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EIN ENGEL KOMMT NACH BABYLON

   In einer Einführung zu der Zürcher Aufführung von "Ein Engel kommt nach Babylon" im Jahre 1954 (die Uraufführung hatte kurz vorher, am 22. Dezember 1953 in den Münchner Kammerspielen stattgefunden) bezeichnete der Dichter dieses Stück als "eine Art Anti-Mississippi", nicht wie dieser "ins Blaue hinein" geschrieben, sondern einfach auf die Bühnengestalt bezogen. Deshalb sei auch die Sprache in dem neuen Stück "prosaisch". Das ist eine seltsame Äußerung. Denn der Erinnerung will es so scheinen, als sei der Engel das vielleicht unprosaischste Stück des Dichters - von den beiden ersten Dramen abgesehen. Nicht nur daß Dürrenmatt hier die Form der Makame meisterlich verwendet hat, auch die Worte des Engels sind, als aus einer anderen, frei- lich, menschlich gesehen, ahnungslosen Welt stammend, durchaus aus dem Bezirk des Poetischen. Nicht das aber ist so erstaunlich und aufschlußreich an jener Bemerkung des Dichters, sondern daß er ganz offensichtlich die Sprache des Mississippi nicht als Prosa gewertet sehen will. Prosa ist für ihn also die flüssige Umgangssprache, während die durch und durch parodistisch gefaßte Rede des Mi.rrissippi als eine Sprache anderer Ebene vielleicht nicht als poetisch, wohl aber als gegenprosaisch bezeichnet werden soll. "ns Blaue hinein"sei der Mississippi geschrieben, das heißt, die Figuren weiten sich so aus, wie es die Perspektiven der Kulissen nach der frühen Absicht des Dichters hätten tun sollen. Hier im Engel ist solche Ausweitung nicht beabsichtigt, die Gestalt bleibt gesammelt in ihrem Umriß, Weite liegt im Bühnenhintergrund, diesem Andromedanebel, der den Himmel vertritt - und zwar sichtbar vertritt. ".. den Himmel könnte man einfach mit einem dunklen Hintergrund wiedergeben, als Ahnung seiner Unendlichkeit, doch, da es mir in meiner Komödie darum geht, den Himmel nicht so sehr als einen Ort des Unendlichen, sondern des Unbegreiflichen, des ganz anderen einzusetzen, schreibe ich vor, daß den Hinter- grund der Bühne ... ein Riesenbild des Andromedanebels einnehmen müsse ... Damit versuche ich zu erreichen, daß der Himmel, das Unbegreifliche, Unerforschliche, auf der Bühne Gestalt annimmt, Theatergestalt. Auch wird damit das Heranrücken des Himmels gegen die Erde hin deutlich ... eine Welt konstruiert, in der das Resultat der Handlung, der Turmbau zu Babel, möglich wird" heißt es in den Theaterproblemen.

    Dürrenmatt hat dieses Werk anfänglich einfach als Komödie in drei Akten bezeichnet. Jetzt nennt er es "eine fragmentarische Komödie"; er versucht derart das, was allenfalls als Mangel des Werks bezeichnet werden könnte, sein Einmünden in ein größeres, nur angedeutetes Thema, den Turmbau zu Babel, einzuordnen in seine Anlage und diesem Einwand die Spitze abzubrechen. Schon anläßlich jener erwähnten Einführung hatte Dürrenmatt von diesem Turmbau-Stück gesprochen, das ihn seit 1948 näher beschäftigt habe und dessen Welt ihm seit seiner Kindheit lockend gewesen sei. Doch habe es sich erwiesen, daß dieses Thema, wenn überhaupt, höchstens in einer Trilogie zu bändigen wäre. In seiner ihm eigenen Fabulierlust hatte damals der Dichter erzählt, wie dieses Riesenwerk etwa verlaufen sollte: Nebukadnezar hätte diesen Turm bauen wollen, um sich am Himmel zu rächen und ihn zu erobern. Dabei wären die Menschen im Maße, wie der Turm gewachsen wäre, immer kleiner geworden, um zuletzt zu der Unbeträchtlichkeit bloßer Masken zu verblassen. Gegenspieler des himmelstürmenden Königs wäre der Turmbaumeister gewesen, der die Idee des Königs ausgeführt, aber zugleich in seinem eigenen Sinn umgebogen hätte. Er hätte den Turm gebaut, um die Menschen zu beherrschen und nicht um den Himmel zu erobern, und wäre zuletzt als Hochverräter umgebracht worden, sterbend noch die Freiheit proklamierend, nachdem er alles getan hätte, die Menschheit durch und durch zu versklaven. Die Anmerkung zu der Ausgabe von 1957 ist schon verhaltener, vorsichtiger: "Ob die Handlung weitergeführt wird, weiß ich noch nicht. Dem Plane nach sollte als nächstes Stück der Turmbau selber dargestellt werden: Die Mitmacher. Alle sind gegen den Turm und dennoch kommt er zustande..." Soweit man aus so fragmentarischen Äußerungen Schlüsse ziehen darf, scheint die Idee in Dürrenmatt noch im Fluß zu sein. Ob sie überhaupt verwirklicht werden kann, würde erst ein über das Planen hinaus gediehener Versuch zeigen.

    Die erste Fassung des Engel wurde dem für echtes, dichterisches Theater offenen Zuschauer und Zuhörer zu einem ErIebnis. Dürrenmatt hat hier neben aller Größe, aller dramatischen Handfestigkeit etwas Neues erreicht: tänzerische Anmut, Grazie. Und nicht als Gegensatz zü der Größe, sondern als eine ihr innewohnende Kraft. Dabei ist die Kühnheit des Vorwurfs nicht kleiner als in den andern Stücken - ganz im Gegenteil. Denn alles Hin und Her der Handlung ist ja nichts anderes als der Versuch, ein Versehen eines Engels mit Hilfe eines Dichters im Sinne des Himmels wiedergutzumachen. Daß der Engel sich täuscht, ist ihm übrigens nicht restlos zur Last zu legen, auch er ist ja im Grund von dem Bibelwort in die Irre geführt worden, von dem Wort, das die Letzten die Ersten sein heißt und das also in einem König durchaus einen Bettler erkennen lassen kann. Und nun, nachdem das geschehen ist, geistert ein seltsames Dreigespann in diesem Stück herum: das Schicksal, das gar nicht blind ist, sondern zielbewußt, wenn auch ränkereich, den Ersten zum Letzten machen will; der Engel, der sich täuscht und immer wieder täuschen muß; und endlich der Dichter, der gar nicht engelhafte, der mit viel menschlicher Pfiffigkeit und Wendigkeit die Rechnung des Himmels ins reine bringt. Ein Engel, der sich täuscht, das ist für viele Gläubige an- stößig. Aber man muß ihn wohl fassen wie eine jener antiken Gottheiten, die letzten Endes ebenfalls dem Deus, dem Fatum unterstehen und als Untergebene dieses einzigen Gottes durchaus einmal irren können. Dürrenmatts Engel irrt fromm: christlich, indem er Bettler und König verwechselt - er sollte sie allerdings nicht verwechseln, sondern auswechseln, aber er liebt die Spitzfindigkeiten nun einmal nicht -, und er irrt himmlisch, indem er die Welt nur von außen, nur im Sinn göttlicher Harmonie zu sehen vermag. Dieser Engel handelt wie ein Dichter, er spricht ja auch wie ein Dichter, er biegt alles leicht und glücklich zurecht. Er hat seinen Widerpart in der Figur des Nebukadnezar, des luziferischen Menschen, der sich vergöttlichen möchte und sich verschmäht findet, weil er sich vermißt. Nebukadnezar soll nun zur komischen Figur des Stücks werden, zu dem Vertreter jener "hohlen Tragik, die unmittelbar komisch wird". Es ist kennzeichnend, daß Dürrenmatt das Komische körperlich definiert, als das nämlich, was seinen Körper nicht ausfüllt. Dem Komischen entgelit nur das Wesen, das sich aus- füllt, sich erfüllt, das was "in sich stimmt" und damit auch "an sich stimmt". Das tönt nun einfacher, als es ist. Denn dieser Nebukadnezar ist zunächst einmal eine ausgefüllte Figur. In dem Wettstreit mit Akki, einer der komödiantisch und sprachlich gelungensten Szenen, die Dürrenmatt geschaffen hat, ist er der maßstabsgemäße Widerpart Akkis, seine Komik enthüllt er eigentlich erst durch seine Verdop- pelung in Nimrod. Dürrenmatt hat ja oft aus der Figur des Zwillingshaften komische Wirkung gezogen - etwa aus Menschen, die unter das Joch eines einzigen Satzes gezwungen werden (Quartett Erzminister, Utnapischtin, General, Henker im ersten Akt), oder aus gleichsam serienfabrizierten Existenzen. Er hat nun aus dem Doppelwesen Nebukadnezar-Nimrod die Hohlheit entwickelt, denn wenn zwei Leiber da sind für eine Seele, dann entsteht eben jene hohle Tragik, die Komik ist. Dürrenmatt hat sein Stück vor allem an diesem Doppelwesen "verbessert", er hat dessen Auswechselbarkeit in flinken Rhythmen eingesetzt in der zweiten Fassung; daß bald der Eine unten ist, bald der Andere, das wird nun viel bühnengerechter durchgeführt. Immerhin bleibt der Nachteil dieses letzten Aktes, daß er übervoll bepackt ist. Es wird darin ungefähr mit allem, was sich Menschenwelt nennt, abgerechnet : Politik, Theologie, Dichtung, Demokratie, Dynastie, Volk, Herrscher - von dem Engel ganz zu schweigen. Die einzelnen Strähnen der Substanz werden freilich sehr dicht und ausgewogen verwoben, aber es bleibt die Überfülle, die diesmal aus dem Thema selber kommt. Immerhin - die Achse, all das zu tragen, ist in Akki da. Er, einer jener "tapferen Menschen, die die Welt bestehen", hat von Anfang bis Ende volle Gegenwart. Er rückt unmittelbar neben einen Romulus; Der hat dessen weltmännischen Humor, dessen Anmut, die Dinge aus der Hand zu lassen, dessen Gelassenheit, dessen überlegenes Unter- liegen. Er steht aber auch Knipperdollinck und Übelohe nicht allzufern. Doch wenn diese aus dem christlichen Pa- radox erschütterndes Narrentum machen, so macht dieser Akki daraus Weltklugheit. Da er von vornherein verzichtet auf die Welt, ist an ihm keine Rache zu nehmen. Da er geschmeidig ist, muß er nicht gebrochen werden. Daß die Gnade des Himmels mit ihm geht, ihm aber nicht zu eigen gegeben ist und er sie auch nicht zu gewinnen trachtet, das macht ihn zu dem Sieger des Stücks. Er hat, was dem Engel fehlt: die Einsicht, und er hat die Übersicht, die dieser auch hat. Er steht zu dem, was übrig bleibt, immer noch übrig bleibt, der "Erde der Bettler, einmalig an Glück und einmalig an Gefahr... " Findet dieser Akki seinen Darsteller, so wird das Stück jede Aufführung bestehen. Sowohl Ponto wie Knuth haben das klar bewiesen.

    Es weht Märchenluft in diesem Werk. Dabei enthält es, wie man sehr bald entdeckt, sehr viele der für Dürrenmatt typischen Motive: neben dem christlichen Paradox zum Beispiel die Figur des kultivierten Henkers, das Lob der Kochkunst, den Hohn über das Sammelsurium unserer Kultur, den Spott über die einträgliche Verzweiflung, den Zweifel an der Ehrlichkeit des Geistigen, den Hohn gegenüber dem hohlen Ehrbegrifl, die Anprangerung theologischer Anpasserei. Aber all das ist hier merkwürdig schwebend, von einer zauberischen Vorläufigkeit; all das hat Bestand, weil es nicht zu stehen trachtet, der Bettler ist "verfügbar" und damit frei, der Engel schwebt von Berufs wegen, das Mädchen ist auf ewiger Suche. Doch kommt das im Tiefsten wohl nicht nur aus dem Thema, sondern aus der Sprache, dieser immer zum Aufflug bereiten Sprache, die sich an der Grenze zwischen Poesie und Prosa hält durch die Makamenform und durch die hymnischen Worte des Engels. Nicht umsonst steht ein Wort Hölderlins, "Ihr Ströme des Euphrat", dem Werk Pate. Man braucht diesen Engel gar nicht fliegend zu zeigen, er darf verharren, der Sprachboden dieses Stückes ist immer schon schwebend oder zum Fluge bereit. Wie es Dürrenmatt gesagt hat : "Die Makamen des Akki sind nichts anderes als die äußerste Möglichkeit seiner Sprache und somit eine Verdichtung seiner Gestalt. Akki wird in ihnen ganz Sprache, ist in ihnen Sprache geworden, und dies hat ein Bühnenschriftsteller immer anzustreben: daß es in sei- nem Theater Momente gibt, in denen die Gestalten, die er schreibt, Sprache werden und nichts anderes." Aber wie ganz verflochten ist hier die Sprache mit der Gestalt, wie unmöglich ist hier das, was im Blinden und in Es steht geschrieLen noch möglich war: die Sprache abzulösen von der Theaterfigur, sie als ein An-sich zu betrachten.