunikativen und solidarischen Fähigkeiten, die Freiheit zum Lernen und zur
schöpferischen Selbsttätigkeit sind die Wesensmerkmale
einer demokratischen Persönlichkeit. Diese zu fördern ist
erste Aufgabe der Politik.
Statt dessen beobachten wir heute Entwicklungen, die
in die entgegengesetzte Richtung zu führen scheinen. Eine
gewaltige "Illusionsindustrie", so hat sie Friedrich Dürrenmatt genannt, bemächtigt sich in zunehmendem Umfang der Freizeit, des Lebenssinnes und der Bedürfnisse
der Menschen. Dürrenmatt sieht die Konsequenzen:
"Eine Gesellschaft, die nur noch Ware und keine Werte
mehr zu produzieren weiß, wirkt unglaubwürdig, appelliert sie an Werte." Vielleicht scheitern wir deshalb bei
Versuchen, uns geistig-moralisch zu erneuern, weil wir,
statt Werte zu produzieren, zu sehr an der Produktion von
Waren orientiert sind. Mit anderen Worten: Eine Demokratie ohne Demokraten hat keine Zukunftskompetenz.
Politik muß helfen, den Menschen zum selbstbewußten
Mitgestalter der Gesellschaft zu machen. Als "Zuschauer-Demokratie" oder als "Konsumenten-Demokratie" verfehlt unser Gemeinwesen seinen Sinn. Politische Freiheit
ist auf Partizipation angelegt. Unsere Gesellschaft ist eine
Gesellschaft in Bewegung. Sie kann sich nicht auf Dauer
mit dem Hinweis auf eine effektive Verwaltung, ein formalisiertes Beteiligungsverfahren und eine Monopolisierung des Politischen durch die Parteien begnügen.
Politische Freiheit gedeiht letztlich nur in einem Klima der
Toleranz. Gegenwärtig mehren sich Zeichen einer wachsenden Intoleranz. Die Haltung ausländischen Mitbürgern gegenüber, die Bereitschaft, verfolgten und bedrohten Menschen eine Heimat zu geben, der Umgang mit
Andersdenkenden sind Bereiche, in denen sich in unserer
Gesellschaft wieder besorgniserregende Tendenzen ausbreiten. Dürrenmatt hat in seinem Mitmacher-Komplex
geschrieben: "Jede Gesellschaft, je mehr sie gezwungen
sein wird, durch die wirtschaftlichen und damit politischen Umstände, die sich ihr stellen, totalitär zu werden,
wird in Zukunft danach beurteilt werden, wie sie ihre Einzelgänger, Außenseiter und Käuze zu tolerieren vermag,
ob sie diese interniert, isoliert - oder akzeptiert." Ich füge
hinzu: oder ignoriert, die schlimmste Form repressiver
Toleranz. Toleranz im wohlverstandenen Sinne setzt
Großmut und Wärme voraus.
Ausgrenzung und Intoleranz sind häufig nichts anderes
als die Angst vor der individuellen Freiheit und der damit
verbundenen verpflichtenden Verantwortung. Das aggressive Beharren auf "Normalität" hat nicht zuletzt mitgeholfen, die totalitären Projekte unseres Jahrhunderts,
die Ideologien einer erzwungenen Einheit in der Vielfalt
zu fördern. Auch hier müssen wir uns wieder auf die Aufklärung besinnen: Solidarität und Toleranz, die unabdingbare Voraussetzung für eine freiheitliche Fortentwicklung
unserer Gesellschaft sind, bedürfen der Bereitschaft zur
Verständigung und der Fähigkeit zur gegenseitigen Achtung und zum Vertrauen. Man muß erkennen, daß eine
Gesellschaft nur überlebensfähig ist auf Dauer, wenn sie
Abweichung nicht nur zähneknirschend duldet, sondern
sie systematisch ermutigt und zielstrebig fördert in dem
Bewußtsein, damit in eine offene Zukunft zu investieren.
Meine Damen und Herren, ich habe von den dinglichen
Voraussetzungen der Freiheit gesprochen, von der individuellen Freiheit als erworbener Fertigkeit und von der
politischen als der relativ späten Entwicklung unserer kulturellen Evolution. In der griechischen Polis waren nur
diejenigen frei, die keiner aufgenötigten Tätigkeit - bei uns
würde man heute Erwerbsarbeit sagen - nachkommen
mußten. Die buchstäbliche Versklavung der einen war die
Voraussetzung der Freiheit der anderen.
Das Bild eines neuen aufgeklärten Individuums, eines
Menschen, der seine persönliche und seine politische Freiheit kompetent und selbstbewußt zur Geltung bringt, der
tolerant ist und der sich aufgeschlossen und lernbegierig
neue Kulturen erschließt, besitzt eine unbestreitbare Faszination. Für diejenigen aber in unserer Gesellschaft, die
von allen wirklichen Lebensquellen abgeschnitten sind,
ertrinkt dieses Bild in einem schalen Zynismus.
Deshalb insistiere ich darauf - gegen einen Teil der
Dichter und Philosophen und, wenn es sein muß, auch
gegen Friedrich Dürrenmatt: Freiheit, und zwar sowohl
politische als auch individuelle, ist an dingliche
Voraussetzungen gebunden. Freiheit ist gebunden an eine gesellschaflliche Ordnung, die die Privilegien nicht einseitig
verteilt. Freiheit ist gebunden an die Möglichkeit zur Mittäterschaft: Wer arbeiten will, und vielfach ist es in unserer
Gesellschaft ein unfreiwilliges Wollen, soll arbeiten können, oder wir müssen ihm eine andere Möglichkeit
schaffen, am wirtschafllichen und kulturellen Vorrat der
Gesellschafl teilzuhaben. Soziale Gerechtigkeit ist keine
antiquierte Maxime des 19. Jahrhunderts, sondern, wie ich
überzeugt bin, die zukunftsfähige Parole. Die regulative
Idee der Gerechtigkeit stellt sich in Teilen neu: Während
früher das Hauptgewicht darauf lag, den gesellschaftlichen
Arbeitsertrag gerecht zu verteilen, geht es heute darum,
die gesellschaftliche Arbeit gerecht und zweckmäßig zu
organisieren. Für die notwendige menschen- und demokratiegerechte Modernisierung unserer Gesellschaft sind
die Überwindung der Arbeitslosigkeit und die Neuorganisation der Arbeit zentrale Bedingungen. Es ist unzumutbar, ja zynisch, den Menschen von höheren Bedürfnissen
vorzuschwärmen, wenn ihre Gedanken um die Befriedigung primärer Bedürfnisse kreisen. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", dies ist vielleicht nicht ganz
richtig, aber es ist schon etwas dran.
In seinem Monstervortrag über Gerechtigkeit und
Recht, den Dürrenmatt mit dem Untertitel "Eine kleine
Dramaturgie der Politik" versah, hat er auf das schwierige
Verhältnis zwischen Freiheit und Gerechtigkeit, zwischen
gemeinter Freiheit und realer gesellschaftlicher Macht,
zwischen behaupteter Bedürfnisbefriedigung und praktischer Gewalt, eindrucksvoll hingewiesen.
Für die vor uns liegende Zeit kommt es darauf an, soziale Gerechtigkeit zu organisieren. So zu organisieren,
daß Eigenverantwortung vermehrt und nicht vermindert,
daß Energien freigesetzt statt gebunden werden. In manchem müssen wir einen Stilwandel der Sozialpolitik vornehmen. Sie einzustellen wäre ein Sich-Vergreifen an den
dinglichen Voraussetzungen der Freiheit.
Adorno meinte einmal, eine Gewerkschafl der Philosophen sei wie eine Gewerkschaft für Einsiedler. Menschen,
die das Risiko des Denkens auf sich nehmen, professionelle Denker gar wie Friedrich Dürrenmatt, haben nicht
immer ein natürliches Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit. Daß Friedrich Dürrenmatt ein intellektuelles Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit hat, wird niemand bestreiten wollen, der ihn kennt.
Nun, lieber Friedrich Dürrenmatt, mir ist die Aufgabe zugefallen, eine Laudatio auf Sie zu halten. Es wurde, wie mir
scheint, eine Lobrede eigener Art. Eine Würdigung Ihres
literarischen Schaffens konnte dabei nicht herauskommen.
Dies ist Sache der Kritiker, der Literaturwissenschaftler,
der Schriftsteller. Im übrigen scheint mir, wenn ich mir
beispielsweise Ihre Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Stadt Bern vergegenwärtige, daß Sie literarischen
Würdigungen, gelinde gesagt, ein wenig distanziert gegenüberstehen oder gegenübersitzen.
Eine andere Art der Laudatio, wie sie nicht selten von
Politikern praktiziert wird, bemächtigt sich des Gelobten,
überhäuff ihn mit liebenswürdigen Belanglosigkeiten und
hofft ihn wohl auf diese Weise auch zu domestizieren.
Dies erschien mir, angesichts Ihrer Persönlichkeit, ein, erfreulicherweise, völlig hoffnungsloses Unterfangen.
So blieb mir letztlich nur die politische Würdigung.
Wenn man sich aber politisch auf Ihr Denken einläßt, so
bleibt es nicht aus, daß man beginnt, Ihre befreienden
Ausfälle gegen die Widersprüche der Moderne aufzunehmen, den Status quo zu überdenken und politische Optionen zu überprüfen. Ich denke, es ist ein Gütesiegel Ihrer
Essayistik wie Ihres gesamten literarischen Schaffens, im
besten Sinne zum Weiterdenken anzustiften.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an Ihren
Satz, eine Geschichte sei dann zu Ende, wenn sie die
schlimmstmögliche Wendung nähme. Nun, ich bin fast
am Ende angelangt. Ich erinnere mich aber auch Ihres Satzes, daß die Sprache der Freiheit in unserer Zeit der Humor ist. Auch dies ist ein eminent politischer Satz. Politik
ohne Humor gerät in die Gefahr, zum öden Ritual zu verkommen. Jene subversive Kraft des Humors, jene befreiende Wirkung des Lachens ist in einer von Sachzwängen
umstellten Welt immer noch ein unentbehrliches Ingrediens für einen humanen Fortschritt.
Wir gratulieren und wir danken heute Friedrich Dürrenmatt, dem Gedankendramaturgen, dem unerbittlichen
Kritiker und dem politischen Diagnostiker. Wir gratulieren und danken heute aber auch dem eulenspiegelnden
Apokalyptiker, dem despektierlich-produktiven Komödianten, dem Vertreter einer vergnüglichen kosmopolitischen Streitkultur, der sich nicht an der Aufklärung berauscht, sondern sie beim Wort genommen wissen will.
Lieber Friedrich Dürrenmatt, Sie haben in Ihrer bereits
erwähnten Rede in Bern sinngemäß gesagt, die Politiker
sollten Politik machen, anstatt darüber zu reden. Ich habe
mich, wie Sie bemerkt haben, an diese Mahnung nicht gehalten. Möglichen Einwänden von Dürrenmatt möchte
ich mit Dürrenmatt begegnen. Sie haben zum Abschluß
Ihres Vortrages zur Feier des 100. Geburtstags von Albert
Einstein gesagt, und ich mache mir Ihre Aussage vollinhaltlich zu eigen, tausche dabei nur den Namen Einstein
mit dem Namen Dürrenmatt und schließe mit Ihren Worten: "Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Es ist möglich, daß Sie von mir einen etwas
anderen Vortrag erwartet haben. Aber wer sich mit Dürrenmatt beschäftigt, muß sich ihm stellen, den Irrtum
nicht fürchten. Ihn zu belächeln ist Ihr Recht, ihn zu begehen das meine."
|