|
AUTOBIOGRAPHISCHES
|
Vom Anfang her
1957
Ich wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen (Kanton
Bern) geboren. Mein Vater war Pfarrer, mein Großvater
väterlicherseits Politiker und Dichter im großen Dorfe
Herzogenbuchsee. Er verfaßte für jede Nummer seiner
Zeitung ein Titelgedicht. Für ein solches Gedicht durfte
er zehn Tage Gefängnis verbringen. "Zehn Tage für zehn
Strophen, ich segne jeden Tag", dichtete er darauf. Diese
Ehre ist mir bis jetzt nicht widerfahren. Vielleicht liegt es
an mir, vielleicht ist die Zeit so auf den Hund gekommen,
daß sie sich nicht einmal mehr beleidigt fühlt, wenn mit
ihr aufs allerschärfste umgesprungen wird. Meine Mutter
(der ich äußerlich gleiche) stammt aus einem schönen
Dorfe nahe den Bergen. Ihr Vater war Gemeindepräsident und Patriarch. Das Dorf, in welchem ich geboren
wurde und aufwuchs, ist nicht schön, ein Konglomerat
von städtischen und dörflichen Gebäuden, doch die kleinen Dörfer, die es umgeben und die zur Gemeinde
meines Vaters gehörten, waren echtes Emmental und wie
von Jeremias Gotthelf beschworen (und so ist es noch
heute). Es ist ein Land, in welchem die Milch die Hauptrolle spielt. Sie wird von den Bauern in großen Kesseln
nach der Milchsiederei, einer großen Fabrik mitten im
Dorfe, der Stalden AG, gebracht. In Konolfingen erlebte
ich auch meine ersten künstlerischen Eindrücke. Meine
Schwester und ich wurden vom Dorfmaler gemalt. Stundenlang malte und zeichnete ich von nun an im Atelier
des Meisters. Die Motive Sintfluten und Schweizerschlachten. Ich war ein kriegerisches Kind. Oft rannte
ich als Sechsjähriger im Ganen herum, mit einer langen
Bohnenstange bewaffnet, einen Pfannendeckel als Schild,
um endlich meiner Mutter erschöpft zu melden, die
Österreicher seien aus dem Ganen gejagt. Wie sich meine
kriegerischen Taten aufs Papier verzogen und immer
grausamere Schlachten die geduldige Fläche bedeckten,
wandte sich meine Mutter verängstigt an den Kunstmaler
Kuno Amiet, der die blutrünstigen Blätter schweigend
betrachtete, um endlich kurz und bündig zu uneilen: Der
wird Oberst. Der Meister hat sich in diesem Fall geirn:
Ich brachte es in der schweizerischen Armee nur zum
Hilfsdienst-Soldaten und im Leben nur zum Schriftstel-
ler. Die weiteren Wege und Irrwege, die mich dazu
fühnen, will ich hier nicht beschreiben. Doch habe ich in
meine heutige Tätigkeit aus der Welt meiner Kindheit
Wichtiges herübergerettet: Nicht nur die ersten Eindrükke, nicht nur das Modell zu meiner heutigen Welt, auch
die "Methode" meiner Kunst selbst. Wie mir im Atelier
des Dorfkünstlers die Malerei als ein Handwerk gegenübenrat, als ein Hantieren mit Pinsel, Kohle und Feder
usw., so ist mir heute die Schriftstellerei ein Beschäftigen
und Experimentieren mit verschiedenen Materien geworden. Ich schlage mich mit Theater, Rundfunk, Romanen
und Fernsehen herum, und vom Großvater her weiß ich,
daß Schreiben eine Form des Kämpfens sein kann.
Dokument
1965
Die Geschichte meiner Schriftstellerei ist die Geschichte
meiner Stoffe, Stoffe jedoch sind verwandelte Eindrücke.
Man schreibt als ganzer Mann, nicht als Literat oder gar
als Grammatiker, alles hängt zusammen, weil alles in
Beziehung gebracht wird, alles kann so wichtig werden,
bestimmend, meistens nachträglich, unvermutet. Sterne
sind Konzentrationen von interstellarer Materie, Schriftstellerei die Konzentration von Eindrücken. Keine Ausflucht ist möglich. Als Resultat seiner Umwelt hat man
sich zur Umwelt zu bekennen, doch prägen sich die
entscheidenden Eindrücke in der Jugend ein, das Grausen blieb, das mich erfaßte, wenn der Gemüsemann in
seinem kleinen Laden unter dem Theatersaal mit seinem
handlosen Arm einen Salatkopf auseinanderschob. Solche Eindrücke formen uns, was später kommt, trifft
schon mit Vorgeformtem zusammen, wird schon nach
einem vorbestimmten Schema verarbeitet, zu Vorhandenem einverleibt, und die Erzählungen, denen man als
Kind lauschte, sind entscheidender als die Einflüsse der
Literatur. Rückblickend wird es uns deutlich. Ich bin
kein Dorfschriftsteller, aber das Dorf brachte mich hervor, und so bin ich immer noch ein Dörfler mit einer
langsamen Sprache, kein Städter, am wenigsten ein
Großstädter, auch wenn ich nicht mehr in einem Dorfe
leben könnte.
Das Dorf selbst entstand, wo die Straßen Bern-Luzern
und Burgdorf-Thun sich kreuzen; auf einer Hochebene,
am Fuße eines großen Hügels und nicht weit vom Galgenhubel, wohin die vom Amtsgericht einst die Mörder
und Aufwiegler gekarn haben sollen. Durch die Ebene
fließt ein Bach, und die kleinen Bauerndörfer und Weiler
auf ihr brauchten einen Mittelpunkt, die Aristokraten
ringsherum waren verarmt, ihre Sitze wandelten sich in
Alters- oder Erholungsheime um. Zuerst war an der
Straßenkreuzung wohl nur ein Winshaus, dann fand sich
ihm schräg gegenüber die Schmiede ein, später belegten
die beiden anderen Felder des Koordinatenkreuzes Konsum und Theatersaal, letzterer nicht unwichtig, wies
doch das Dorf einen bekannten Dramatiker auf, den
Lehrer Gribi, dessen Stücke von den dramatischen Vereinen des ganzen Emmentals gespielt wurden, und sogar
einen Jodlerkönig, der Schmalz hieß. Der Thunstraße
entlang siedelten sich der Drucker, der Textilhändler, der
Metzger, der Bäcker und die Schule an, die freilich schon
gegen das nächste Bauerndorf zu, dessen Burschen mich
auf dem Schulweg verprügelten und dessen Hunde wir
fürchteten, während das Pfarrhaus, die Kirche, der
Friedhof und die Ersparniskasse auf einer kleinen Anhöhe zwischen der Thun- und der Bernstraße zu liegen
kamen. Doch erst die große Milchsiederei, die Stalden
AG, an der steil ansteigenden Burgdorfstraße errichtet,
machte das Dorf zu einem ländlichen Zentrum, die Milch
der ganzen Umgebung wurde hergeschleppt, auf schweren Lastwagen, die wir in Gruppen erwaneten, als wir
später nach Großhöchstetten in die Sekundarschule mußten, an die wir uns hängten, um so auf unseren Velos die
Burgdorfstraße hinaufgezogen zu werden, voller Furcht,
jedoch nicht vor der Polizei, dem dicken Dorfpolizisten
fühlten sich alle gewachsen, sondern vor dem Französisch- und Schreiblehrer, den wir Baggel nannten, vor
dessen Lektionen wir zittenen, war er doch ein bösaniger Prügler, Klemmer und Haarzieher, der uns auch
zwang, einander die Hände zu schütteln: Grüß Gott
gelehner Europäer, und aneinandergehängt hinter dem
rasselnden Lastwagen mit den tanzenden, am Morgen
leeren Milchkesseln, malten wir uns den Lehrer als einen
riesigen Berg aus, den wir zu besteigen hatten, mit
grotesken Onsbezeichnungen und entsprechend schwierigen Kletterpanien. Doch das war schon kurz bevor ich in
die Stadt zog, der Bahnhof ist in meiner Erinnerung
wichtiger als die Milchsiederei mit ihrem Hochkamin,
das mehr als der Kirchturm das Wahrzeichen des Dorfes
war. Er hatte das Recht, sich Bahnho£ zu nennen, weil er
ein Eisenbahnknotenpunkt war, und wir vom Dorfe
waren stolz darauf: Nur wenige Züge hatten den Mut,
nicht anzuhalten, brausten vorbei nach dem fernen Luzern, nach dem näheren Bern, auf einer Bank vor dem
Bahnhofgebäude sitzend sah ich ihnen oft mit einer Mischung von Sehnsucht und Abscheu entgegen, dann
dampften sie vorüber und davon. Aber noch weiter
zurück gleitet die Erinnerung in die Unterführung, dank
deren die Bahngeleise die Burgdorfstraße überbrücken
und von der aus man auf einer Treppe geradewegs zum
Bahnhof gelangt. Sie stellt sich mir als eine dunkle Höhle
dar, in die ich als Dreijähriger geraten war, mitten auf der
Straße, von zu Hause ins Dorf entwichen; am Ende der
Höhle war Sonnenlicht, aus dem die dunklen Schatten
der Autos und Fuhrwerke heranwuchsen, doch ist nicht
mehr auszumachen, wohin ich eigentlich wollte, denn
durch die Unterführung gelangte man nicht nur zur
Milchsiederei und zum Bahnhof, auch die besseren Leute
hatten sich am Steilhang des Ballenbühls angesiedelt, so
meine Gotte, welche die Gattin des Dorfarztes war, der
ich später meine nie befriedigenden Schulzeugnisse zur
Einsicht bringen mußte, der Kirchgemeindepräsident
und außerdem der Zahnarzt und der Zahntechniker. Die
beiden betrieben das Zahnärztliche Institut, das noch
heute weite Teile des Landes malträtiert und den On
berühmt macht. Die beiden besaßen Automobile und
waren schon deshalb privilegiert, und des Abends schütteten sie das mit Plombieren, Zahnziehen und Gebißverfertigen gewonnene Geld zusammen, um es mit bloßer
Hand zu teilen, ohne noch genauer abzuzählen. Der
Zahntechniker war klein und dick, mit Fragen der Volksgesundheit beschäftigt, ließ er ein Volksbrot verfertigen,
vor dem einen das kalte Grauen überkam, der Zahnarzt
jedoch war ein stattlicher Mann, dazu Welschschweizer,
wohl Neuenburger. Er galt als der reichste Mann im
ganzen Amtsbezirk; später sollte sich diese Meinung als
tragischer Irrtum erweisen. Aber sicher war er der
frömmste, redete er doch als Mitglied einer extremen
Sekte noch während des Bohrens von Christus, und
wurde er doch im Glaubenseifer nur noch von einer
hageren Frau unbestimmten Alters erreicht, die sich stets
schwarz kleidete, zu der freilich die Engel nach ihrer
Behauptung niederstiegen, die noch während des Melkens die Bibel las und zu der ich nachts vom Pfarrhaus
über die Ebene die Hausierer und Vaganten zum Übernachten bringen mußte, denn meine Eltern waren gastliche Pfarrsleute und wiesen niemanden ab und ließen
mitessen, wer mitessen wollte, so die Kinder eines Zirkusunternehmens, welches das Dorf jährlich besuchte,
und einmal fand sich auch ein Neger ein. Er war tiefschwarz, saß am Familientisch links neben meinem Vater
und aß Reis mit Tomatensoße. Er war bekehn, aber
dennoch fürchtete ich mich. Überhaupt wurde im Dorfe
viel bekehrt. Es wurden Zeltmissionen abgehalten, die
Heilsarmee rückte auf, Sekten bildeten sich, Evangelisten
predigten, aber am berühmtesten wurde der On in dieser
Hinsicht durch die Mohammedaner-Mission, die in einem
feudalen Chalet hoch über dem Dorfe residiene, gab
sie doch eine Weltkane heraus, auf der in Europa nur ein
On zu finden war, das Dorf, eine missionarische Wichtigtuerei, die den Wahn erzeugte, sich einen Augenblick
lang im Mittelpunkt der Welt angesiedelt zu fühlen und
nicht in einem Emmentaler Kaff. Der Ausdruck ist nicht
übenrieben. Das Dorf war häßlich, eine Anhäufung von
Gebäuden im Kleinbürgerstil, wie man das überall im
Mittelland findet, aber schön waren die umliegenden
Bauerndörfer mit den großen Dächern und den sorgfältig
geschichteten Misthaufen, geheimnisvoll die dunklen
Tannenwälder ringsherum, und voller Abenteuer war die
Ebene mit dem sauren Klee in den Wiesen und mit den
großen Kornfeldern, in denen wir herumschlichen, tief
innen unsere Nester bauend, während die Bauern an den
Rändern standen und fluchend hineinspähten. Doch
noch geheimnisvoller waren die dunklen Gänge im Heu,
das die Bauern in ihren Tennen aufgeschichtet hatten,
stundenlang krochen wir in der warmen, staubigen Finsternis herum und spähten von den Ausgängen in den
Stall hinunter, wo in langen Reihen die Kühe standen.
Der unheimlichste Ort jedoch war für mich der obere
fensterlose Estrich im Elternhaus. Er war voll alter Zeitungen und Bücher, die weißlich im Dunkeln schimmerten. Auch erschrak ich einmal in der Waschküche, ein
unheimliches Tier lag don, ein Molch vielleicht, während
der Friedhof ohne Schrecken war. In ihm spielten wir oft
Verstecken, und war ein Grab ausgehoben, richtete ich
mich darin häuslich ein, bis der herannahende Leichen-
zug, vom Glockengeläute angekündigt, mich venrieb.
Denn nicht nur mit dem Tode waren wir vertraut, auch
mit dem Töten. Das Dorf kennt keine Geheimnisse, und
der Mensch ist ein Raubtier mit manchmal humanen
Ansätzen, beim Metzger müssen die fallengelassen werden. Wir schauten oft zu, wie die Schlächtergesellen
töteten, wir sahen, wie das Blut aus den großen Tieren
schoß, wir sahen, wie sie starben und wie sie zerlegt
wurden. Wir Kinder schauten zu, eine Vienelstunde,
eine halbe Stunde, und dann spielten wir wieder auf dem
Gehsteig mit Marmeln.
Doch das genügt nicht. Ein Dorf ist nicht die Welt. Es
mögen sich in ihm Lebensschicksale abspielen, Tragödien
und Komödien, das Dorf wird von der Welt bestimmt, in
Ruhe gelassen, vergessen oder vernichtet, und nicht umgekehn. Das Dorf ist ein beliebiger Punkt im Weltgan-
zen, nicht mehr, durch nichts bedeutend, zufällig, auszuwechseln. Die Welt ist größer als das Dorf. Über den
Wäldern stehen die Sterne. Ich machte mit ihnen früh
Bekanntschaft, zeichnete ihre Konstellationen: den unbeweglichen Polarstern, den kleinen und den großen Bären
mit dem geringelten Drachen zwischen ihnen, ich lernte
die helle Wega kennen, den funkelnden Atair, den nahen
Sirius, die ferne Deneb, die Riesensonne Aldebaran, die
noch gewaltigeren Beteigeuze und Antares, ich wußte,
daß das Dorf zur Erde und die Erde zum Sonnensystem
gehöre, daß die Sonne mit ihren Planeten sich um das
Zentrum der Milchstraße bewege Richtung Herkules,
und ich vernahm, daß der gerade noch von bloßem Auge
erkennbare Andromedanebel eine Milchstraße sei wie die
unsrige. Ich war nie ein Ptolemäer. Vom Dorfe aus
kannte ich die nähere Umgebung, ferner die nahe Stadt,
einen Ferienkuron auch in den nahen Bergen, darüber
hinaus einige Kilometer Schulreisen, das war alles, doch
nach oben, in den Raum hinein, baute sich ein Gerüst
von ungeheuerlichen Entfernungen auf, und so war es
auch mit der Zeit: Das Entfernte war wirksamer als das
Unmittelbare. Das Unmittelbare wurde nur wahrgenommen, soweit es in das Erfaßbare dringen konnte, als das
reale Leben des Dorfes; schon die Dorfpolitik war zu
abstrakt, noch abstrakter die Politik des Landes, die
sozialen Krisen, die Bankzusammenbrüche, bei denen
die Eltern ihr Vermögen verloren, die Bemühungen um
den Frieden, das Aufkommen der Nazis, zu unbestimmt,
zu bildlos alles, aber die Sintflut, die war faßbar, ein
plastisches Ereignis, Gottes Zorn und Wasserlassen, den
ganzen Ozean kippte er über die Menschheit aus, nun
schwimmt mal, und dann der mutige David, der prahlende Goliath, die Abenteuer des Herkules, des stärksten
Mannes, den es je gab, der königliche Theseus, der
Trojanische Krieg, die finsteren Nibelungen, der strahlende Dietrich von Bern, die tapferen Eidgenossen, die
Österreicher zusammendreschend und bei St. Jakob an
der Birs einer unermeßlichen Übermacht erliegend, alles
zusammengehalten, der Mutterschoß des Dorfes und die
wilde Welt des Draußen, der Geschichte und der Sagen,
die gleich wirklich waren, aber auch die unermeßlichen
Gestalten des Alls durch einen schemenhaften Lieben
Gott, den man anbeten, um Verzeihung bitten mußte,
von dem man aber auch das Gute, das Erhoffte und
Gewünschte erwarten durfte als von einem rätselhaften
Überonkel hinter den Wolken. Gut und Böse waren
festgesetzt, man stand in einem ständigen Examen, für
jede Tat gab es gleichsam Noten, und darum war die
Schule auch so bitter: Sie setzte das himmlische System
auf Erden fort, und für die Kinder waren die Erwachsenen Halbgötter. Schrecklich-schönes Kinderland: Die
Welt der Erfahrung war klein, ein läppisches Dorf, nicht
mehr, die Welt der Überlieferung war gewaltig, schwimmend in einem rätselhaften Kosmos, durchzogen von
einer wilden Fabelwelt von Heldenkämpfen, durch
nichts zu überprüfen. Man mußte diese Welt hinnehmen.
Man war dem Glauben ausgeliefert, schutzlos und nackt.
|
|
|
|