Ein Vortrag
1979
"Habe ich wirklich geirrt,
so trage ich meinen Irrtum
selbst."
Hiob 19,4.
Meine Damen und Herren,
der Grund, weshalb ich die Einladung der Eidgenössischen
Technischen Hochschule angenommen habe, einen
Vortrag über Einstein zu halten, liegt darin, daß heute die
Mathematik, die Naturwissenschaften und die Philosophie derart ineinander verflochten sind, daß sich auch
Laien mit diesem gordischen Knoten befassen müssen.
Denn überlassen wir die Physiker, die Mathematiker und
die Philosophen sich selber, treiben wir sie endgültig in
die Ghettos ihrer Fachgebiete zurück, wo sie hilflos und
unbemerkt den Raubzügen der Techniker und der Ideologien
ausgeliefert sind; Raubzüge, die immer stattfanden
und immer wieder stattfinden. Ich werde darum, auch
auf die Gefahr hin, daß meine Rede nicht nur für Nichtphysiker, sondern auch für
Physiker schwer verständlich
wird, unerbittlich als Laie reden. Ich werde nicht zuerst
ausführen, was ich zu sagen gedenke, um dann noch zu
reden, was ich schon ausgeführt habe; auch werde ich
gewisse Begriffe wie etwa "Determinismus" oder "Kausalität"
so gebrauchen, wie ich sie benötige, um einen Gegensatz
herauszuarbeiten, ohne mich allzusehr darum zu
kümmern, wie die Fachwelt sie gerade gebraucht; und
wenn ich öfters von Gott reden werde, so nicht aus
theologischen, sondern aus physikalischen Gründen;
Einstein pflegte so oft von Gott zu reden, daß ich beinahe
vermute, er sei ein verkappter Theologe gewesen. Den
Grund hingegen, weshalb die Eidgenössische Technische
Hochschule mich einlud, einen Vortrag über Einstein zu
halten, vermag ich nur zu vermuten: ist doch die Frage
nach dem "Warum man von mir diesen Vortrag wünscht"
offenbar verknüpft mit der Frage, wie ich ihn zu halten
habe. Denn angenommen, ich wäre eingeladen, öffentlich
mit einem Großmeister, sagen wir mit Fischer oder
mit Spasskij, Schach zu spielen, wäre es für mich
offensichtlich sinnlos, Fachbücher zu studieren, Eröffnungen
zu büffeln, die Aljechin-Verteidigung, das Falkbeer-Gambit,
den Sizilianischen Angriff usw., aus dem einfachen Grunde,
weil die Veranstalter nicht mich, sondern den Großmeister beim Schachspielen beobachten
möchten. Ich wäre nur der Köder. Gerade an meiner
Unzulänglichkeit würde sich sein Spiel am deutlichsten
offenbaren, die Einfachheit und die Eleganz, mit der er
mich schachmatt setzte usw. Das Wie läge beim
Großmeister, ich hätte nur das eine zu tun: mich an die Regeln
des Schachspiels zu halten. Daß der Großmeister sich
daran hält, ist ja gewiß, sonst wäre er kein Großmeister.
Ich müßte daher keine Schachtheorien studieren; was ich
einzuhalten hätte, wäre nichts als ein gewisses Normalmaß
an Vernunft, um nicht kurz nach der Eröffnung des
Spiels ein Torenmatt zu begehen - was nicht etwa eine
Anspielung auf meinen Namen darstellt, sondern eine
bestimmte törichte Spielweise, die einen nach wenigen
Zügen schachmatt setzt. Allein mit Vernunft läßt sich
dem Großmeister die Methode entlocken, nach der er
vorzugehen pflegt, läßt sich sein Spiel analysieren.
Genauso habe ich nun gegen Einstein anzutreten, im
Vertrauen darauf, daß er und ich den gleichen Spielregeln
unterworfen sind, jenen der Vernunft. Die Partie ist zwar
ungleich, aber sinnvoll. Einstein ist nicht etwas Kompliziertes,
sondern etwas Komplexes, etwas unerhört Einheitliches; es gibt keine Äußerung Einsteins, die nicht auf
die Einheitlichkeit seines Denkens zielt; so kann ich -
scheinbar willkürlich - sein denkerisches Schicksal
dadurch zeichnen, daß er als Kind irreligiöser jüdischer
Eltern bis zum zwölften Lebensjahr religiös war, dann,
auch durch die Lektüre Kants, seinen Glauben verlor,
um sich später als Physiker zum Gott Spinozas zu bekennen;
ferner, daß er die Mathematik zuerst bis zu einem
gewissen Grad vernachlässigte, um später immer mehr
Mathematik zu fordern. Diese Fakten stellen in der Partie,
die ich gegen Einstein spiele, die ersten Züge dar, die
mir an seiner Spielweise auffallen. Einem mathematisch
geschulten Spieler würden vielleicht andere Eigentümlichkeiten
wichtiger sein, etwa die Begeisterung des Elfjährigen für Euklid, einem Physiker der Eindruck, den
eine Kompaßnadel auf den Knaben machte, einem
Philosophen der Satz aus Einsteins Schrift "Autobiographisches",
das Wesentliche im Dasein eines Menschen seiner
Art liege in dem, was er denke und wie er denke, nicht in
dem, was er tue oder erleide; Eigentümlichkeiten, die für
Einstein bezeichnender zu sein scheinen als etwa sein
Bekenntnis zum Gott Spinozas. Stellen wir uns jedoch
das Weltgeschehen als ein Schachspiel vor, so sind zuerst
zwei Partien denkbar, eine deterministische und eine
kausale. Beim deterministischen Schachspiel sitzen sich
zwei vollkommene Schachspieler gegenüber, zwei starre
und sture Göttergötzen der Urwelt etwa, Ormuzd und
Ahriman meinetwegen, oder das gute und das schlechte
Prinzip oder der alte und der neue Zeitgeist oder die alte
und die neue Klasse oder zwei vollkommene Computer
usw., die miteinander kämpfen. Die Menschen sind die
Schachfiguren. Diese sind in dieser Partie determiniert,
Folgerungen der außermenschlichen Schachüberlegungen;
ob die Menschen Gutes oder Schlechtes vollbringen,
ist gleichgültig, sie sind, ob weiße oder schwarze Figuren,
von den gleichen Gesetzen bestimmt: von den Regeln des Schachspiels. Die manichäischen Religionen
sind symmetrische Konzeptionen, das Gute und das Böse
sind im Gleichgewicht; zwei vollkommene Schachspieler
vermögen sich nicht zu besiegen, sie verharren in ewigem
Patt, in ewiger Koexistenz, Siege sind nur Scheinsiege.
Die Welt ist durch Prädestination determiniert, statt des
Chaos herrscht eine unbarmherzige Ordnung. Bei der
kausalen Partie dagegen spielen die Schachfiguren selber,
sie sind die Ursachen ihrer Wirkungen, ihre guten Züge
sind die ihren, ihre Fehler sind die ihren. Die zwei
vollkommenen Schachspieler fallen in einen Schachspieler
zusammen, der die Partie nicht mehr spielt, sondern
begutachtet, genauer, er spielt sie auf eine delikatere
Weise als die beiden Spieler des deterministischen
Schachs: er führt die Partie als Schiedsrichter. Als solcher
ist er nicht unbedingt gerecht, die Welt ist eine abgefallene
Welt, das Chaos ist größer als die Ordnung. Daß das
Spiel nicht abgebrochen und weggeräumt wird, hängt
allein von der Gnade und der Barmherzigkeit des
Schiedsrichters ab. Gnädig und barmherzig kann jedoch
kein Prinzip sein, sondern nur eine Person. Das Judentum
und die daraus hervorgegangenen Religionen sind
daher an einen persönlichen Gott gebunden. Mit dem
Aufkommen der Naturwissenschaft wird das Turnier
komplizierter: Der persönliche Gott läßt gleichzeitig auf
zwei Brettern spielen, auf dem Brett des Geistes und auf
dem Brett der Natur, auf dem Brett der Freiheit und auf
dem Brett der Naturnotwendigkeit. Auf dem Brett des
Geistes steht es wie bisher einer jeden Figur frei, welche
Züge gemäß den Regeln des Schachspiels sie machen will;
ein schlechter Spieler ist auch ein schlechter Mensch, und
Gott bleibt sein Schiedsrichter, eine jede Figur muß die
Wirkung ihrer Handlung tragen, das Spiel ist in sich
kausal, während auf dem Spielbrett der Natur die Figuren
zwangsläufig spielen, da die Regeln, durch die sie
bestimmt werden, mit den Naturgesetzen gegeben sind.
Auf diesem Schachbrett ist das Spiel an sich kausal, Gott
könnte das Spiel laufen lassen - er setzte es eigentlich
nur in Gang -, doch offenbar nicht für immer:
vermochte sich doch ein theologischer Denker das gewaltige
Schachspiel nicht ohne einen Gott vorzustellen, der
hin und wieder eingreift, indem er etwa die Unregelmäßigkeiten
im Sonnensystem periodisch persönlich korrigiert oder hin und wieder die Energie erneuert, um das
Umherschieben der Figuren nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Dieser theologische Denker, der auch
noch Alchimie und Astrologie betrieb, ist weitaus berühmter als Physiker und Mathematiker, er heißt Isaac
Newton. Gottfried Wilhelm Leibniz, auch er ein großer
Mathematiker, traute Gott gar die prästabiliene Harmonie zu,
mit deren Hilfe der Allmächtige die beiden
Schachspiele, jenes des Geistes und jenes der Natur - weil
der Mensch ja Geist und Natur ist - vor der Schöpfung
koordinierte und synchronisierte; ein verzweifelter Versuch,
das Dilemma zu vermeiden, in welches der persönliche Gott zunehmend mit dem Begriff geriet, den man
sich von ihm machte: als allwissend, allbarmherzig,
allmächtig wurde er immer abstrakter, doch je allmächtiger,
allbarmherziger, allwissender, prinzipieller er wurde,
desto unbegreiflicher mußte es sein, daß er das Böse
überhaupt zuließ. Das Problem, weshalb die Welt nicht
vollkommen ist, verschärfte sich, einerseits herrschten in
der Natur die Gesetze, anderseits brach vom freien
Geiste her immer wieder das Chaos in die Welt. Vor diesem
Hintergrund ist Spinoza zu begreifen: er lehnte den Gott
seines Volkes ab. Er gab den jüdischen Glauben auf und
nahm keinen anderen an. Er schuf sich eine Idee Gottes,
die eine neue Weltkonzeption darstellt. War Gott gleichzeitig
geoffenbart und beweisbar, ist er bei Spinoza eine
aus Axiomen gefolgerte Gedankenkonstruktion, der mit
dem Begriff der Notwendigkeit eine ontologische Evidenz
zugesprochen wird. Spinoza schließt vom Begriff
auf das Sein. Der logisch begründete Gott existiert und
ist unmittelbar gewiß. Die Attribute, die Spinoza ihm
zuschreibt, das Denken und die Ausdehnung, sind die
Aspekte Gottes, die für den Verstand begreifbar sind,
aber sie treffen nur für Gott zu: seine Ausdehnung ist
unendlich, sonst wäre sie teilbar, er ist nicht ableitbar,
sonst wäre er mittelbar. Teilbarkeit und Ableitbarkeit
kommen nur den Modi seiner göttlichen Attribute zu. Im
allgemeinen glaubt man, die geometrische Methode, die
Spinoza in seiner Philosophie anwandte, habe nur einen
formalen Sinn; er stellte Axiome auf, und aus den Axiomen formte er Lehrsätze. Aber man übersieht, daß ihm
durch seine geometrische Methode weit mehr gelang: der
Gegensatz Gut - Böse wurde überwunden. Der Gott
Spinozas braucht keine Theodizee. Für diesen Gott gibt
es weder das Gute noch das Böse. Gäbe es für ihn diesen
Gegensatz, wäre er wieder persönlich. Beim Menschen
gilt das gleiche, gut und böse sind Attribute - und als
solche vom Wesen sowenig zu trennen wie die Dreieckseigenschaften vom Dreieck.
Spinozas Welt ist mit Begriffen konstruiert, sie ist syntaktisch die begreifbarste aller
erdachten Welten und nur in ihrem Sein unbegreiflich,
denn das Axiom Gott ist nur insofern der Grund dieser
begreifbaren Welt, als diese Welt zu seinem Sein gehört,
wie zum Wesen des Dreiecks seine Eigenschaften gehören.
Diesem Gott schreibt Spinoza eine deterministische,
nicht eine kausale Welt zu: Nur in einer kausalen Welt
ist es sinnvoll, von einer Wirkung auf die Ursache zu
schließen; in einer deterministischen, in einer rein
geometrischen Welt etwa, wäre die Behauptung, das
rechtwinklige Dreieck sei die Ursache des pythagoreischen
Lehrsatzes, Unsinn. Darum lehnt es Spinoza ab, von
einer Schöpfung und einem Schöpfer zu reden. Auch gibt
es keine Willensfreiheit; als Modus der zwei göttlichen
Attribute, als eine vergängliche Spielart derselben, ist der
Mensch determiniert. Ein Mensch, der sich einbildet, er
sei frei, gleicht einem Stein, der zur Erde fällt und glaubt,
er wolle zur Erde fallen. Aber Spinoza war kein Fatalist.
Wenn er auch dem Menschen keinen freien Willen zubilligte,
so doch das Erkenntnisvermögen: Für den denkenden Menschen ist Gott das Gewisseste, das einzige,
woran nicht zu zweifeln ist; gut ist der Wissende,
schlecht der Unwissende, böses Handeln ist falsches,
gutes Handeln ist richtiges Handeln, das Böse ist ebenso
unrichtig wie eine falsche geometrische Lösung. Ein
solches Denken hat seine Konsequenz: Wir haben uns nun
einen Gott vorzustellen, der nicht nur gegen sich selber
Schach spielt, sondern auch selber das Schachspiel ist,
Spielregeln und Spielfeld in einem. Studiert man die
Spielzüge, studien man auch diesen Gott; etwas anderes
als der Determinismus des Spiels ist nicht auszumachen,
über den Spieler gibt es keine Aussage. Um so nachdenklicher
muß es uns daher stimmen, wenn Einstein 1929 auf
die Frage einer Depeschenagentur, ob er an Gott glaube,
antwortete, er glaube an Spinozas Gott, der sich in der
gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbare, nicht an
einen Gott, der sich mit den Schicksalen und
Handlungen der Menschen abgebe. 1932 aufgefordert, über
Spinoza zu schreiben, lehnte es Einstein mit der Begründung
ab, daß niemand dieser Aufgabe gerecht werden könne,
da sie nicht nur Sachkenntnis, sondern auch ungewöhnliche
Lauterkeit, Seelengröße und Bescheidenheit erfordere.
Spinoza sei der erste gewesen, fügte er bei, der den
Gedanken der deterministischen Gebundenheit allen
Geschehens konsequent auf das menschliche Denken,
Fühlen und Handeln angewendet habe. Und in einem Brief
aus dem Jahre 1946 schrieb er: "Spinoza ist einer der
tiefsten und reinsten Menschen, welche unser jüdisches
Volk hervorgebracht hat." 1947 führte er aus, die Idee
eines persönlichen Gottes sei ein anthropologisches
Konzept, das er nicht ernst nehmen könne. Er sei auch nicht
fähig, sich einen Willen oder ein Ziel außerhalb der
menschlichen Sphäre vorzustellen. Seine Überzeugungen
seien denjenigen Spinozas verwandt: Bewunderung für
die Schönheit und Glaube an die logische Einfachheit der
Ordnung und der Harmonie, welche wir demütig und
nur unvollkommen erfassen könnten. Ich sehe nicht ein,
warum wir diese Äußerungen Einsteins weniger wichtig
als seine physikalischen Erkenntnisse nehmen sollten,
weist doch auch seine zweite Eigentümlichkeit, die mir
gleich zu Beginn meiner imaginären Schachpartie mit ihm
auffiel, indirekt darauf hin, wie wesentlich sein Denken
mit jenem Spinozas in Zusammenhang gebracht werden
muß: Einsteins schwankendes Verhältnis zur Mathematik.
Wenn Spinoza glaubte, Denken und Ausdehnung
seien zwei Attribute Gottes, die dem menschlichen
Verstande zwar zugänglich, die aber Gott nicht zu umfassen
vermöchten, weil Gott noch unendlich viele Attribute
besäße, die für den Menschen unerkennbar blieben, so ist
dieser Gott Spinozas - den er ja auch die "Substanz"
nennt, wobei er freilich an nichts Materielles denkt, durchaus mit dem "Ding an sich"
Kants verwandt, worunter ja Kant das Objekt an sich versteht. Nun war es
aber gerade Kants Ansicht, daß nicht die Dinge an sich,
sondern nur deren Erscheinung erkennbar wäre. Auch
neigen wir dazu, Denken und Ausdehnung, die für
Spinoza die beiden uns bekannten Attribute Gottes sind,
anders zu interpretieren: Wer Ausdehnung setzt, setzt
Materie und Raum voraus, wer Denken setzt, setzt Zeit
voraus, denn außerhalb der Zeit fände auch kein Denken
statt. Zeit und Raum jedoch sind vor allem für zwei
Denker wichtig, für Kant und für Einstein. Damit muß
ich mich in meinem Vortrag, den ich so einfach wie
möglich halten wollte, gleich mit zwei der wohl
schwierigsten Denker befassen; wobei ich nicht weiß, welchen
von beiden ich besser mißverstehe. Auf unser
Schachspielgleichnis bezogen: Ich muß mich nun plötzlich nicht
mit Fischer oder Spasskij, sondern mit Fischer und Spasskij messen.
Wenn bei Kant Sinnlichkeit und Verstand die
beiden Stämme unserer Erkenntnis darstellen, die
vielleicht der gleichen Wurzel entspringen, so stellen Raum
und Zeit die notwendigen Formen unserer sinnlichen
Anschauung dar, das apriorische Material, das dem
Verstand ermöglicht, mit Hilfe seiner apriorischen Denkformen
die Mathematik zu konstruieren und physikalische
Zusammenhänge zu erkennen. Kant ersetzt die Metaphysik durch
die Mathematik und durch die Physik. Für
Kant ist der Schluß der Metaphysiker, vom Denken auf
ein Sein, das hinter der Erfahrung liegt, unmöglich: Gott
ist unbeweisbar. Demgegenüber ist die Mathematik möglich, indem sie nur sich ausdrückt, sie ist eine apriorische
Begriffskonstruktion, die nur eine innere Widerspruchsfreiheit erfordert;
und die Möglichkeit der Physik liegt
darin begründet, daß der Verstand der Natur die Gesetze
vorschreibt. Die Natur erscheint in unserem Denken.
Insofern aber die Verstandesgesetze apriorisch
mathematisch sind, erscheinen die empirischen Naturgesetze auch
zwangsläufig in der apriorischen Mathematik. Kants
Physik ist eine Physik der Erscheinung, wobei auch
Raum und Zeit Erscheinungen sind, Grundstrukturen
der Anschauung, gleichsam Erscheinungen hinter den
Erscheinungen. So ist denn auch das Spiel - auf unsere
Schachparabel bezogen - nicht das Spiel, sondern die
Erscheinung des Spiels. Kant interessiert sich nicht dafür,
ob es einen vollkommenen Schachspieler gibt, der die
Partie spielt, oder einen vollkommenen Schiedsrichter,
der die Partie leitet, ob die wirkliche Partie deterministisch
oder kausal gespielt wird, darüber ist denkerisch
nichts auszumachen, auch nicht, ob wirklich die Regeln
streng eingehalten werden, oder ob es uns nur scheint,
daß sie streng eingehalten werden (sie erscheinen
deterministisch kausal, könnte paradox formuliert werden),
oder ob das Spielfeld unendlich ist oder nicht, ob das
Spiel einen Anfang genommen hat oder ob es seit jeher
gespielt wurde, ob es auf ein Schachmatt hinausgeht
oder auf ein Patt. Der Verstand, im Bestreben, diese
Frage zu lösen, stößt auf Antinomien. Im übrigen sind
die Schachregeln nicht durch das Spiel gegeben,
sondern durch unseren Verstand gesetzt, es ist auch kein
anderes Spielfeld denkbar, oder - wie wir vielleicht
genauer sagen müssen - es bestanden zu Zeiten Kants
keine Anhaltspunkte, ein anderes Spielfeld zu denken -
wenn auch die Gleichsetzung des absoluten Raumes
Newtons, der "an sich" ist, mit dem apriorischen Raum
Kants etwas Problematisches hat. Überhaupt sollte man
Kant nicht so sehr nach seinen Erkenntnissen, sondern
nach seinen Ahnungen beurteilen; jedes Bewiesene
widerlegt einmal die Zeit, nur die Ahnungen bleiben.
Der Unterschied zwischen Kant und Einstein besteht
nicht darin, daß der eine einen euklidischen und der
andere einen nicht-euklidischen Raum annahm,
sondern vor allem in der Beziehung, die sie zwischen der
Mathematik und der Wirklichkeit herstellten. In seiner
Schrift "Autobiographisches" schreibt Einstein sein
erkenntnistheoretisches Credo nieder: "Ich sehe",
beginnt er, "auf der einen Seite die Gesamtheit der
Begriffe und Sätze, die in den Büchern niedergelegt sind.
Die Beziehungen zwischen den Begriffen und Sätzen
untereinander sind logischer An, und das Geschäft des
logischen Denkens ist strikte beschränkt auf die Herstellung der Verbindung zwischen Begriffen und Sätzen
untereinander nach festgesetzten Regeln, mit denen sich
die Logik beschäftigt." Die Begriffe und Sätze, fährt er
dann dem Sinne nach fort, erhielten ihren Inhalt nur
durch ihre Beziehung zu den Sinnen-Erlebnissen. Die
Verbindung dieser Sinnen-Erlebnisse zu den durch die
Regeln der Logik verbundenen Begriffen und Sätzen sei
rein intuitiv, nicht selbst logischer Natur. Der Grad der
Sicherheit, mit der diese intuitive Verknüpfung
vorgenommen werden könne, und nichts anderes unterscheide
die leere Phantasterei von der wissenschaftlichen "Wahrheit".
Er fährt dann wörtlich fort: "Das Begriffssystem ist
eine Schöpfung des Menschen, samt den syntaktischen
Regeln, welche die Struktur der Begriffssysteme ausmachen. Die Begriffssysteme sind zwar an sich logisch
gänzlich willkürlich, aber gebunden durch das Ziel, eine
möglichst sichere intuitive und vollständige Zuordnung
zu der Gesamtheit der Sinnen-Erlebnisse zuzulassen;
zweitens erstreben sie möglichste Sparsamkeit in bezug
auf ihre logisch unabhängigen Elemente, auf die Grundbegriffe und Axiome,
das heißt auf die nicht definienen
Begriffe und nicht erschlossenen Sätze. Ein Satz ist richtig,
wenn er innerhalb eines logischen Systems nach den
acceptierten logischen Regeln abgeleitet ist. Ein System
hat Wahrheitsgehalt entsprechend der Sicherheit und
Vollständigkeit seiner Zuordnungs-Möglichkeit zu der
Erlebnis-Gesamtheit. Ein richtiger Satz erborgt seine
"Wahrheit" von dem Wahrheits-Gehalt des Systems, dem
er angehört."
Meine Damen und Herren, ein Gleichnis ist keine Analogie, wohl aber ein Abkürzungsverfahren, um möglichst
verständlich über sehr schwierige Angelegenheiten zu
sprechen; und zu den kompliziertesten Dingen, in die der
Mensch sich verstricken läßt, gehört die Mathematik.
Daß mein Vortrag für Sie und für mich nicht eben leicht
ausfallen würde, wußte ich, deshalb reizte es mich auch,
ihn zu halten; daß ich darin mit dem Schachspielgleichnis
operiere, war ein Einfall, ein dramaturgischer Kniff, auf
den mich die Vertracktheit des Themas brachte; daß sich
Einfälle, wenn überhaupt, erst nachträglich rechtfertigen
lassen, liegt in ihrer Natur; ich atme auf, habe ich doch
noch einmal Glück gehabt. Wenn nämlich Einstein von
einem Begriffssystem als einer menschlichen Schöpfung
redet, die zwar in sich logisch, aber an sich logisch
gänzlich willkürlich sei, so bin ich nicht in der Lage, eine
Aussage darüber zu machen, ob ein Begriffssystem wie
die Mathematik, die in sich logisch ist, an sich logisch
gänzlich willkürlich sei. Als sicher kann ich es jedoch
vom Schachspiel behaupten. Dessen Regeln sind logisch
gänzlich willkürlich, und nicht nur die Regeln, auch die
Spielfläche, während das Spiel in sich logisch ist: Es stellt
eine geistige Auseinandersetzung, die in sich logisch ist,
mit willkürlich gewählten Regeln dar, an die sich die
beiden Gegner halten. Schach ist ein idealisierter Krieg,
es benötigt Taktik, Strategie, kühle Berechnung und
Intuition. Damit sind wir auf das wichtigste Dogma der
Einsteinschen Erkenntnistheorie gestoßen, auf den Glauben,
daß sich die Sinnen-Erlebnisse nur intuitiv, nicht
logisch auf ein in sich logisches, aber an sich logisch
willkürliches Begriffssystem beziehen lassen. Was ist nun
im Schachspiel ein Sinnen-Erlebnis? Ein unerwarteter
gegnerischer Zug, der zu einer im Spielverlauf nicht
vorhergesehenen Konstellation führt. Nun ist die Intuition
ein Begriff aus einem Bereich, den wir im allgemeinen
vom Logischen trennen, aus jenem des Künstlerischen
und des Religiösen. Die Intuition ist das unmittelbare Erfassen ohne Reflexion; im Religiösen bedeutet es
die Eingebung, im Künstlerischen den Einfall, im Schach
einen genialen Zug. Nun ist es natürlich möglich, daß
auch einem gewöhnlichen Spieler ein genialer Schachzug
gelingt, aber wir sprechen dann nicht von Intuition,
sondern von Zufall. Gelingt ihm zum zweiten Mal ein
genialer Zug, reden wir von Glück. Erst wenn ihm oft
geniale Züge gelingen, wird der gewöhnliche Schachspieler
in unseren Augen ein genialer Schachspieler, dem wir
intuitive Spielzüge zutrauen, denn diese geschehen deduktiv
aus einer Vision des gesamten Spielablaufs heraus,
aber sie geschehen nicht außerhalb der Logik. Besser
wäre es, sie als ein logisches Wagnis zu bezeichnen; die
Zeit, sie logisch vollkommen abzusichern, fehlt. Darum
kann ein intuitiver Zug eines genialen Schachspielers sich
im weiteren Verlauf des Spiels doch noch als falsch
erweisen. Daß es aber eine Intuition gänzlich außerhalb
des Logischen gibt, bezweifle ich. Dies vorausgesetzt,
können wir uns ein Schachspiel denken, bei dem Einstein
gegen den Gott Spinozas spielt. Ein Gedankenexperiment,
das ich mir in einem Raum gestatte, in welchem
Gedankenexperimente legitim sind oder es sein sollten,
doch nicht, um Einsteins physikalische Gesetze darzustellen,
sondern um mit Hilfe einer Parabel das Schicksal
seines Denkens nachzuzeichnen. Das Gedankenexperiment
ist nicht ganz einfach. Wenn Spinozas Gott nicht
nur ein vollkommener Schachspieler ist, der gegen sich
selber spielt, sondern auch selber Figuren, Regeln und
Brett in einem darstellt, so wird Einstein, wenn er mit
diesem Gott spielt, selber in das Spiel integriert, er wird
ein Teil des Spiels; der Gott Spinozas spielt mit Einstein
gegen sich selber. Einsteins erkenntnistheoretisches
Credo wird ein metaphysisches, Gottes erstes dem Menschen
zugängliches Attribut, das Denken, entspricht dem
menschlichen Denken. Die Schachregeln und damit das
Schach sind zwar von Gott willkürlich gewählt, aber in
sich logisch, das heißt, aufs Schach bezogen,
deterministisch. Hätte Gott ein Würfelspiel gewählt, wären die
Regeln statistisch. Auch der Mensch hat zu wählen; ob er
richtig wählt, entscheidet das von Gott gewählte Spiel.
Weil sich jedoch fast alle Spielzüge Gottes mit dem
deterministischen menschlichen Schachspiel wiedergeben
lassen, hält Einstein das Schach für das von Gott gewählte
Spiel, es besitzt "Wahrheitsgehalt", und er nimmt die
Partie in der Überzeugung auf, daß auch jene Spielzüge
Gottes, die Sinnen-Eindrücke, die den Spielregeln zu
widersprechen scheinen, sich auf dem Schachbrett
nachspielen lassen; und er beginnt die Partie im Vertrauen,
einer fairen Auseinandersetzung entgegenzugehen; und
wenn sich der gegnerische Läufer auf dem weißen Feld
auf den schwarzen Feldern bewegt und dann wieder auf
den weißen Feldern, oder wenn ein Springer in einem
Spielzug von einem weißen Feld auf ein anderes weißes
Feld hinübersetzt, so weisen diese Phänomene nicht auf
einen göttlichen Fehler hin, sondern auf eine fehlerhafte
Interpretation des göttlichen Spiels. Da sich Gott an die
Schachregeln hält, müssen die beobachteten scheinbaren
Regelwidrigkeiten Gottes bei seinem zweiten Attribut
liegen, bei der Ausdehnung. Dieses Attribut ist etwas
Unbestimmtes. Vielleicht ist es möglich, über dieses
Attribut etwas in Erfahrung zu bringen, indem man das
erste Attribut, das Denken, die Schachregeln, auf das
zweite anwendet. Einstein geht dieser Intuition nach. Er
denkt sich ein Spielfeld aus, auf welchem die beobachteten Unstimmigkeiten der Spielregeln wieder stimmen:
eine Möbius-Fläche, das heißt eine Fläche, bei der man
von der einen Seite auf die andere ohne Überschreitung
des Randes zu gelangen vermag. Auf dieser Spielfläche
lassen sich die Schachzüge Gottes ohne Änderung der
Regeln ausführen: Der weiße Läufer auf dem weißen
Feld bewegt sich bald auf den weißen, bald auf den
schwarzen Feldern. Einstein sieht seinen Glauben
bestätigt: "Der Herrgott ist raffiniert, aber nicht bösartig."
"Die Natur verbirgt ihr Geheimnis durch die Erhabenheit ihres Wesens, nicht durch List." "Das ewig
Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit."
Doch nun wird der Einstein in unserer Parabel mit einer
neuen Konzeption konfrontiert. Hat Kant in unserem
Gleichnis nicht nur die Unbeweisbarkeit eines vollendeten
Schachspielers oder eines persönlichen Schiedsrichters bewiesen, sondern es auch abgelehnt,
dem Schachspiel außerhalb der menschlichen Vernunft Objektivität
zuzuschreiben, so stellt sich auf einmal die Frage, ob die
kausale Schachpartie, in der die Spielfiguren selber spielen,
überhaupt möglich sei. Gleichgültig, ob man sich die Partie
kausal denkt, als eine Folge von Ursachen und Wirkungen,
oder deterministisch, als eine Kette von Gedankenfolgerungen,
muß jemand das Spiel außerhalb der Partie
selber spielen, ob mit oder ohne Gegner, ist bedeutungslos.
Aber die Schachfiguren selber sind innerhalb der
Partie, für sie stellt sich das Spiel ganz anders dar, sie
schlagen Figuren und werden von Figuren geschlagen, sie
sind in eine unbarmherzige Schlacht verwickelt, sie können
nichts vom Schlachtplan wissen, der sie lenkt, wenn
es ihn überhaupt gibt; dieses anzunehmen, verwickelt im
Schlachtengetümmel, ist reine Metaphysik, jeder schlägt
sich nach seinen Regeln durch, der Bauer nach den
Bauernregeln, ein Turm nach den Turmregeln usw., aus
der Erfahrung wissen die Schachfiguren mit der Zeit, wie
sich die anderen verhalten, aber ihr Wissen ist nutzlos:
eine unvorstellbare Anzahl verschiedener Positionen ist
möglich, eine Übersicht nur hypothetisch anzunehmen,
die Zufälle häufen sich ins Unermeßliche, die Fehler ins
Unglaubliche; eine Welt der Unglücksfälle und Katastrophen
tritt an die Stelle eines kausalen oder deterministischen Systems.
Dieser Partie ist nur noch mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen beizukommen, mit Statistik.
Meine Damen und Herren, ein Gleichnis sollte nicht zu
sehr strapaziert werden. Wenn sich Einstein mit dem
Bruch, der durch die Physik geht, nie zufriedengab,
wenn ihn die komplementären Beschreibungen störten,
die auf seine Interpretation des Quantenbegriffs aus dem
Jahre I905 zurückgehen, wenn er vier Jahre vor seinem
Tod an seinen Freund Besso schrieb: "Die ganzen 50
Jahre bewußter Grübelei haben mich der Antwort der
Frage: Was sind Lichtquanten? nicht nähergebracht.
Heute glaubt zwar jeder Lump, er wisse es, aber er
täuscht sich", wenn Einstein schließlich den Widerspruch
nur als vorläufig hinnahm, der darin liegt, daß sich die
Gesetze des Makrokosmos deterministisch, jene des
Mikrokosmos statistisch wiedergeben lassen, so ist diese
Haltung in Einsteins Denken begründet: ob die Komplementarität,
die wir heute in der Physik vorfinden, nicht
dem menschlichen Denken selber anhaftet; ob wir nicht
zwangsläufig immer wieder auf Antinomien stoßen, ist
eine andere Frage. Einsteins Glaube, daß Gott nicht
würfle - wie er seinen Einwand gegen die Quantenmechanik
formulierte -, und seine Überzeugung, daß die
Naturgesetze durch Intuition und nicht notwendigerweise
wie bei Kant mathematisch beschreibbar seien, sind
eins, der Ausdruck desselben einheitlichen Denkens. Die
Intuition, nicht die Logik, ist sein Schicksal, genauer das
logische Abenteuer, nicht die logische Absicherung. Einstein akzeptierte nicht, er rebellierte. In Bern, als Angestellter
3. Klasse des Eidgenössischen Patentamtes, in
dessen Räumen nächstens die großen Feierlichkeiten zu
seinem 100. Geburtstag stattfinden werden - und wo
anders könnten sie stattfinden? -, kam er mit sehr wenigen
mathematischen Begriffen aus; er war ein rein physikalischer
Denker, beeinflußt von David Hume und Ernst
Mach. Doch je mehr Einstein weiterdrang, desto
notwendiger wurde für ihn die Mathematik. Sein Schritt von
der speziellen zur allgemeinen Relativitätstheorie, die
exakte Formulierung des Zusammenhangs zwischen
Relativität und Gravitation, erwies sich mathematisch als
so schwierig, daß sie nach siebenjähriger Arbeit nur
durch die Hilfe von Mathematikern wie Großmann und
Minkowski möglich wurde, bis er, dreißig Jahre eine
allgemeine Feldtheorie um die andere entwerfend und
verwerfend, im Alter verzweifelt ausrief: "Ich brauche
mehr Mathematik." Gelangte er vom Empirischen durch
Intuition zum Apriorischen, versuchte er nun, durch
Intuition vom Apriorischen zum Empirischen zu gelangen.
Ob nämlich die vollständige Geometrisierung der
physikalischen Phänomene an sich möglich sei oder, wie
Einstein sich ausdrückt, ob sich der Weg einer erschöpfenden
Darstellung der physischen Realität auf der Grundlage
des Kontinuums überhaupt als gangbar erweisen werde,
ist eine mathematische und damit apriorische Frage, die
jedoch nur vom Empirischen beantwonet werden kann.
"Noch etwas anderes", schreibt Einstein, "habe ich aus
der Gravitationstheorie gelernt: Eine noch so umfangreiche Sammlung empirischer Fakten kann nicht zur
Aufstellung so verwickelter Gleichungen führen. Eine
Theorie kann an der Erfahrung geprüft werden, aber es
gibt keinen Weg von der Erfahrung zur Aufstellung einer
Theorie. Gleichungen von solcher Kompliziertheit wie
die Gleichungen des Gravitationsfeldes können nur
dadurch gefunden werden, daß eine logisch einfache
mathematische Bedingung gefunden wird, welche die
Gleichungen völlig oder nahezu determiniert. Hat man
aber jene hinreichend starken formalen Bedingungen, so
braucht man nur wenig Tatsachen-Wissen für die Aufstellung der Theorie.
"Nun weist aber die Mathematik als
der exakteste Ausdruck der menschlichen Phantasie, und
unbeschränkt in ihrer Fähigkeit zur Fiktion, zwei Aspekte auf:
einen logisch-apriorischen und einen ästhetischen. Der logisch-apriorische ermöglichte es ihr, das
gewaltige Gedankengebäude zu errichten, an welchem sie
immer noch weiterbaut, ihre Ästhetik befähigt sie, unberührt vom Empirischen zu operieren; die Schönheit der
Mathematik liegt in ihrer Idealität. " Nicht umsonst hat
Platon ihr das Reich der Ideen zugeteilt, das Reich der
Vorbilder, von denen die Körperwelt nur das Reich der
Abbilder darstellt. Durch die Mathematik, die man an
sich für widerspruchsfrei und also für "wahr" hielt,
wurde vor allem die mystische Philosophie in Versuchung geführt, das "Ding an sich" in Zahlen oder in
geometrischen Formen zu sehen, die Mathematik mit der
Metaphysik zu verwechseln. Ließe sich der Versuch Einsteins einer erschöpfenden Darstellung der physischen
Realität auf der Grundlage des Kontinuums, oder der
entgegengesetzte Versuch, von den Elementaneilchen
her zu einer umfassenden Formel zu gelangen, verwirklichen,
würde die Physik zu einem Sonderfall der Mathematik, damit aber auch zu einer reinen Ästhetik; als
solche hätte sie außerdem den Anspruch, als Metaphysik
zu gelten: Der alte Traum hätte sich erfüllt, die Ästhetik
und die Metaphysik, die Schönheit und die Wahrheit,
seien eins. So ist denn auch Einsteins Festhalten an einem
kontinuierlichen physikalischen Weltbild nicht nur ästhetisch,
sondern auch metaphysisch mitbegründet; über
das Bohrsche Atommodell urteilt er im Alter, es sei für
ihn noch heute die höchste Musikalität auf dem Gebiete
des Gedankens. Und ein Gott, der würfelt, hat für ihn in
einer kontinuierlichen und deterministischen Welt nichts
zu suchen. Er bedeutet das Chaos, das der Jude Einstein
wie der Jude Spinoza ablehnen. Die Rebellion gegen das
Chaos, einst verkörpert durch einen unberechenbaren,
nur durch strenge Gesetzestreue zu besänftigenden Gott,
ist eine eminent jüdische Rebellion. Aber Einstein
schließt auch die Reihe der Denker ab, welche die Metaphysik
wieder zu ermöglichen versuchten, nachdem Kant
sie widerlegt hatte. Jaspers weist darauf hin, daß sich die
Philosophen des deutschen Idealismus an Spinoza entzündet haben.
Für Hegel war der Spinozismus der
wesentliche Anfang des Philosophierens. Von Einstein
darf man vielleicht sagen, daß er, von Kant entzündet,
sich zu Spinoza hin entwickelte. 1918, bei der offiziellen
Feier zu Plancks 60. Geburtstag, führte er unter anderem
aus: "Der Mensch sucht in irgendwie adäquater Weise ein
vereinfachtes und übersichtliches Bild der Welt zu gestalten
und so die Welt des Erlebens zu überwinden, indem
er sie bis zu einem gewissen Grad durch dies Bild zu
ersetzen strebt. Dies tut der Maler, der Dichter, der
spekulative Philosoph und der Naturforscher, jeder in
seiner Weise ... Höchste Aufgabe des Physikers ist also
das Aufsuchen jener allgemeinsten elementaren Gesetze,
aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist.
Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg,
sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition. . . Die Sehnsucht nach
dem Schauen jener prästabilienen Harmonie ist die Quelle der unerschöpflichen Ausdauer und Geduld, mit der
wir Planck den allgemeinen Problemen unserer Wissenschaft sich hingeben sehen ... Der Gefühlszustand, der
zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen
oder Verliebten ähnlich: das tägliche Streben entspricht
keinem Vorsatz oder Programm, sondern einem unmittelbaren Bedürfnis..."
Meine Damen und Herren, diese Worte Einsteins sind
einfache Worte. Aber Einstein hat das Recht, einfache
Worte zu gebrauchen. Auch seine berühmte Gleichung,
Energie gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat, E = mc2, ist einfach und in ihrer Einfachheit von
bestechender Schönheit. Doch welch ein Denken ist dahinter
verborgen, nicht nur das Denken eines Einzelnen, mehr
noch das Denken vieler Jahrhunderte, und darüber hinaus
versinnbildlicht sie ein Denken, das mehr als jedes andere
Denken die Welt veränderte, kosmologisch, indem es nicht,
wie Einstein hoffte, zum Schauen der prästabilienen
Harmonie führte, sondern zur Vision einer prästabilienen
Explosion, zu einem monströsen auseinanderfegenden
Weltall voller Supernovae, Gravitationskollapse, Schwarzer
Löcher, zu einem Universum der Weltuntergänge, das sich von Jahr zu Jahr unheimlicher,
ja tückischer zeigt, wie man versucht ist zu personifizieren;
ontologisch, was die Existenz des Menschen auf unserem
Planeten betrifft, indem dessen Welt, die Einstein als
"Begreiflichkeit" bewunderte, derart handfest begreifbar,
hantierbar wurde, daß sich die Menschheit schließlich
vor die Frage gestellt sah, ob sie sich der Vernunft
unterwerfen oder ihren Untergang herbeiführen wolle.
Daß dieses Weltbild, in das wir hineingezeichnet sind,
gerade noch als lächerliches Gekritzel in irgendeiner
Weltecke erkennbar, daß dieses ungeheuerliche
Labyrinth, in welchem wir immer hilfloser und hoffnungsloser
herumtappen, nicht zuletzt von einem Menschen
stammt, der die Gabe besaß, einfach zu reden, gerade
deshalb, weil er wie kaum ein anderer vor ihm ins
Unanschauliche vorstieß, gehört zu der Paradoxie
unserer Zeit. Um so ernsthafter haben wir darum Einstein zu
nehmen, wenn er I947 schreibt, er glaube, daß wir uns
mit unserer unvollständigen Erkenntnis und Einsicht
begnügen und moralische Werte und Pflichten als rein
menschliche Probleme - die wichtigsten aller menschlichen Probleme -
sehen müßten. Es gibt, muß beigefügt
werden, keine Probleme, die nicht menschliche Probleme
sind, auch die mathematischen und physikalischen sind
solche. So führt denn auch zu Einstein kein anderer Weg
als der des Denkens. Hier entscheidet sich sein und unser
Schicksal. Er wird heute der klassischen Physik zugeordnet.
Das immer wieder gescheiterte Experiment Michelsons
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, das den Äther
beweisen sollte, bewies, daß es keinen Äther gibt: Die
Relativitätstheorie kommt denn auch ohne Äther aus.
Vielleicht ist das Scheitern des Versuchs Einsteins, eine
allgemeine Feldtheorie aufzustellen, für die Physik sein
wichtigster Beitrag. Die heutige Physik arbeitet mit
Mitteln und technischen Anlagen, die Einstein nie zur Verfügung standen.
Die Entdeckungen in den gigantischen
Synchrotronen jagen sich, immer kleinere Elementarteilchen werden von Computern aufgespürt -
und bald auch
von Computern interpretiert; man hofft, das endlich
wirklich Unzusammengesetzte zu finden, das unteilbare
Atom der Griechen, den physischen und metaphysischen Punkt in einem, von dem aus die Welt aufzubauen
und gar umzubauen wäre. Scheitert dieses faustische
Unternehmen, wäre dieses Scheitern jämmerlicher als das
einsame Scheitern Einsteins. Denn sein Scheitern war
grandios, er besaß nichts als seinen Schreibtisch. Aber
er bewies vielleicht als erster, wenn auch gegen seine
Vision, daß es keine einheitliche Methode geben kann.
Hermann Weyl, auch er einmal Professor der Eidgenössischen
Technischen Hochschule, schrieb: "In der Doppelnatur des Wirklichen ist es begründet, daß wir ein
theoretisches Bild des Seienden nur entwerfen können
auf dem Hintergrund des Möglichen." Das heißt wohl
nichts anderes, als daß wir die Erscheinungen nie zu
durchstoßen vermögen. Meine Damen und Herren, ich
danke für Ihre Aufmerksamkeit. Es ist möglich, daß Sie
von mir einen etwas anderen Vortrag erwartet haben.
Aber wer sich mit Einstein beschäftigt, muß sich ihm
stellen, den Irrtum nicht fürchtend. Ihn zu belächeln, ist Ihr Recht, ihn zu begehen, das meine.
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